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Gedichte über das Leben - Seite 3400


Das Leben lieben

Die Wunder der Natur nimmst du nicht wahr,
die sich direkt vor deinen Fenstern vollziehen,
du siehst nicht, wie der junge Gingko dir seine
Zweige mit zartgrünen Blättern entgegen streckt,
lässt dich nicht von der Duftsinfonie der Blüten
im Garten betäuben, die dir alten Glanz zurück
zaubern wollen in deine trüben Sinne; Stunden

gibt es, in denen du blind bist vor Trauer, dass
du die Arme nicht heben kannst, so schwer sind
sie vom Tragen der Lasten des Einsamseins und
vergeblichen Buhlens darum, geliebt zu werden,
in denen die Hand zum Gruß zu heben nur eine
vergebliche Mühe ist; in denen dir die Kraft fehlt,
den Hörer aufzunehmen, wenn das Telefon läutet;

und du bist dir sehr sicher, dass sie nie vergehen,
die Zeiten, in denen du deine Existenz verdammst;
dann fliegt dir aus dem Briefkasten ein goldgelber
Umschlag mit schwarzer Tintenschrift in die Hand,
der nur für dich ist, du weißt auch, wer ihn schrieb;
und du fühlst dich wieder geliebt, und du öffnest
die Augen weit, und deine Dunkelheit verwandelt

sich in Sekunden in Licht und Dankbarkeit, und
du fühlst das Glück des Augenblicks so intensiv
wie nie und lebst in der Illusion, dass du niemals
mehr abstürzen wirst; so reist du durch dein gutes
Leben; mal jubelst du in himmlischsten Sphären,
mal klagst du im schwarzen Schlund der Hölle;
und zwischendurch schwebst du in der ziellosen

Leere langer Tage gemäßigter Zufriedenheit, die
so lange währen, bis du zu grübeln beginnst und
wieder in die Finsternis fällst; doch irgendwann
hast du gelernt, die Tiefe der Verzweiflung nicht
mehr zu fürchten, weil du nun weißt - musst nur
geduldig sein; bald wirst du dich erneu erheben,
in höchste Höhen fliegen und das Leben lieben.





M.M.
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