II. Gedicht aus dem Zyklus „Die Träume, die wir zurückließen“
Es geschieht nicht
an einem großen Tag.
Kein Donner.
Kein Warnruf.
Nur langsam
wird etwas still.
Ein Traum
zieht sich zurück
wie Wasser
bei Ebbe.
Zuerst
merken wir es kaum.
Wir unterschreiben Namen.
Wir kaufen Möbel.
Wir sprechen
von Sicherheit.
Wir lernen Sätze,
die gut in Räume passen
und schlecht
in ein Herz.
„So ist das Leben.“
„Man muss realistisch sein.“
„Es geht nicht anders.“
Und während wir sie sagen,
steht irgendwo
unser jüngeres Ich
noch immer
auf unseren frühen Wegen,
die wir längst erlassen haben.
Mit leeren Händen,
die bereit waren
für die Welt.
Mit Augen,
die noch glaubten,
dass Mut
ein Anfang sein kann.
Doch wir gehen weiter.
Durch Jahre.
Durch Pflichten.
Durch Tage,
die sich so oft wiederholen,
bis man sie
für das Leben hält.
Und eines Abends
sehen wir im Spiegel
für einen Augenblick
jemanden,
der einmal
wir waren.
Dann verstehen wir:
Vernünftig werden
bedeutet nicht,
dass wir klüger wurden.
Es bedeutet nur,
dass wir begannen,
uns selbst
so lange zu erklären,
bis aus Sehnsucht
ein Plan wurde,
aus Mut
Vorsicht
und aus einem Traum
etwas,
worüber man später
nicht mehr spricht.
Denn der Tag,
an dem wir vernünftig wurden,
war der Tag,
an dem wir begannen,
unsere Wahrheit
gegen ein Leben
einzutauschen,
das man aushalten konnte.
Und wir nannten es
Erwachsensein.
(C) SamDeWenah