Sortieren nach:

Gedichte über Emotionen - Seite 444


Was man nicht sieht

Es gibt eine Seite von mir, die die meisten Menschen nicht kennen.

Die Seite, die man nicht sieht, wenn ich morgens aufstehe, mich fertig mache und irgendwie meinen Tag beginne. Die Seite, die nicht sichtbar wird, wenn ich lache, mit anderen rede oder so tue, als wäre alles ganz normal.

Denn manchmal ist „normal“ für mich eine Anstrengung.

Mein Kopf kann sich anfühlen wie ein Raum, in dem gleichzeitig viel zu viele Türen offenstehen. Gedanken kommen durcheinander. Erinnerungen tauchen auf. Dinge, die ich noch erledigen muss, Dinge, die ich vergessen habe, Dinge, die ich gesagt habe und später wieder tausendmal durchdenke.

Und irgendwo dazwischen versuche ich einfach, den Überblick zu behalten.

Manchmal gelingt mir das.

Manchmal nicht.

Es gibt Tage, an denen ich voller Energie bin und tausend Dinge gleichzeitig machen möchte. Ich habe Ideen, Pläne und plötzlich das Gefühl, alles schaffen zu können. Und dann gibt es Tage, an denen selbst die kleinste Aufgabe sich wie ein Berg vor mir anfühlt.

Ich weiß, dass ich aufstehen sollte.

Ich weiß, dass ich essen sollte.

Ich weiß, dass ich etwas erledigen müsste.

Ich weiß es alles.

Und trotzdem sitze ich manchmal da und komme einfach nicht ins Tun.

Das Schlimme daran ist, dass ich selbst nicht immer verstehe, warum.

Ich möchte ja.

Ich nehme es mir vor.

Ich ärgere mich über mich selbst.

Und irgendwann wird aus „Ich mache es später“ ein schlechtes Gewissen, aus dem schlechten Gewissen wird Druck und aus dem Druck wird noch mehr Überforderung.

Bis ich irgendwann gar nichts mehr machen kann.

Und währenddessen sieht es von außen vielleicht einfach nach Faulheit aus.

Aber in mir ist es alles andere als ruhig.

Auch Menschen und Umgebungen können mich manchmal mehr erschöpfen, als man denkt. Zu viele Stimmen. Zu viele Geräusche. Zu viele Eindrücke. Zu viele Menschen. Zu viele Erwartungen.

Manchmal brauche ich nur Ruhe.

Nicht, weil ich niemanden mag.

Nicht, weil mir Menschen egal sind.

Sondern weil irgendwann einfach nichts mehr in mich hineinpasst.

Dann möchte ich mich zurückziehen. Tür zu. Handy weg. Keine Fragen. Keine Erklärungen. Einfach nur Ruhe.

Und selbst wenn ich mich zurückziehe, bedeutet das nicht automatisch, dass es mir gut geht.

Manchmal brauche ich jemanden ganz dringend und kann es trotzdem nicht sagen.

Manchmal wünsche ich mir Nähe und stoße Menschen gleichzeitig von mir weg.

Manchmal möchte ich reden, aber ich weiß nicht, wie ich erklären soll, was überhaupt in mir los ist.

Denn wie soll man etwas erklären, das sich selbst manchmal nicht erklären lässt?

Es gibt außerdem Dinge, die ich erlebt habe und die nicht einfach verschwinden, nur weil Zeit vergangen ist.

Manchmal reicht ein bestimmter Tonfall.

Ein Geruch.

Ein Geräusch.

Eine Situation.

Ein Satz.

Und plötzlich verändert sich etwas in mir.

Mein Körper reagiert, bevor mein Kopf überhaupt verstanden hat, warum.

Ich werde angespannt. Unruhig. Ängstlich. Vielleicht ziehe ich mich zurück. Vielleicht werde ich plötzlich ganz still. Vielleicht funktioniere ich einfach weiter und niemand merkt etwas.

Aber innerlich bin ich längst nicht mehr dort, wo die anderen mich sehen.

Ich trage Dinge mit mir herum, über die ich nicht immer sprechen kann.

Dinge, die mich geprägt haben.

Dinge, die manchmal wieder hochkommen, obwohl ich sie eigentlich längst hinter mir lassen möchte.

Und manchmal bin ich einfach müde.

Nicht nur körperlich.

Sondern auf eine Art müde, die man nicht mit einer Nacht Schlaf beheben kann.

Müde vom Denken.

Müde vom Funktionieren.

Müde davon, mich selbst ständig zu hinterfragen.

Müde davon, Dinge erklären zu müssen, die ich selbst kaum erklären kann.

Müde davon, stark zu wirken, wenn ich mich innerlich überhaupt nicht stark fühle.

Vielleicht denken manche Menschen, ich würde übertreiben.

Vielleicht denken sie, ich müsste mich einfach mehr zusammenreißen.

Vielleicht sehen sie nur die Momente, in denen ich etwas nicht geschafft habe.

Aber sie sehen nicht die hundert kleinen Kämpfe davor.

Sie sehen nicht, wie oft ich mich selbst überwinden musste.

Sie sehen nicht, wie oft ich etwas angefangen habe und an mir selbst verzweifelt bin, weil ich es nicht zu Ende bringen konnte.

Sie sehen nicht die Nächte, in denen mein Kopf keine Ruhe gibt.

Sie sehen nicht, wie oft ich mich frage, warum Dinge für mich so schwer sein müssen, die für andere selbstverständlich wirken.

Und sie sehen vor allem nicht, wie viel Energie es kosten kann, einfach nur „okay“ auszusehen.

Ich habe gelernt, vieles zu verstecken.

Ein Lächeln aufzusetzen.

„Alles gut“ zu sagen.

Weiterzumachen.

Funktionieren.

Und manchmal funktioniert das sogar ziemlich gut.

So gut, dass niemand merkt, wie schlecht es mir eigentlich geht.

Vielleicht ist genau das mein größtes Problem.

Dass ich nach außen oft stärker aussehe, als ich mich innerlich fühle.

Dass ich manchmal Hilfe bräuchte, aber nicht weiß, wie ich danach fragen soll.

Dass ich mich manchmal selbst nicht verstehe.

Dass ich mich manchmal für meine eigenen Reaktionen schäme.

Dass ich mir wünsche, einfach einmal nicht kämpfen zu müssen.

Nicht perfekt funktionieren zu müssen.

Nicht alles im Griff haben zu müssen.

Nicht erklären zu müssen, warum ich heute anders bin als gestern.

Ich möchte nicht, dass die schweren Tage bestimmen, wie man mich sieht.

Aber ich möchte auch nicht so behandelt werden, als gäbe es sie nicht.

Denn ich bin beides.

Ich bin die Person, die lacht.

Die Pläne macht.

Die anderen zuhört.

Die versucht, weiterzumachen.

Und ich bin auch die Person, die manchmal im Bett liegt und nicht weiß, wie sie den nächsten Tag schaffen soll.

Die sich zurückzieht.

Die überfordert ist.

Die Angst hat.

Die zu viel denkt.

Die Dinge vergisst.

Die manchmal einfach nur Ruhe möchte.

Ich bin nicht weniger wert, nur weil mein Alltag manchmal anders funktioniert.

Nur weil man nicht sieht, wie sehr ich mich bemühe, heißt das nicht, dass ich es nicht versuche.

Und ich bin nicht schwach, nur weil es Momente gibt, in denen ich nicht mehr kann.

Ich versuche jeden Tag, mit all dem zu leben, was in mir passiert.

Manche Tage schaffe ich besser.

Manche schlechter.

Und vielleicht muss ich nicht jeden Tag beweisen, dass ich stark bin.

Vielleicht darf ich manchmal einfach nur ein Mensch sein, der sein Bestes gibt.

Auch wenn dieses Beste heute vielleicht nur bedeutet, aufzustehen.

Zu atmen.

Weiterzumachen.

Und sich selbst nicht aufzugeben.

Denn auch wenn man meinen Kampf nicht sieht,

heißt das nicht, dass ich nicht jeden einzelnen Tag kämpfe.
... hier klicken um den ganzen Text anzuzeigen




Fragen, die ich nicht stellen durfte aus Angst

Es gibt Fragen, die begleiten mich, seit ich denken kann.
Sie waren immer da, leise, schwer, unausgesprochen.
Nicht, weil sie unwichtig waren, sondern weil sie zu groß waren für ein Kind.

Hast du mich wirklich gewollt?
Nicht aus Pflicht. Nicht, weil es eben so kam.
Sondern aus deinem Herzen heraus.
Ich habe es nie gefragt, weil ich spürte, dass ein Nein mich hätte zerbrechen können.
Also habe ich gelernt, mich anzupassen, statt dieses Risiko einzugehen.

Wie hast du mich geliebt?
War deine Liebe still, unbeholfen, überfordert?
Oder war sie einfach nicht erreichbar für mich?
Ich habe mich oft gefragt, ob ich sie nicht sehen konnte
oder ob sie nie so da war, wie ich sie gebraucht hätte.
Und ob es für ein Kind überhaupt einen Unterschied macht.

Habe ich etwas falsch gemacht?
War ich zu sensibel, zu laut, zu viel?
Oder einfach nicht das Kind, das du dir vorgestellt hast?
Ich habe es nie gefragt, weil ich die Schuld lieber bei mir trug,
als zu riskieren, dass sie wirklich bei euch liegt.

Warum hast du mich nie in den Arm genommen,
wenn ich Trost gebraucht hätte?
Warum musste ich lernen, mich selbst zu halten,
obwohl ihr da wart?
Ich habe es nie gefragt,
weil ich irgendwann glaubte,
Nähe sei etwas, das man sich verdienen muss.

Hast du mich wirklich gesehen?
Nicht das brave Kind.
Nicht das funktionierende.
Nicht das stille.
Mich.
Mit all dem, was ich nicht sagen konnte.
Oder war ich nur dann sichtbar,
wenn ich keine Arbeit gemacht habe?

Hast du gemerkt, wie ich leiser wurde?
Wie ich weniger fragte, weniger wollte, weniger fühlte?
Wie ich früh gelernt habe, stark zu sein,
bevor ich mich sicher fühlen durfte?
Ich habe es nie gefragt.
Dein Schweigen war Antwort genug.

Gab es einen Moment, in dem du gesehen hast,
wie viel Angst ich hatte?
Wer war da, um mich zu schützen,
als ich es selbst noch nicht konnte?
Ich habe es nie gefragt,
weil ich früh verstanden habe,
dass für meine Unsicherheit kein Platz war.

Durfte ich traurig sein?
Oder war das zu viel?
Durfte ich wütend sein?
Oder war das gefährlich?
Ich habe gelernt, sie leise zu machen,
damit sie niemanden überfordern.

Ich habe früh verstanden, dass Fragen gefährlich sein können.
Dass sie Ablehnung nach sich ziehen.
Dass sie Dinge berühren, für die kein Raum war.
Also habe ich geschwiegen.
Und dieses Schweigen wurde zu meinem Schutz
und zu meinem Käfig zugleich.

Diese Fragen trage ich noch heute in mir.
Ungestellt.
Unbeantwortet.
Sie liegen schwer in meiner Brust,
schwerer als jede Wahrheit,
die man mir hätte sagen können.
Denn Ungewissheit lässt Raum für Zweifel.
Für Schuldgefühle, die nie meine waren.
Für den Gedanken, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Heute weiß ich:
Dieses Schweigen war nicht meine Schuld.
Ich war ein Kind.
Und Kinder sollten nicht lernen müssen,
sich Liebe zu erklären
oder Einsamkeit auszuhalten,
während Erwachsene wegsehen.

Manchmal wünsche ich mir,
ich hätte den Mut gehabt zu fragen.
Und manchmal weiß ich,
dass ich ihn nicht haben konnte.

Heute lerne ich langsam,
mir selbst das zu geben,
was ich nie bekommen habe.
Ich lerne, meine Gefühle nicht mehr zu verstecken.
Ich lerne, Nähe zuzulassen,
ohne sie mir zu verdienen.

Die Fragen sind noch da.
Aber sie haben nicht mehr die gleiche Macht.
Denn ich darf heute fühlen.
Ich darf Nein sagen.
Ich darf bleiben.

Mein Schweigen war kein Versagen.
Es war Überleben.
... hier klicken um den ganzen Text anzuzeigen