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Gedichte über Philosophie - Seite 173


Das Erbe kann warten.. [Teil 3]

Frau Scherz entspringt einer Idee, deren Existenz jedoch real ist und die sich in der Welt unmittelbar manifestiert. Ihre Erscheinung ist nicht zufällig, sondern folgt einer Logik der Wahrnehmung und der Notwendigkeit; sie tritt auf, wenn die Umstände es erfordern. „Passt perfekt“, konstatiert sie nüchtern, ohne Übertreibung, und signalisiert damit die Angemessenheit ihrer Präsenz.

Die gesellschaftlichen Eliten, die sogenannten „Großen der Krone“, erscheinen ihr weitgehend irrelevant. In einer Metropole wie Berlin, die einerseits für ihre kulturelle Strahlkraft bekannt ist, andererseits jedoch oft oberflächlichen Glanz über substanzielle Inhalte stellt, wird die Differenz zwischen Schein und Realität besonders deutlich. Frau Scherz nutzt diesen Kontext als Prüfstand: Hier lassen sich Unterscheidungen treffen, die andernorts verborgen bleiben.

Arbeit, Beruf, Hobbys, die üblichen Kategorien der gesellschaftlichen Ordnung – betrachtet sie mit analytischer Genauigkeit. Ihre Aufmerksamkeit gilt der Substanz, nicht der Inszenierung. Wenn sie nachdenklich wird, so ist dies kein Zeichen von Unsicherheit, sondern Ausdruck eines Überzeugungsmodus: Sie überprüft, was sie bereits weiß, um ihre Gewissheiten zu validieren.

Gesellschaftliche Attitüden analysiert sie vergleichend. Sie betrachtet Trends, Moden und Meinungsäußerungen und ordnet sie ein. Dieses Vorgehen ist weder prätentiös noch selbstzweckhaft; es folgt einem inneren Maßstab von Gewissenhaftigkeit und kritischer Neugier, der sie veranlasst, Sachverhalte bis ins Detail zu prüfen.

Ihr Interesse gilt nicht primär dem materiellen Erbe. Sie strebt vielmehr an, ein Erbe anzutreten, das ihr aus moralischen Gründen zusteht. Dabei beobachtet und bewertet sie ihre Umgebung sensibel, erkennt subtile Strömungen und widersteht dem Druck gesellschaftlicher Konformität. Frau Scherz ist kein Produkt des Mainstreams; sie definiert ihre Maßstäbe eigenständig.

Ihre Freude liegt im Teilen von Erkenntnis, auch unter dem Anspruch eines konsistenten Wertekompasses. Schon in jungen Jahren hat sie gelernt, zwischen ernsthafter Absicht und bloßer Äußerung zu unterscheiden. Sie sucht keine Anerkennung um ihrer selbst willen, sondern eine Bestätigung der Integrität von Absicht und Handlung.

Frau Scherz scherzt nicht. Sie flunkert, doch ihre Flunkereien dienen der Präzision und der Verdeutlichung von Wahrheit. Sie entblättern die Wirklichkeit, ohne sie zu verzerren, und offenbaren die Essenz dessen, was Bestand hat.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 10.12.2025]




Das Erbe kann warten.. [Teil 5]

Frau Scherz behält sich vor, eigene Sichtweisen zu feiern.
Ohne Scherz.

Sie ist jene Figur, die im Publikum sitzt, zunächst reglos, aufmerksam, beinahe streng. Dann steht sie auf. Vielleicht als Erste. Vielleicht als Letzte. Vielleicht beides. Sie klatscht nicht beiläufig, nicht höflich, nicht aus sozialer Pflicht. Sie applaudiert großzügig, mit einer Ernsthaftigkeit, als wäre Beifall ein Grundnahrungsmittel. Als wäre Applaus Brot für die Welt.

Sie weiß, wovon sie spricht.
Frau Scherz kennt die Gepflogenheiten eines Künstlerlebens. Die Rituale. Die Eitelkeiten. Die fragile Ökonomie zwischen Ausdruck und Existenzsicherung. Und dennoch würde sie sich selbst niemals ausschließlich als Künstlerin bezeichnen. Nicht aus falscher Bescheidenheit, sondern aus Realismus.

Denn was sie wirklich schätzt, ist der Überlebenstrieb.
Das Gewachsene.
Das Ausgereifte.
Den Überlebenskünstler in all seinen Erscheinungsformen, jenen, der nicht vom Applaus lebt, sondern trotz seines Ausbleibens weitermacht.

Wenn bei ihr das Unkraut über den Kopf wächst, schmollt sie nicht.
Sie zieht Handschuhe an.
Kämpferisch.
Pragmatisch.
Mit dem stillen Wissen: Leben macht nur Sinn, wenn man wieder aufsteht. Und zwar nicht pathetisch, sondern funktional.

Ihre Sätze modelliert sie nach, angelehnt an viele bekannte Poeten vergangener Zeiten. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt. Als versuche sie, die Zeiten noch einmal einzufangen, wohl wissend, dass das unmöglich ist. „Versuch mal, mit der Hand Regentropfen einzufangen“, sagt sie schmunzelnd zu ihrem Spiegelbild. Und schenkt sich selbst ein Lächeln.

Mit Lächeln hat Frau Scherz nie gegeizt.
Sie verteilt sie nicht wahllos, aber ehrlich.

Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Gemeinwohl. Nicht als Schlagwort, sondern als Platzierungsfrage: Wo steht das Individuum so, dass es in der Fülle der Gemeinschaft tatsächlich aufblühen kann? Sie denkt in Synergien, nicht in Parolen. In Wechselwirkungen, nicht in Alleingängen.

Das ist für sie der wahre Synergieeffekt eines gehaltvollen Miteinanders.
Das ist die Harmonie, von der schon viele Größen vor ihrer Zeit schwärmten, und an der sie dennoch scheiterten. Frau Scherz möchte dort nicht nur zuschauen. Sie möchte teilhaben. Sie möchte sein.

Und ja: Sie tauscht ihren Mantel.
Den aus fröhlich-bunten Stoffen gegen einen ernsten, schweren Minenfeld-Overall. Nicht aus Lust am Drama, sondern aus Verantwortungsbewusstsein. Wer genauer hinsieht, muss vorsichtiger gehen.

Mag sein, dass sie sich dabei verrennt.
Mag sein, dass sie sich sogar selbst ein wenig verrät.

„Scherz und Schmerz sind Geschwister“, sagt sie mit bedauernder Mine. Eine Feststellung, keine Klage. Dann kaut sie auf ihrem Bleistift. Und schreibt nichts.

Auch das ist eine Kompetenz.
Zu wissen, wann Worte noch warten müssen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 18.12.2025]
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