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Gedichte über den Computer


Der EDV-Liebesbrief per 24-Nadel-Drucker

Betörend ist das Wort geflossen,
in Tinte ist's dahingegossen
auf rosarotes Briefpapier;
wie aber imponiert es ihr ?
Verrät nicht jener Punkt am Rand
deine zitternd bange Hand ?
Wie wär's, wenn man Gedrucktes schriebe,
die Handschrift noch verborgen bliebe,
die am Ende unzulänglich ?
Denn graphologisch unverfänglich
ist das Schriftbild der Maschine;
so rückst du mit gelöster Miene,
wenn anfänglich auch zögernd nur,
erwartungsvoll zur Tastatur.

Ist dein Einfall nun ein guter,
auf dem Umweg per Computer
den Liebesgruß zu editieren,
wird die Wirkung profitieren,
wird die Vielzahl der Optionen
dich für den Entschluss belohnen ?
Können denn zwei Dutzend Nadeln
ein liebes Wort noch höher adeln,
wie einst des Minnesängers Leier
die Chancen mehrte für den Freier ?
Denkt die Leserin modern,
glaubt sie gedruckten Schwüren gern ?
Wie beurteilt wohl dein Schatz
den ausgefransten Flattersatz ?
Könntest Punkte du verbuchen,
wollt'st du den Blocksatz mal versuchen,
an beiden Seiten schön gerade,
verlässlich wie der Tugend Pfade;
oder wirkt dies zu penibel ?
In welchem Maß ist sie sensibel
für ein stilvolles Layout,
das auf Computergraphik baut ?

Bringt dein graphisches Bemühen
gar eine Rose zum Erblühen
so eben noch am untern Rand,
bringt's eine Frau um den Verstand.
Was es als "Clipart" sonst noch gibt
für Menschen, die extrem verliebt,
zum Beispiel zwei verschlung'ne Hände,
ein solcher Anblick spricht doch Bände !

Man muss ein Herz nicht mehr in Rinden ritzen,
denn die behenden Nadelspitzen
erzeugen es verblüffend plastisch,
und obendrein ist es elastisch,
lässt sich auf viele Arten ändern
mit derben oder zarten Rändern,
lässt sich in schlanke Formen litten;
und auch diese Vektorschriften
sind beliebig frei skalierbar,
die Dimensionen variierbar,
erscheinen völlig ungenormt,
von hohlen Spiegeln wild verformt.
Sie sind schon fast nicht mehr zu zählen;
nun aber sollst du Zeichen wählen,
die am besten wohl belegen,
welche Triebe dich bewegen.
Auch die heimlichen Gedanken,
die ungeschrieben darin ranken,
sie sind bedeutsam und sie gleichen
jenen Druckersteuerzeichen,
die - dem Leserblick verborgen – maßgeblich für den Ausdruck sorgen.
Mit welchem „Font" gehst du zu Werke,
damit's die Angebetete bemerke ?
Da gibt es doch zum Beispiel „Script";
schaut gar nicht aus, als sei's getippt.
Eine Schrift ist's zum Verlieben,
wirkt fast, als ob von Hand geschrieben !

Nachdem dein Hirn - schon arg zerschunden –
letztendlich noch Geschmack gefunden
an diesem Outfit deiner Grüße,
bekommst erneut du kalte Füße:
Los! Entscheide dich beflissen,
denn dein PC will ernsthaft wissen,
ob das Auge soll verweilen
auf engen oder weiten Zeilen,
ob Standardzeichen, ob kursiv,
und dies verwirrt dich abgrundtief! -

Die Zeit entschwindet und mit Macht bricht
der Erwerbsdruck sich nun Bahn,
ruft unerbittlich dich zur Nachtschicht,
zerstoben ist der schöne Wahn,
du könntest zarte Saiten rühren
mit deinem Brief, der ungestaltet
nicht Liebesglut vermag zu schüren,
die grau zu Asche nun erkaltet.
Brich auf mein Freund, brich ab dein Werben.
Die Zeichenvielfalt ist zu groß;
im Datenstrom muss Liebe sterben,
zwei Dutzend Nadeln töten bloß !!!
Günter Übel, 1991
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Druckerkrankheit

Ich kann es schier noch gar nicht fassen
und fühle mich im Stich gelassen
von meinem neuen Drucker;
ich bin ein armer Schlucker,
denn was mich völlig umhaut:
das Ding druckt keinen Umlaut !
Verlang' ich konsequent und zäh
den Druck von ü und ö und ä,
so weigert es sich unerbötig,
als seien diese nicht mehr nötig.
Soll ich gar auf sie verzichten ?
Nein, dies dulde ich mitnichten !
Wenn sie sich nicht mehr drucken ließen,
wie vieles bliebe ungepriesen !
Zwei Pünktchen sind es an der Zahl,
die zur Verklärung führen,
die den farblosen Vokal
zum bunten Umlaut küren.
In übervollem Maß beschenkt
die Sprache uns durch sie,
ihr Fehlen aber, es versenkt
uns tief in Lethargie.
Kein Dichterwort löst uns davon,
hebt uns in lichte Höh'n,
viel' blasse Worte gibt es schon,
doch keines lautet schön!
Es gäb' kein klassisches Gedicht,
es gäbe keine neuen,
wir hätten, ach, so vieles nicht,
woran wir uns erfreuen.

Es gäbe keine Mägdelein,
es könnte keins erröten,
es möchte niemand zärtlich sein,
es klängen keine Flöten,
es grünte uns kein Blättelein,
es blühte uns kein Blümelein,
es pickt' in frühem Dämmerschein
kein Vögelein ein Krümelein;
betörend süß erklänge nie
ein rührend musikalisch Stück,
kein Träumer fänd' in Poesie
auch nur ein Quäntchen Gluck.

Umlautverweigerungs-Syndrom
heißt meine Diagnose.
Dagegen hilft doch „SPERRY.COM",
wenn's sein muss, mit Narkose.
Es gilt, bei der Veranlassung
die Kodierung zu erneuern
und die Drucker-Anpassung
gezielt hier umzusteuern.
Die Befehlsimplantation
— meist hexadezimal –
sie wirkt beim ersten Aufruf schon
umfassend, radikal. —
Ein Mensch, der läge nun im Bett,
von Chloroform benommen;
der Rechner ist nach dem Reset
sogleich erfrischt im Kommen :
Wenn nun mein Drucker neu erwacht
und auf sein Farbband hämmert,
schreibt er von Schönheit, güld'ner Pracht,
dann hat's bei ihm gedämmert.
Der Umlaut hilft ihm wundersam,
Vollkommenheit zu zeigen;
nun wissen Speicher und Programm :
sie ist ab jetzt ihm eigen.

Impressionen kurz nach Anschaffung
des ersten Computers mit Drucker 1991.
Günter Übel, 1991
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Leer ist der Flur

Weiße Rosen und weißer Schnee
Ich bin schon tot, es tut nicht weh
Weiße Asche und weiße Federn
Da ist nichts, dass mich hält
Mein Herz ruft "geh!"

Verlasse diese Welt
Steige hoch ins Himmelszelt
In den kosmischen Grund
Der dich formte
Und gebar
Als das Leben wertvoll war

Ich glaub ihnen keinen Wort
Spricht mein Kind
Ich liebe sie nicht, ist wie Selbstmord
Nur ist es wahr, gesprochen im Wind

Mir schwebt nichts im Sinn
Nichts hebt sich zu dem
Der ich bin

Alles was ich war, haben sie kaputt gemacht
Ich seh' keine Reue, keine Verzeihung
Meine Trümmer, sind eine Möglichkeit für sie
Mich zu formen wie es ihnen passt
Und ich geb mir selbst die Schuld
Denn ich bin der, der mich am meisten hasst

Weiße Rosen und weiße Tauben
Sie sind mächtig genug, dir alles zu rauben

Mein Gefühl war falsch, mein Ton zu laut
Meine Art passte ihnen nie
Und doch hab ich vertraut

Küss ihnen die Füße und sie reichen dir die Hand
Ich fühl' mich wie niemand
Und das ist was sie wollen
Denn so haben sie Zugriff auf dich

Und ich bleib niemand, denn ihr kriegt mich nie zu fassen
Sie wissen nichts, nur ist lieben mein Synonym zu hassen
Ich glaub an mich, doch nur an mich allein
Denn so war es, und so wird es sein

Weißer Schwan und weiße Flügel
Ich weiß mein Herz ist frei
Von jeder Lüge
Schwarzer Schwan und schwarzer Flügel
Ich versinke im Klavier
Und ruf : musizier!
Nur ohne Gefühle

Und sie fragen : gehts dir gut?
Doch ich frage mich
Woher nehmen sie den Mut?

Und sie sehen dich
Nur wie sie sich sehen
Ich sehe den Sinn nicht
Hinter dem Verstehen

Sie haben Schwächen, so wie ich
Doch wo bist du, wenn ich sag ich liebe dich
Sie haben Zweifel, und auch Mut
Ich seh' ihr Gesicht nicht
Denn es ist so falsch
Das gesamte Licht

Der Doktor studiert Medizin
Und der Heiler Finsternis
In mir ist alles so leer
Weil es alles so unglaublich bitter ist

Der Handwerker baut Häuser
Und der Traum wird gebaut vom Träumer
Doch meinem Traum fehlen die Farben
Denn ich steh' im Dunklen
Sag mir, was ist, geh' ich zugrunde an den Narben

Ich nehm' den Schmerz von dir
Und schreib ihn aufs Papier
Doch die Dunkelheit überwiegt
Ich bin nicht hell genug
Denn da ist niemand der so liebt

Ich führe Krieg mit der Zeit
Schließe Frieden mit mir selbst
Doch die Kälte macht sich breit
Weil am Ende jeder fällt

Sie lieben anders, ich liebe anders
Denn sie sind anders, wie ich
Dein Wesen, ich verlier es
Denn ich seh' nur dich
Doch niemals mich

Ich muss gehen, wieder gehen
Bis meine Kerne wieder in der Blüte stehen
Ich muss lachen, wieder lachen
Denn sie machen, machen
Es sowieso
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