Meisterstück

Ein Gedicht von Marcel Strömer
Wenn du die Bühne betrittst, kleines Mädchen,
mit der roten Schleife im Haar – mit aufspringendem Siegel
wie aus der Werkstatt einer gotischen Sonne,
und den Tanzschuhen, die klingen wie ferne Hufe
auf dem Pflaster einer alten Königsstadt,
da neigt sich selbst der Atem der Menge.

Dein Antlitz, erst Grimasse, keck und kühn,
ist vergleichbar mit dem Spiel eines Hofnarren im Saal des Kaisers,
doch hinter der Maske schwefelt und schwärmt dein Ernst,
so alt wie die Psalmen Davids,
so jung wie der erste Morgen im Paradies.

Oh Kind, in deinem Herzen lodert ein Feuer,
das die Wüste wütend bekennt,
wie wenn Propheten damals in der sengenden Einöde,
das Flammenwort trugen gegen Winde.
Dein Feuer ist weder aus Funken,
noch ist es Brandmal -
es ist die Ewigkeit,
geschlagen in zartes Fleisch.

In deinen Augen liegen vererbte Tränentäler,
gleich Bergsturzbächen aus den Höhen der Alpen,
die donnernd zu Tal fahren,
als wolltest du das Niederste der Welt reinigen
von Betrug und Scham, vom müden Alltag.

Über dir aber schwebt der Geist
einer ewigen Pantomime,
eine lautlose Flügelträgerin des Spiels,
die mit unsichtbarer Hand
ihre Glieder lenkt wie Saiten einer Laute.
Mit deinem Innersten spielst du Räuber und Gendarm
mit dem Schicksal selbst:
Es raubt dem Himmel sein Mozartblau,
verhaftet die Nacht mit funkelnden Sternketten.

Währenddessen, oh gemeine Tragödie,
bleiben deine Leibeshüter daheim,
am kargen Tische,
wo Brot nach Pflicht schmeckt
und Suppe nach Gewöhnlichkeit.
Sie hungern abermals am Mahl,
auch hungern sie am Wunder.
Und du nährst die Welt
mit Tanz und Hervorrufung.

Deine Liebe ist noch jung,
ein Kelch aus unberührtem Erz,
und du trägst die Hoffnung wie ein Adler,
der über den Zinnen von Jerusalem kreist,
als suche er das verheißene Licht.
Er stürzt nicht,
er lässt sich tragen von warmen Lüften.

Deine Töne steigen empor
wie Orgelpfeifen in einer Kathedrale,
als hallten sie durch die Gewölbe von Kathedrale von Chartres,
wo Glas in Purpur und Gold
vom Jüngsten Tag erzählt.
So wundervoll erklärst du Schönheit.

Oh Kind mit dem roten Bändchen,
du bist zugleich Minnesang und Schlachtruf,
Sanftmut und Stolz.
In dir ringt das irdische Fleisch
mit dem himmlischen Traum,
und keiner siegt,
denn beide lodern.

Trittst du auf, erzittert der Grund,
und die Welt, die müde wurde vom Zählen der Tage,
vergisst ihren Wunsch.
Du bist kein Spiel,
du bist Vollendung.

Und wenn dereinst die Chronisten
in schweren Büchern aus Pergament
von Königen, Kriegen und Kreuzzügen schreiben,
so sollen sie zwischen Eisen und Blut
auch deinen Namen setzen,
als das Mädchen in Rot,
mit dem flammenden Herz
die die Welt nicht erobern wollte -
sondern erlösen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 19.02.2026]

Informationen zum Gedicht: Meisterstück

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19.02.2026
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