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Gedichte über Freude - Seite 414


Farben über Farben

....Das Leben bietet dies und jenes,
zum Glück gelegentlich auch Schönes.
Das ist erfreulich, denn sonst wär
es ziemlich monton und leer.
....Die Augen müssten furchtbar darben,
gäb´s nicht für sie die Pracht der Farben:
Gelb, rot, blau, grün mit all den schönen,
kaum aufzählbaren Zwischentönen,
die sich, wenn gute Kräfte walten
zu wahren Sinfonien gestalten,
sei´s die Natur, die überquillt,
sei´s ein in Öl gemaltes Bild.
....Doch gibt es einige, die sind,
obwohl sie sehen können, blind.
Für sie scheint in der Daseinsschau
grundsätzlich alles grau in grau:
Der Blumenstrauss auf ihrem Tisch,
vielfarbig und verschwenderisch;
der Park, in dem Narzissen blühn,
des Frühlings zartes Maiengrün;
ein Feld von Tulpen ringsumher,
der Sonnenuntergang am Meer,
der Atmosphäre tiefes Blau,
es gibt nur eine Farbe: Grau.
....Noch lauter im Getriebe knarrt´s,
sieht einer überall bloss schwarz.
Selbst das, was funkelt, strahlt und lacht,
erscheint als rabenschwarze Nacht,
so dass der Mensch, anstatt geniesst,
nur angsterfüllt die Augen schliesst.
Denn Dunkelheit bedrückt die Seele
und legt sich würgend um die Kehle,
worüber nur ein Masochist,
den Leid erfreut, zufrieden ist.
....Dann kommt die grosse Gruppe derer,
die gelten als Schwarzweissverehrer.
Sie haben optisch einen Knick,
und zwar in jedem Augenblick.
Sie wissen, scheint es, absolut,
was fehlerhaft ist und was gut,
und sie allein entscheiden recht,
ob etwas gut ist oder schlecht,
wobei sie sich zutiefst verkeilen
in einem Netz von Vorurteilen.
So endet meistens die Geschichte:
die anderen sind Bösewichte.
Sie ihrerseits mit grossen Gesten
bescheinigen sich weisse Westen,
doch leider und in dubio
sind die Verhältnisse nicht so.
....Noch andre suchen die Idylle
durch eine rosarote Brille.
Was sie erblicken, zeigt sich immer
in einem süsslich-warmen Schimmer,
so dass des Lebens Schattenseiten
an ihnen schlicht vorübergleiten,
was zwar den Optimismus nährt,
jedoch der Wirklichkeit entbehrt.
....Weiss ist die Unschuld, schwarz der Tod;
der Neid ist gelb, die Liebe rot.
Wer blau ist, hat zu viel gesoffen;
was grün ist, lässt den Menschen hoffen.
....Soweit ein Einblick in die Sphäre
symbolgetränkter Farbenlehre,
den jede Frau und jeder Mann
mit Leichtigkeit erweitern kann.
Er wähle aus der Farbengarbe
sich ruhig eine Lieblingsfarbe.
Doch klar sei, ein Aspekt allein
kann nicht und nie das Ganze sein.
Einseitigkeit ist nichts Gescheit´s.
Auch das, was anders ist, hat Reiz.
Gerade darin liegt die Würze
in dieses Lebens trüber Kürze.
Die Welt ist nämlich nicht nur rund,
sie ist vor allem herrlich bunt,
vergleiche Autos, Unterhosen,
Tapeten, Haare, Wein und Rosen.
Silesio
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Meisterstück

Wenn du die Bühne betrittst, kleines Mädchen,
mit der roten Schleife im Haar – mit aufspringendem Siegel
wie aus der Werkstatt einer gotischen Sonne,
und den Tanzschuhen, die klingen wie ferne Hufe
auf dem Pflaster einer alten Königsstadt,
da neigt sich selbst der Atem der Menge.

Dein Antlitz, erst Grimasse, keck und kühn,
ist vergleichbar mit dem Spiel eines Hofnarren im Saal des Kaisers,
doch hinter der Maske schwefelt und schwärmt dein Ernst,
so alt wie die Psalmen Davids,
so jung wie der erste Morgen im Paradies.

Oh Kind, in deinem Herzen lodert ein Feuer,
das die Wüste wütend bekennt,
wie wenn Propheten damals in der sengenden Einöde,
das Flammenwort trugen gegen Winde.
Dein Feuer ist weder aus Funken,
noch ist es Brandmal -
es ist die Ewigkeit,
geschlagen in zartes Fleisch.

In deinen Augen liegen vererbte Tränentäler,
gleich Bergsturzbächen aus den Höhen der Alpen,
die donnernd zu Tal fahren,
als wolltest du das Niederste der Welt reinigen
von Betrug und Scham, vom müden Alltag.

Über dir aber schwebt der Geist
einer ewigen Pantomime,
eine lautlose Flügelträgerin des Spiels,
die mit unsichtbarer Hand
ihre Glieder lenkt wie Saiten einer Laute.
Mit deinem Innersten spielst du Räuber und Gendarm
mit dem Schicksal selbst:
Es raubt dem Himmel sein Mozartblau,
verhaftet die Nacht mit funkelnden Sternketten.

Währenddessen, oh gemeine Tragödie,
bleiben deine Leibeshüter daheim,
am kargen Tische,
wo Brot nach Pflicht schmeckt
und Suppe nach Gewöhnlichkeit.
Sie hungern abermals am Mahl,
auch hungern sie am Wunder.
Und du nährst die Welt
mit Tanz und Hervorrufung.

Deine Liebe ist noch jung,
ein Kelch aus unberührtem Erz,
und du trägst die Hoffnung wie ein Adler,
der über den Zinnen von Jerusalem kreist,
als suche er das verheißene Licht.
Er stürzt nicht,
er lässt sich tragen von warmen Lüften.

Deine Töne steigen empor
wie Orgelpfeifen in einer Kathedrale,
als hallten sie durch die Gewölbe von Kathedrale von Chartres,
wo Glas in Purpur und Gold
vom Jüngsten Tag erzählt.
So wundervoll erklärst du Schönheit.

Oh Kind mit dem roten Bändchen,
du bist zugleich Minnesang und Schlachtruf,
Sanftmut und Stolz.
In dir ringt das irdische Fleisch
mit dem himmlischen Traum,
und keiner siegt,
denn beide lodern.

Trittst du auf, erzittert der Grund,
und die Welt, die müde wurde vom Zählen der Tage,
vergisst ihren Wunsch.
Du bist kein Spiel,
du bist Vollendung.

Und wenn dereinst die Chronisten
in schweren Büchern aus Pergament
von Königen, Kriegen und Kreuzzügen schreiben,
so sollen sie zwischen Eisen und Blut
auch deinen Namen setzen,
als das Mädchen in Rot,
mit dem flammenden Herz
die die Welt nicht erobern wollte -
sondern erlösen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 19.02.2026]
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