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Gedichte Über Text - Seite 12


Wissen? Wissen!

Wissen, Macht, Maschine
Ein scharfes, mächtiges Auge in einem imaginären Raum, nennen wir den Raum „K plus I plus J in Klammern zum Kubik“, blickt seit ewigen Zeiten auf einen zunehmend größer werdenden Stapel beschriebenes Papier. Der Raum scheint leer, bietet dem Licht keine Angriffsfläche. Ein Vakuum scheint es. Kein Ton dringt an unser Ohr. Die Zeit vergeht. Die durch das Auge betrachten Blätter gewinnen im Laufe der Jahrhunderte an visueller Transparenz, sie werden durchscheinend. Ein Grund für deren zunehmende Durchsichtigkeit mögen die auf den Dokumenten verbliebenen Fettpartikeln der notierenden Hände sein. Das Auge, so muss man hinzufügen, altert nicht, es erneuert sich aus sich selbst heraus, es entwickelt sich fort, lernt die Dokumente mit Blicken zu durchdringen, es nutzt die Wärmestrahlung, das ultraviolette Licht, forscht in den atomaren Strukturen der zu Materie gewordenen Niederlegungen.
Die dargestellten Zeichen, die Formeln von Sprache, die Formen von Sinn, die Bilder und Abbilder zwei- und dreidimensionaler Körper bilden für das sehende Auge in ihrer Überlagerung Muster, Umrisse, Strukturen. Muster und Strukturen, Umrisse, Schemata, die sich verändern, umso mehr dieser Blätter übereinander liegen. Muster, Strukturen, die sich verändern, wenn sich der Abstand zwischen Auge und den betrachteten Blättern verändert, wenn sich die Zeit- und Kraftfelder dieses imaginären Raumes wandeln, wenn sich das Auge anderer Wellenlängen des Lichts bedient, nach anderen Prämissen analysiert. Mit wachsender Zahl von Papieren, mit vergangener Zeit, werden die erfassbaren Inhalte komplexer, tiefer. Das Auge mustert seinen Schatz mit intelligenten, sich wandelnden Algorithmen, verändert seine inneren und äußeren Strukturen, seine Oberfläche. Es sieht nicht nur …
… es trachtet nach Kommunikation mit anderen sensorischen Organen, mit anderen Augen.
Vorerst lebt es im Geist eines erfindenden Autors, im Körper eines lebenden Menschen. Hier ist es eingebettet in das Gedankenreich eines menschlichen Wesens, das mit seiner Umwelt, mit Mitmenschen kommuniziert und einen Lebensweg beschreibt. Eines Wesens, das ein mehr oder weniger bewusstes Ego pflegt, als intelligent gilt und seinen Standort fast nach Belieben wechseln kann. Eines Wesens, das die Form der zum Überleben zugeführten notwendigen Energie in gewissen Grenzen frei wählen kann. Ein Wesen, ein Mensch, der seine Ziele unter seinen Mitmenschen in Grenzen selbst stecken kann. Ein Mensch, der kreativ werden kann. Mit Freunden und Feinden, die er in der Welt um ihn finden kann.

Der Mensch nutzt Wissen für vernunftbasiertes Handeln. Die Maschine sammelt Daten, kann nach vorgegebenen Regeln auswerten. Eine Maschine besitzt keinen Willen. Sie vermag sich nicht fortzupflanzen. Sie hegt keine Gefühle, kann logische Entscheidungen nicht anzweifeln und durch gefühlsbasierte ersetzen. Sie kann sich nicht als autarkes Wesen von ihrem Standort lösen und Erfahrungen wie ein Mensch in der Welt sammeln.
Die Schriftsprache ist ein Echo der Vergangenheit. In der Gedankenwelt des Autors gewinnt die Maschine mehr und mehr die Fähigkeit, äußerlich Menschengestalt anzunehmen und Eigenarten des Menschen zu imitieren. Fortschritte in der Gentechnik, so vermutet der Mensch, werden schon bald dazu führen, dass komplexe organische Funktionen durch Biomasse übernommen werden können. Reverse engineering bis zu einem Punkt, an dem der eingreifende Geist Profit ziehen kann, gewissermaßen. Die Organe lassen sich zwar nicht autark aus toter Materie herstellen, aber bestehende Biomasse kann durchaus umprogrammiert werden.
Die Geschichte lehrt, dass moralische und ethische Bedenken nur für kurze Zeit Relevanz besitzen. Mit wachsendem geistigem Potential erzeugt die Natur als äquivalenten Ausgleich auch menschliche Individuen, die sich über solche Bedenken hinwegsetzen. Es gibt genügend Beispiele dafür. Die erfundene Waffe, die nicht auch angewendet wurde, die gibt es nicht, so der Wissensstand des Autors.
Die Zukunft? Die Zukunft bietet so viel Raum, dass vermutlich alle Facetten der Gedankenwelt nachbildbar sein werden, wenn sie sich nicht gegenseitig ausschließen. Einer dieser bekannten Ausschlüsse wurde uns allen bekannt gemacht, er wird religiös transzendiert überliefert: Ein Paradies wird es in der realen, in der rationalisierten, in der verdinglichten Welt nicht für alle geben. Wenn der Mensch nach Gottes Ebenbild erschaffen wurde, gilt für das Mensch genannte Individuum der Ausschluss. Engel, Teufel und Götter hingegen beschreiben andere Wege. Was für einige Elemente, die sich unter die Menschheit mischen, gemischt haben, Grund genug ist, erst gar nicht auf paradiesische Verhältnisse zuzustreben.

Wissen wird erst zu Wissen, wenn es in einem übergeordneten Kontext Bedeutung erlangt, eine Hilfe darstellt, die eine Bewertung ermöglicht und die Qualität einer bewussten Handlung steigert, verbessert. In der Regel werden Informationen innerhalb einer menschlichen Gruppe kommuniziert und diskutiert, sie dienen dazu, eine gemeinsame neue Wissensbasis zu bilden. Die hilft den Menschen sich als Menschen zu organisieren. Profitiert jedoch ein einzelnes elitäres Wesen von den gesammelten Informationen und zieht seine Schlüsse alleine, dann entsteht daraus nicht Wissen, sondern persönliche Macht. Ein narzisstisch veranlagtes Wesen vermag sich in nicht nur emotionell in gottesgleiche Sphären zu erheben, auch sein Selbstbewusstsein wird sich dementsprechend formen, er wird Gott, Teufel und Engel verkörpern wollen. Vermutet der Autor.


© Auris cAeli




Sommersonnenwende

ich denke oft an die sommersonnenwende

an diesen einen tag
an dem das licht am längsten bleibt
als hätte die sonne vergessen
wann sie nach hause gehen soll

die menschen feiern ihn
als wäre er ein höhepunkt
als hätte das jahr seinen höchsten atemzug erreicht
bevor es langsam wieder ausatmet

und ich verstehe warum
es gibt etwas Ehrfurchtgebietendes daran
so viel helligkeit zu betrachten
so viel himmel
so viel gold auf den straßen
so viel leben
das sich nach draußen drängt

und trotzdem
macht mich dieser tag ein wenig traurig

denn die sommersonnenwende
ist nicht nur der längste tag
sie ist auch der tag
an dem das licht beginnt
sich wieder zu entfernen
fast unmerklich
fast unfair


als würde etwas seinen rückzug antreten
im selben moment
in dem es seinen höhepunkt erreicht

vielleicht berührt mich das
weil ich menschen genauso erlebe
wir verbringen so viel zeit
damit irgendwo anzukommen
und wenn wir endlich dort sind
merken wir
dass nichts stehen bleibt
nicht die freude
nicht die liebe
nicht einmal die version von uns
die so lange gekämpft hat
um hierher zu gelangen

ich erinnere mich
wie ich als kind glaubte
erwachsen sein würde sich anfühlen
wie die sommersonnenwende
als gäbe es irgendwann
einen tag
an dem alles hell genug wird
an dem alle fragen beantwortet sind
an dem ich aufwache
und endlich weiß
wer ich bin
doch stattdessen
bin ich hier
älter als damals
und immer noch verwirrt

immer noch auf der suche
immer noch dabei
mich selbst kennenzulernen
wie einen fremden
der zufällig meinen namen trägt

und manchmal frage ich mich
ob wir das leben falsch betrachten
vielleicht geht es nie darum
anzukommen
vielleicht geht es darum
immer wieder neu zu beginnen
selbst mitten in der erfüllung

denn die sommersonnenwende erinnert mich daran
dass selbst das licht
nicht versucht
für immer zu bleiben
es klammert sich nicht fest
es fordert keine ausnahme
es macht keinen vertrag mit der zeit
es kommt
es leuchtet
und dann geht es weiter

und ich wünschte
ich könnte das auch

ich wünschte
ich würde menschen loslassen
so wie der himmel den tag loslässt

ohne widerstand
ohne verhandlungen
ohne die ständige frage
ob ich noch etwas hätte anders machen können

aber ich bin ein mensch
und menschen halten fest
an alten gesprächen
an verlassenen häusern
an versionen ihrer selbst
die längst nicht mehr existieren

wir tragen erinnerungen
wie steine in unseren taschen
und wundern uns
warum das gehen so schwer wird
manchmal sitze ich
an einem späten sommerabend
wenn die sonne sich weigert
unterzugehen
und alles in dieses seltsame gold getaucht ist
das nur wenige wochen im jahr existiert
und ich fühle mich gleichzeitig
unendlich lebendig
und unendlich vergänglich
als könnte ich für immer hier bleiben
und als würde alles morgen verschwinden

vielleicht ist genau das
die wahrheit über das leben
dass beide gefühle recht haben
dass wir gleichzeitig dauerhaft
und vorübergehend sind

dass wir spuren hinterlassen
und trotzdem vergehen
dass wir lieben
obwohl wir wissen
dass nichts für immer bleibt
und vielleicht ist das mutigste
was ein mensch tun kann
nicht zu hoffen
dass etwas ewig hält
sondern es trotzdem zu lieben
mit vollem herzen
mit offenen händen
mit dem wissen
dass die zeit immer gewinnt

ich denke
die sommersonnenwende versteht das
sie versucht nicht
die dunkelheit zu besiegen
sie existiert neben ihr
sie weiß
dass die nächte zurückkehren werden
und leuchtet trotzdem
mit allem was sie hat
und vielleicht
sollte ich das auch lernen
nicht darauf zu warten
dass die angst verschwindet
bevor ich mutig bin
nicht darauf zu warten
dass die trauer verschwindet
bevor ich glücklich werde

nicht darauf zu warten
dass ich mich vollständig verstehe
bevor ich anfange zu leben

vielleicht dürfen widersprüche bleiben
vielleicht darf ich licht lieben
und trotzdem von dunkelheit angezogen sein

vielleicht darf ich hoffnung haben
und zweifeln

vielleicht darf ich menschen vermissen
die ich losgelassen habe

vielleicht darf mein herz
mehr als eine wahrheit gleichzeitig tragen
die längsten tage des jahres
haben mich nie an perfektion erinnert
sie erinnern mich an vergänglichkeit
an die seltsame schönheit
eines moments
der seinen eigenen abschied
bereits in sich trägt
und jedes jahr
wenn die sommersonnenwende zurückkehrt
denke ich dasselbe
nicht darüber
wie viel licht noch kommt
sondern darüber
wie kostbar es ist
dass es überhaupt hier war

dass wir für einen augenblick
unter diesem endlosen himmel standen
mit all unseren fragen
mit all unseren widersprüchen
mit all unserer liebe
und all unserer angst
und trotzdem
für einen moment
von der sonne berührt wurden
als wollte sie sagen
ich kann nicht bleiben
aber ich war hier
und manchmal
muss das genügen
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