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Gedichte über Philosophie - Seite 174


Das Erbe kann warten.. [Teil 6]

Frau Scherz katapultiert sich ins Jahr 2026

Frau Scherz startet mit Elan ins Jahr 2026. Nicht laut, nicht marktschreierisch, sondern mit jener Entschlossenheit, die man nur entwickelt, wenn man sich lange genug gefragt hat, was eigentlich noch trägt. Dieser Jahreswechsel war außergewöhnlich, nicht wegen des Datums, sondern wegen ihrer Haltung. Zum ersten Mal seit Jahren begab sie sich unter die Menschen, mitten hinein in eine Silvesterparty in der City. Keine Couch, kein Fernseher, kein ritualisiertes Wegnicken vor Mitternacht. Dieses Mal wollte sie dabei sein. Wirklich dabei.

Die Diskussionen um die Silvesterböllerei kennt sie natürlich. Forderungen nach Verboten, nach Regulierung, nach Schutz vor sich selbst. Frau Scherz hört das alles, wägt ab, und schüttelt innerlich den Kopf. Sie kann diesem Ruf nach immer weiterer Einschränkung gesellschaftlicher Freiräume wenig abgewinnen. Freiheit, so denkt sie, war noch nie risikolos. Selbst ein Böller, der ihr beinahe ins Augenlicht rauschte, quittierte sie mit einem frechen, beinahe kindlichen „Auweia“, und hakte den Moment unter Lebensrealität ab. Die wirklichen Gefahren, weiß Frau Scherz, sind anderer Natur.

Denn die größte Bedrohung kommt längst nicht mehr von Funkenflug oder Pulverdampf, sondern von Schreibtischen. Von jenen, die hinter Formularen, Verordnungen und Roben Entscheidungen treffen, die sich wie unsichtbare Fesseln um den Alltag legen. Bürokratische Tyrannei nennt sie das, nicht laut, nicht wütend, sondern nüchtern analysierend. Sie beginnt bei Abschlagsrechnungen für Strom und Gas, setzt sich fort in Mieterhöhungen, Nebenkosten, Beiträgen, Vertragsbindungen, und endet in einer Daueranspannung, die viele kaum noch bemerken, weil sie längst Normalität geworden ist. Geld regiert die Welt, und mit jeder Preiserhöhung schrumpft ein Stück gelebter Freiheit.

Frau Scherz weiß das. Und genau deshalb schätzt sie die kleinen, kostenfreien Wunder. Eine fallende Schneeflocke etwa. Sie kostet nichts, verlangt nichts und darf dennoch bestaunt werden, bis sie auf dem Boden der Tatsachen zergeht. Diese Einfachheit ist für sie kein Eskapismus, sondern Widerstand. Ein stiller, freundlicher Protest gegen eine Welt, die selbst dem Tod inzwischen Kostenvoranschläge beilegt.

Sie liebt große Literatur, jene Texte, die Weisheit atmen und den Menschen größer denken als er oft handelt. Und doch beobachtet sie mit Sorge, wie auf Straßen und in sozialen Netzwerken menschenfeindliches Gedankengut lauter wird. Die Schreie schriller, die Inhalte hohler. Ein bekanntes Phänomen, sagt die Soziologie: Polarisierung, Emotionalisierung, algorithmische Verstärkung. Frau Scherz braucht keine Studien, um das zu spüren. Sie steht mittendrin.

Trotzdem bemüht sie sich um Haltung. Nicht um moralische Überlegenheit, sondern um innere Stabilität. Sie war immer reserviert, aber frei im Geist, zumindest glaubte sie das. Bis sie merkte, wie schnell sich Kurse ändern können. Die Rufe von damals, „Wir sind das Volk“, tragen noch immer ein Echo in sich. Nostalgisch, beinahe kitschig wirkt es heute, wäre es nicht historische Realität gewesen. Der Fall der Berliner Mauer, ein Monument aus Beton, das Menschen trennte, Sichtachsen verstellte und Freiheit definierte, je nach Perspektive. Freiheit hat ihren Preis, denkt Frau Scherz. Und sie hat Voraussetzungen: Verantwortung, Auseinandersetzung, Reife.

Wir leben in einer Hemisphäre der Möglichkeiten. Information ist verfügbar, Kontraste sind sichtbar, Hintergründe abrufbar. Gefühle inklusive. Und doch löst genau diese Offenheit bei vielen Fassungslosigkeit aus. Vielleicht, denkt Frau Scherz, gibt es einen heimlichen Wunsch nach weniger Freiheit, nach mehr Sicherheit, nach einem Leben ohne Reibung. Ein gefährlicher Wunsch, findet sie. Nicht ihr Weg. Nicht ihr Denken.

Im Herzen ist Frau Scherz menschlich geblieben. Fast schon lieb. Und sie weiß, dass selbst das nicht jedem gefällt. Also räumt sie Schnee von der Straße, denkt sich ihren Teil und bleibt präsent. Rückzug wäre möglich, Isolation verführerisch. Doch gerade diese Silvesternacht hat ihr die Augen geöffnet. Sie hat die Böllerei genossen, jugendlich, lebendig. Ja, es gab Gefahren, aber das Leben war spürbar.

Naiv, wie nur ein freier Geist naiv sein kann, lud sie ein Video dieses Moments ins Netz. Über 50.000 Zugriffe später fand sie sich inmitten einer bösartigen Hetze wieder, vor allem gegenüber Menschen, die bei uns Asyl erfahren. Ein Lehrstück digitaler Verrohung. Sie überlegte kurz, den Beitrag zu löschen, und verwarf den Gedanken. Freiheit endet nicht dort, wo es unbequem wird.

Sie sah den Schwarm der Verachtung, atmete tief durch und dachte: Die Farbe meines Schnees ist weiß. Und das bleibt sie. Merkwürdigerweise hatte sie in diesem Moment jede Angst verloren. Wie David vor Goliath. Nicht siegreich, nicht laut, aber standhaft.

So katapultiert sich Frau Scherz ins Jahr 2026. Mit wachem Blick, einem leisen Schmunzeln und einer Ernsthaftigkeit, die trägt. Sympathisch, unbequem, menschlich. Und erstaunlich frei.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 08.01.2026]
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Das Erbe kann warten.. [Teil 9]

Frau Scherz startet entspannt in diesen Morgen. Nicht mit Drama, sondern mit Haltung. Kaffee in der Hand, positive Energie im Bauch, als hätte sie über Nacht heimlich mit dem Optimismus gekuschelt. Für sie ist jeder Tag ein Geschenk, manchmal hübsch verpackt, manchmal mit Beipackzettel, Warnhinweisen und dem dezenten Hinweis: „Überwindung erforderlich.“

Das Erste nach dem Aufstehen: die lila Gardinen zurückziehen, Fenster auf. „Hereinspaziert, Winterluft“, denkt sie, fast singend. Sie liebt diese Polarluft, diesen klaren, metallischen Geschmack, der die Lungen einmal gründlich durchspült und den Kopf sortiert. In der Nacht hatte ein starker Sonnensturm die Erde getroffen, ein geomagnetisches Ereignis, das geladene Teilchen tief in die Atmosphäre schleuderte. Sie kollidierten mit Sauerstoff- und Stickstoffatomen, regten sie an, und ließen sie leuchten. Polarlichter.
Nicht nur über Norwegen oder Island, sondern sichtbar bis nach Deutschland. Am 19. Januar 2026. Kurz, intensiv, flüchtig. Schönheit auf Zeit. Wie ein kosmisches Schulterzucken: Schaut her, ich kann auch anders.

Dann greift sie zur Fernbedienung. Altmodisch, ja. Aber sie steht dazu. ARD, ZDF, Morgenmagazin. MOMA.
Eine Gewohnheit wie Zähneputzen, nur mit mehr emotionalem Kariesrisiko. Und wie jeden Morgen trifft es sie. Nicht subtil. Sondern frontal. Themenauswahl wie ein Faustschlag in die Magengrube. Wieder dieses Gefühl: Bin ich die Einzige, die das so empfindet? Sie merkt, wie sich etwas in ihr zusammenzieht. Dieses leise, zähe Runterziehen. Sie schaltet ab. Abrupt. Entschlossen.

„Das tue ich mir nicht an“, murmelt sie. Niemand hört es.
Niemand außer der schwarz-weißen Katze, die aussieht, als hätte sie das politische System längst durchschaut und sich bewusst für Desinteresse entschieden. Niemand wird je genau wissen wollen, wie sich Frau Scherz in ihrem kleinen Alltag fühlt. Sie lebt seit Jahren im Single-Status, Fluch und Segen, wobei der Segen inzwischen deutlich in Führung liegt. Beziehungskonferenzen, emotionale PowerPoint-Präsentationen und Psychogramme? Nein danke. Sie bevorzugt klare Gedanken und ungeteilte Decken.

Doch dann diese Schlagzeile. Und jetzt wird Frau Scherz wirklich wach.
Bundeskanzler Friedrich Merz kritisiert die Höhe des Krankenstandes.
14,5 Krankentage. Fast drei Wochen. „Ist das wirklich notwendig?"

Frau Scherz schüttelt den Kopf. Nicht leicht. Nicht amüsiert. Sondern verächtlich. Was ist das für eine Führungspersönlichkeit, die Krankheit zur moralischen Verfehlung erklärt? Die Zahlen sieht, aber die Menschen dahinter nicht. 14,8 Krankheitstage im Jahr 2024, sagt das Statistische Bundesamt. Ein Anstieg, ja. Aber auch eine bessere Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Mehr Daten, weniger Dunkelziffern. Das ist Statistik, keine Faulheits-Epidemie. Atemwegserkrankungen als Haupttreiber. Überraschung. In einer Welt nach Pandemie, mit verdichteter Arbeit, Personalmangel, Dauerstress und permanenter Erreichbarkeit.

Doch statt über Prävention zu sprechen, über Arbeitsbedingungen, über Fürsorge, über strukturelle Überlastung, wird die Moralkeule geschwungen. Telefonische Krankschreibung? Verdächtig.
Beschäftigte? Potenziell bequem. Der Subtext ist klar: Ihr seid das Problem.

Frau Scherz denkt: Wie elegant man Verantwortung nach unten delegieren kann. Wie geschickt man systemische Erschöpfung individualisiert. Wie leicht man Menschen gegeneinander ausspielt – die „Fleißigen“ gegen die „Kranken“, die „Leistungsbereiten“ gegen die „Verdächtigen“.

Dabei sagen Studien etwas ganz anderes. Keine Hinweise auf systematischen Missbrauch. Drei von vier Menschen halten die telefonische Krankschreibung für sinnvoll. Weniger Ansteckung, weniger Wartezimmer, mehr Vernunft. Aber Vernunft hat selten Lobbyisten.

Stattdessen dieses Mantra: Wir müssen mehr arbeiten. Ja, sagt Frau Scherz, vielleicht. Aber vor allem müssen wir besser arbeiten. Gesünder. Menschlicher. Mit verlässlicher Kinderbetreuung, mit realistischen Arbeitszeiten, mit Führungskräften, die verstehen, dass Produktivität kein moralischer Zustand ist.

Was hier passiert, ist kein wirtschaftlicher Diskurs. Es ist ein Angriff auf Würde. Ein moralisches Auseinandernehmen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, als wären sie Zahnräder mit schlechtem Wartungszustand. Und es ist gefährlich, weil es das Misstrauen normalisiert.

Frau Scherz steht am Fenster, atmet die kalte Luft ein.
Sie denkt an die Polarlichter. An diese stille, gewaltige Energie, die niemand kontrolliert, niemand sanktioniert, niemand infrage stellt.
Und sie denkt: Vielleicht ist genau das der Punkt. Der Mensch ist kein Systemfehler. Er ist ein Teil der Natur. Verletzlich. Endlich. Keine Maschine.

Ihr Fazit ist klar, auch wenn sie es nur für sich formuliert: Eine Gesellschaft, die Krankheit moralisiert, ist selbst krank. Eine Politik, die Belastung ignoriert und Disziplin predigt, verliert den Kontakt zur Realität. Und Führung ohne Empathie ist keine Führung, sie ist Verwaltung von Kälte.

Frau Scherz nimmt einen letzten Schluck Kaffee.
Sie lächelt schief. Schelmisch. Und denkt: Vielleicht sollten wir nicht, fragen, warum Menschen krank sind sondern warum wir ein System verteidigen, das sie krank macht.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 20.01.2026]
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