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Gedichte über Philosophie - Seite 176


Das Erbe kann warten.. [Teil 5]

Frau Scherz behält sich vor, eigene Sichtweisen zu feiern.
Ohne Scherz.

Sie ist jene Figur, die im Publikum sitzt, zunächst reglos, aufmerksam, beinahe streng. Dann steht sie auf. Vielleicht als Erste. Vielleicht als Letzte. Vielleicht beides. Sie klatscht nicht beiläufig, nicht höflich, nicht aus sozialer Pflicht. Sie applaudiert großzügig, mit einer Ernsthaftigkeit, als wäre Beifall ein Grundnahrungsmittel. Als wäre Applaus Brot für die Welt.

Sie weiß, wovon sie spricht.
Frau Scherz kennt die Gepflogenheiten eines Künstlerlebens. Die Rituale. Die Eitelkeiten. Die fragile Ökonomie zwischen Ausdruck und Existenzsicherung. Und dennoch würde sie sich selbst niemals ausschließlich als Künstlerin bezeichnen. Nicht aus falscher Bescheidenheit, sondern aus Realismus.

Denn was sie wirklich schätzt, ist der Überlebenstrieb.
Das Gewachsene.
Das Ausgereifte.
Den Überlebenskünstler in all seinen Erscheinungsformen, jenen, der nicht vom Applaus lebt, sondern trotz seines Ausbleibens weitermacht.

Wenn bei ihr das Unkraut über den Kopf wächst, schmollt sie nicht.
Sie zieht Handschuhe an.
Kämpferisch.
Pragmatisch.
Mit dem stillen Wissen: Leben macht nur Sinn, wenn man wieder aufsteht. Und zwar nicht pathetisch, sondern funktional.

Ihre Sätze modelliert sie nach, angelehnt an viele bekannte Poeten vergangener Zeiten. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt. Als versuche sie, die Zeiten noch einmal einzufangen, wohl wissend, dass das unmöglich ist. „Versuch mal, mit der Hand Regentropfen einzufangen“, sagt sie schmunzelnd zu ihrem Spiegelbild. Und schenkt sich selbst ein Lächeln.

Mit Lächeln hat Frau Scherz nie gegeizt.
Sie verteilt sie nicht wahllos, aber ehrlich.

Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Gemeinwohl. Nicht als Schlagwort, sondern als Platzierungsfrage: Wo steht das Individuum so, dass es in der Fülle der Gemeinschaft tatsächlich aufblühen kann? Sie denkt in Synergien, nicht in Parolen. In Wechselwirkungen, nicht in Alleingängen.

Das ist für sie der wahre Synergieeffekt eines gehaltvollen Miteinanders.
Das ist die Harmonie, von der schon viele Größen vor ihrer Zeit schwärmten, und an der sie dennoch scheiterten. Frau Scherz möchte dort nicht nur zuschauen. Sie möchte teilhaben. Sie möchte sein.

Und ja: Sie tauscht ihren Mantel.
Den aus fröhlich-bunten Stoffen gegen einen ernsten, schweren Minenfeld-Overall. Nicht aus Lust am Drama, sondern aus Verantwortungsbewusstsein. Wer genauer hinsieht, muss vorsichtiger gehen.

Mag sein, dass sie sich dabei verrennt.
Mag sein, dass sie sich sogar selbst ein wenig verrät.

„Scherz und Schmerz sind Geschwister“, sagt sie mit bedauernder Mine. Eine Feststellung, keine Klage. Dann kaut sie auf ihrem Bleistift. Und schreibt nichts.

Auch das ist eine Kompetenz.
Zu wissen, wann Worte noch warten müssen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 18.12.2025]
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Das Erbe kann warten.. [Teil 6]

Frau Scherz katapultiert sich ins Jahr 2026

Frau Scherz startet mit Elan ins Jahr 2026. Nicht laut, nicht marktschreierisch, sondern mit jener Entschlossenheit, die man nur entwickelt, wenn man sich lange genug gefragt hat, was eigentlich noch trägt. Dieser Jahreswechsel war außergewöhnlich, nicht wegen des Datums, sondern wegen ihrer Haltung. Zum ersten Mal seit Jahren begab sie sich unter die Menschen, mitten hinein in eine Silvesterparty in der City. Keine Couch, kein Fernseher, kein ritualisiertes Wegnicken vor Mitternacht. Dieses Mal wollte sie dabei sein. Wirklich dabei.

Die Diskussionen um die Silvesterböllerei kennt sie natürlich. Forderungen nach Verboten, nach Regulierung, nach Schutz vor sich selbst. Frau Scherz hört das alles, wägt ab, und schüttelt innerlich den Kopf. Sie kann diesem Ruf nach immer weiterer Einschränkung gesellschaftlicher Freiräume wenig abgewinnen. Freiheit, so denkt sie, war noch nie risikolos. Selbst ein Böller, der ihr beinahe ins Augenlicht rauschte, quittierte sie mit einem frechen, beinahe kindlichen „Auweia“, und hakte den Moment unter Lebensrealität ab. Die wirklichen Gefahren, weiß Frau Scherz, sind anderer Natur.

Denn die größte Bedrohung kommt längst nicht mehr von Funkenflug oder Pulverdampf, sondern von Schreibtischen. Von jenen, die hinter Formularen, Verordnungen und Roben Entscheidungen treffen, die sich wie unsichtbare Fesseln um den Alltag legen. Bürokratische Tyrannei nennt sie das, nicht laut, nicht wütend, sondern nüchtern analysierend. Sie beginnt bei Abschlagsrechnungen für Strom und Gas, setzt sich fort in Mieterhöhungen, Nebenkosten, Beiträgen, Vertragsbindungen, und endet in einer Daueranspannung, die viele kaum noch bemerken, weil sie längst Normalität geworden ist. Geld regiert die Welt, und mit jeder Preiserhöhung schrumpft ein Stück gelebter Freiheit.

Frau Scherz weiß das. Und genau deshalb schätzt sie die kleinen, kostenfreien Wunder. Eine fallende Schneeflocke etwa. Sie kostet nichts, verlangt nichts und darf dennoch bestaunt werden, bis sie auf dem Boden der Tatsachen zergeht. Diese Einfachheit ist für sie kein Eskapismus, sondern Widerstand. Ein stiller, freundlicher Protest gegen eine Welt, die selbst dem Tod inzwischen Kostenvoranschläge beilegt.

Sie liebt große Literatur, jene Texte, die Weisheit atmen und den Menschen größer denken als er oft handelt. Und doch beobachtet sie mit Sorge, wie auf Straßen und in sozialen Netzwerken menschenfeindliches Gedankengut lauter wird. Die Schreie schriller, die Inhalte hohler. Ein bekanntes Phänomen, sagt die Soziologie: Polarisierung, Emotionalisierung, algorithmische Verstärkung. Frau Scherz braucht keine Studien, um das zu spüren. Sie steht mittendrin.

Trotzdem bemüht sie sich um Haltung. Nicht um moralische Überlegenheit, sondern um innere Stabilität. Sie war immer reserviert, aber frei im Geist, zumindest glaubte sie das. Bis sie merkte, wie schnell sich Kurse ändern können. Die Rufe von damals, „Wir sind das Volk“, tragen noch immer ein Echo in sich. Nostalgisch, beinahe kitschig wirkt es heute, wäre es nicht historische Realität gewesen. Der Fall der Berliner Mauer, ein Monument aus Beton, das Menschen trennte, Sichtachsen verstellte und Freiheit definierte, je nach Perspektive. Freiheit hat ihren Preis, denkt Frau Scherz. Und sie hat Voraussetzungen: Verantwortung, Auseinandersetzung, Reife.

Wir leben in einer Hemisphäre der Möglichkeiten. Information ist verfügbar, Kontraste sind sichtbar, Hintergründe abrufbar. Gefühle inklusive. Und doch löst genau diese Offenheit bei vielen Fassungslosigkeit aus. Vielleicht, denkt Frau Scherz, gibt es einen heimlichen Wunsch nach weniger Freiheit, nach mehr Sicherheit, nach einem Leben ohne Reibung. Ein gefährlicher Wunsch, findet sie. Nicht ihr Weg. Nicht ihr Denken.

Im Herzen ist Frau Scherz menschlich geblieben. Fast schon lieb. Und sie weiß, dass selbst das nicht jedem gefällt. Also räumt sie Schnee von der Straße, denkt sich ihren Teil und bleibt präsent. Rückzug wäre möglich, Isolation verführerisch. Doch gerade diese Silvesternacht hat ihr die Augen geöffnet. Sie hat die Böllerei genossen, jugendlich, lebendig. Ja, es gab Gefahren, aber das Leben war spürbar.

Naiv, wie nur ein freier Geist naiv sein kann, lud sie ein Video dieses Moments ins Netz. Über 50.000 Zugriffe später fand sie sich inmitten einer bösartigen Hetze wieder, vor allem gegenüber Menschen, die bei uns Asyl erfahren. Ein Lehrstück digitaler Verrohung. Sie überlegte kurz, den Beitrag zu löschen, und verwarf den Gedanken. Freiheit endet nicht dort, wo es unbequem wird.

Sie sah den Schwarm der Verachtung, atmete tief durch und dachte: Die Farbe meines Schnees ist weiß. Und das bleibt sie. Merkwürdigerweise hatte sie in diesem Moment jede Angst verloren. Wie David vor Goliath. Nicht siegreich, nicht laut, aber standhaft.

So katapultiert sich Frau Scherz ins Jahr 2026. Mit wachem Blick, einem leisen Schmunzeln und einer Ernsthaftigkeit, die trägt. Sympathisch, unbequem, menschlich. Und erstaunlich frei.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 08.01.2026]
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