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Gedichte über Opfer


Behütetes Leben > Parabel

Regen prasselt auf eine schöne Wiese. Eingezäunt von Maschendraht,
100 mal 150 Schritte.
Vereinzelte Holunderbüsche bieten den einzigen Schutz vor Wind, Regen und Sonne.
Schnell verliert sich der verlockende Duft der Blütenteller in Nichts.
Junge Gänse suchen fröstelnd Schutz unter den Büschen.
Schnell war die Sonnenwärme aus ihren Federn geblasen.
Zusammengedrängt zu hunderten, in weiße kleine Gänseinseln. Angstvoll und unbehütet. Ihre Eltern durften sie nie kennenlernen.
Sie haben gemerkt, dass sie nur stark sind, wenn sie sich gegenseitig schützen.
Regen und Wind wechseln sich mit wärmenden Sonnenstrahlen ab.
Schnell kehrt der Lebensmut bei den Gänsen zurück.
Bei wildem Schnabelgegrummeln glätten sie ihre Federn.
Sie schütteln ihre Bertzel und verteilen mit den Schnäbeln das Fett daraus auf ihrem weißen Federkleid.
Auseinanderstrebend rupfen sie gleich darauf das Gras.

Der kleine Teich ist für alle Gänse die Attraktion, bei dem sie sich gerne treffen.
Sie unterhalten sich, machen sich wichtig, bilden kleine Gruppen... prominieren am Ufer oder schwimmen.
Geschäftig nie ruhend und immer bedacht gut auszusehen.
Scheinbar gleichen sie sich und trotzdem meint jede die Schönste zu sein… etwas ganz Besonderes.
Nach dem Vergnügen verteilen sie sich wieder auf der ganzen Wiese, bis zum Zaun.
Einige stören sich daran und versuchen ihn zu überwinden.
Alle Bemühungen bleiben erfolglos!

Später, wenn sie fast fliegen können, werden ihnen auf einer Seite einige Flügelfedern gestutzt.
Mit den gestutzten Flügeln sind sie nicht mehr flug- und fluchtfähig.

Bald stört es sie nicht mehr. Zaun....was ist Zaun?
Jeden Tag gehen sie Ihrer Beschäftigung nach, putzen sich raus, schwimmen, unterhalten sich, fressen und finden ihr Leben immer schöner.
Das Grün, das Kraftfutter, alles dazu geeignet aus ihnen immer schönere Gänse werden zu lassen.
Ihre Welt steht ihnen offen. Immer fröhlich, geschäftig, unbeschwert.
Dabei wachsam das schönste Gras, das meiste Kraftfutter zu bekommen.

Mancher Tag bringt Aufregung.
...ein Greifvogel versucht sich eine aus ihrer Mitte zu holen. Der junge Hofhund rennt bellend in wilder Hatz am Zaun entlang......

Alles wird immer wieder gut... die Gänse wachsen heran.
Sie gehen davon aus, dass ihr Leben nie schöner und besser sein kann.

Normalerweise verstehen sich Gänse zu verteidigen.
Als sie nun zusammengetrieben werden, wehren sie sie sich nicht mehr... sie haben Todesangst...
Rücksichtslos werden ihnen die Daunenfedern gerupft.
Die Schmerzrufe sind verhallt. Freigelassen konnten sie zurück auf die Wiese fliehen, froh mit ihrem Leben davongekommen zu sein.
Gerupft und der Willkür ausgesetzt, haben sie doch ihr Leben behalten dürfen.
Eine Erfahrung, die sie nach ein paar Tagen wieder vergessen haben, können sie ihrem gewohnten Leben nachgehen... etwas gerupft, aber sonst unversehrt.
Oder wie war das?.....gibt es doch Tage die sie nicht kennen?

Diese anderen Tage kamen!
Viele von ihnen wurden zusammengetrieben, eingefangen und weggebracht.
Die kamen aber nicht mehr zurück.
Das stört die anderen nicht weiter. Die kurze Aufregung, die Störung des Einfangens vieler von Ihnen war bald wieder vergessen.
Hat es doch jetzt den Vorteil: mehr Platz, mehr Gras zum Rupfen, kein so großes Gedränge mehr beim Schwimmen.

Auch wenn sie es noch nicht wissen, werden sie ebenfalls eingefangen und weggebracht... wie bei ihren Artgenossen zuvor, mit einem Stich in den Hinterkopf das Leben genommen.
Ausgeblutet werden sie wieder gerupft, ausgenommen, ohne Kopf, mit ihrer Leber, Magen und Herz versehen, in Klarsichtfolie verpackt.
Schnell werden sie an Menschen verkauft, die sich schon das ganze Jahr auf den Gänsebraten gefreut haben.

Wechseln wir nun das Gänseleben mit dem Leben der Menschen aus....

Ihr tägliches Bemühen, Ihre Hoffnungen, Wünsche, Streben.
Wo unterscheidet sich das von den Gänsen auf der kleinen Wiese.
Mit welcher Arroganz und Ignoranz glauben Menschen frei zu sein, Ihr Leben selbst bestimmen zu können?
Alles ist vorgegeben, geregelt...
Verwaltet in ihrer scheinbaren Freiheit, unterwerfen sie sich immer mehr den Lasten, den Verpflichtungen und bildet sich ein, es sei ihre freie Entscheidung.
Nur....wo unterscheiden sie sich von den Gänsen?
Wo ist ihre Freiheit? außer in der menschlichen Überheblichkeit!?
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Bekenntnis eines Poeten

Ich habe meine inneren Türen verschlossen
So wie die Sonne abends ihre Strahlen einzieht
Sammle ich meine Essenz, meine Wörter
Einzelne Silben, vereinzelt Gold
Ich will nicht schreien
Ja, ich schreibe

Ich weiss wie sehr mir Liebe fehlt
Ich kann kein Blut sehen
Wenn es Ängste regnet
Flüchte ich mich in die Vergangenheit
Ich will nicht schreien
Ja, ich schreibe

Ich schäme mich nicht der Welt zu zeigen
Gerechtigkeit ist eine Einbahnstrasse
Wir sind die neuen Henker, moderne Richter
In uns, um uns - unbewusst Täter und Opfer
Ich will nicht schreien
Ja, ich schreibe

Hier wird geboren, da gehungert und gelitten
Manchmal leise gestorben
Der Wind, er segnet alles
Die Erde, das Meer, jede Bewegung
Selbst das Ungewisse
Ich will nicht schreien
Ja, ich schreibe

Die Welt da draußen, sie lebt von Klischees
Ich habe mich ausgesperrt
Es fällt mir immer schwerer
Die Wahrheit ans Licht zu zerren
Oh Verzeihung!
Ich will nicht schreien
Ja, ich schreibe

Ich stehe vor meinem Schicksalsrad
Mit dem 10. Trumpf in der großen Arkana
Wenn die höheren Mächte resignieren
Siegen die geistigen Widersacher
Bleiben die Klänge stehen
Ich will nicht schreien
Ja, ich schreibe

Das falsche Lippenrot
Mein Herz in Bitterstoffe getaucht
Ertrinken in den Alltagswellen
Die Seele verstrudelt
Jemand sagt, ich hätte einen Wunsch frei
Ich würde die Hügel begraben
Im Land wo die Vögel nicht mehr singen
Und Herz und Adern erfrieren
Die Heimat der Unmenschlichkeit
Ich würde sie mit einem Schild versehen:
Dieser Tag endete mit uns!


© Marcel Strömer
[Magdeburg, den 19.05.2018]
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