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Gedichte über Gewalt

Gewalt ist Thema in der Gesellschaft. Hier finden sie Poesie zu Gewalt jeglicher Art und Zivilcourage


Zwischen meinem Nein und deinem Weitermachen

Ich habe Nein gesagt.
Nicht einmal.
Nicht leise.
Nicht unsicher.

Ich habe es mit meinem Mund gesagt,
mit meinem Körper,
mit meinen Händen,
die dich weggeschoben haben,
weil etwas in mir schon wusste,
dass es sonst nicht sicher ist.

Du hast es gehört.
Du hast es gespürt.
Und du hast es ignoriert.

Du hast weitergemacht,
als wäre mein Nein nur ein Hindernis,
etwas, das man überspielen kann,
wenn man nett genug lächelt
und lange genug dranbleibt.

Du hast mich angefasst.
Nicht aus Liebe.
Nicht aus Nähe.
Sondern aus deinem eigenen Willen heraus.
Und meiner war dir egal.

Ich habe Zeit gebraucht.
Nicht, weil ich prüde bin.
Nicht, weil ich mich ziere.
Sondern weil mein Herz
nicht so funktioniert wie dein Hunger.
Weil Nähe für mich
Sicherheit braucht
und keinen Druck.

Ein paar Monate Kennenlernen
und du kanntest doch nur meine Haut.
Du hast gestreichelt,
was du sehen wolltest,
aber nie gefragt,
ob ich mich darin eigentlich wohlfühle.
Nie gefragt,
ob ich noch bei mir bin.

Ich habe „noch nicht“ gesagt.
Du hast „bald“ gehört.
Ich habe „ich brauche Zeit“ gesagt.
Und du hast entschieden,
dass mein Nein nicht endgültig ist.

Und irgendwann habe ich nachgegeben.
Nicht, weil ich wollte.
Sondern weil ich dachte,
Nähe sei ein Beweis.
Weil ich dachte,
Liebe zeigt sich in dem, was man gibt,
auch wenn man innerlich still wird
und sich selbst ein Stück verlässt.

Du sagst, ich würde übertreiben.
Ich hätte etwas verdreht.
Als wäre ich die Dramatische.
Dabei erinnere ich mich,
und du willst dich nicht erinnern.

Aber das war kein Film in meinem Kopf.
Das war mein Körper,
der eingefroren ist,
während du so getan hast,
als hättest du ein Recht auf ihn.
Als wäre mein Zögern
nur ein Teil des Spiels.

Du hast dir genommen,
was ich nicht freiwillig gegeben habe.
Nicht immer mit Gewalt.
Nicht immer mit offenem Zwang.
Aber jedes Mal in diesem Moment,
in dem mein Nein
keinen Raum mehr hatte
und Nachgeben sich sicherer anfühlte
als Widerstand.

Ich spreche heute darüber.
Nicht für dich.
Sondern für jede,
die glaubt,
sie hätte deutlicher sein müssen.
Oder weniger nett.

Zwischen meinem Nein
und deinem Weitermachen
liegt die Grenze.
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Viele Menschen machen im Verlauf ihres Lebens Erfahrungen mit Gewalt. Dabei muss es sich nicht um höchst traumatische, persönliche Kriegserlebnisse handeln. Gewalt hat viele Gesichter. Ein mit krebsrotem Antlitz brüllender Vater, eine Mutter, der bei strapazierten Nerven die Hand ausrutscht, ein Chef, der einem bei jedem Gespräch so nah auf die Pelle rückt, dass einem das unangenehm ist. Gewalt muss nicht laut und mit offensichtlichen Verletzungen daherkommen. Die stille Gewalt ist hinterlistig und oft nicht leicht zu erkennen. Die Schwiegermutter, der nichts gut genug ist und die bis in alle Ecken und Winkel einer Familie hinein intrigiert, hat letztlich alle Menschen, die dazugehören, in ihrer Gewalt. Und dann ist da noch die Gewalt in der Welt, die jeden Tag mit den Nachrichten aus den Medien auf unseren Tisch daheim gekippt wird, ob wir nun zuhören wollen oder nicht: Kriege und Vertreibung, Bombenattentate und Entführungen, Enthauptungen, die angeblich im Namen der Religion minutiös im Internet protokolliert werden. Niemand kann sich dieser immer mehr um sich greifenden, alltäglichen brutalen Gewalt entziehen. Die Werke auf Gedichte Oase sind Versuche, mit dieser gewalttätigen Welt umzugehen. Allein der Schritt, in Worte zu fassen, was einen angesichts der Gewalt, der Menschen ausgesetzt sind, bewegt, ist gleichzeitig ein erster Schritt, um sich ihr entgegenzustemmen.