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Gedichte Über Denken - Seite 13


Ich habe meiner Angst einen Namen gegeben, sie heißt kleine Kim

In mir lebt eine kleine Version von mir.
Ich nenne sie kleine Kim.

Sie ist leise.
Aber sie ist immer da.

Manchmal ist sie schon wach, bevor ich es bin.
Dann flüstert sie mir ganz früh zu:
„Pass auf… heute könnte etwas passieren.“

Und noch bevor ich richtig da bin,
hat sie mich schon in den Alarmmodus gezogen.

Kleine Kim denkt nicht einfach nur nach.
Sie sucht.

Nach dem, was schiefgehen könnte.

„Was, wenn das nicht gut wird?“
„Was, wenn etwas passiert?“
„Was, wenn du das nicht schaffst?“

Sie zeigt mir Bilder im Kopf,
die sich so echt anfühlen,
als wären sie schon passiert.

Und aus einem kleinen Gedanken
macht sie einen endlosen Podcast:

„Das wird bestimmt schlecht ausgehen…“
„Du bist nicht gut genug…“
„Andere können das besser…“
„Warum bist du so?“

Und ich höre zu.
Immer wieder.
Als könnte ich es nicht leiser stellen.

Neue Dinge machen ihr Angst.

Nicht, weil sie sie nicht will,
sondern weil sie mir sofort zuflüstert:

„Mach das lieber nicht…“
„Das wird bestimmt nicht gut…“

Also bleibe ich stehen,
noch bevor ich überhaupt losgegangen bin.

Menschenmengen mag sie nicht.

Zu viele Menschen.
Zu viele Eindrücke.

„Zu gefährlich…“ sagt sie dann.
„Zu unübersichtlich… pass lieber auf.“

Laute Orte überfordern sie.

Dann zieht sie sich in mir zusammen,
wird still
und gleichzeitig ganz wachsam.

Und Berührungen…
vor allem die, die plötzlich kommen…

„Nicht!“, sagt sie sofort.
„Nicht anfassen, bitte nicht…“
„Bloß nicht berühren…“
„Zu schnell… ich war nicht bereit…“

Auch bei neuen Menschen ist sie vorsichtig.

„Vertrau nicht zu schnell…“
„Was, wenn sie dich verletzen?“
„Was, wenn du wieder enttäuscht wirst?“

Und so halte ich Abstand,
obwohl ich mir eigentlich Nähe wünsche.

Manchmal richtet sie sich auch gegen mich.

Dann wird ihre Stimme ganz leise
und gleichzeitig ganz schwer:

„Bist du wirklich gut genug?“
„Warum bist du so?“
„Machst du wieder alles falsch?“

Und plötzlich fühlt sich alles in mir eng an.

Und das Schwerste ist:
Man sieht mir das nicht an.

Ich habe gelernt zu lächeln.
Zu funktionieren.

Ich sage „mir geht’s gut“,
während kleine Kim in mir sitzt
und leise sagt:

„Eigentlich geht’s uns gar nicht gut…“

Aber das hört niemand.

Weil ich gelernt habe,
das alles gut zu verstecken.

Und manchmal macht mich genau das
noch einsamer.

Aber langsam verstehe ich sie.

Kleine Kim meint es nicht böse.

Sie hat nur irgendwann gelernt,
dass die Welt nicht immer sicher ist.

Also passt sie auf.
Die ganze Zeit.

„Ich will nur, dass dir nichts passiert“,
würde sie sagen,
wenn sie laut sprechen könnte.

Und vielleicht…

braucht sie gar nicht,
dass ich sie zum Schweigen bringe.

Vielleicht braucht sie nur,
dass ich mich zu ihr setze.

Ganz leise.

Und ihr sage:

„Ich hör dich.“

„Ich weiß, dass du Angst hast.“

„Aber ich bin jetzt da…
und ich pass auch auf uns auf.“

Und vielleicht…
wird sie dann irgendwann leiser.

Nicht, weil sie weg ist.
Sondern weil sie merkt,
dass sie nicht mehr alles alleine tragen muss.
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Demenz

Erinnerst Du dich noch daran
Was vor den Worten kam?
Selbst nur so dann und wann
Kindersprachlich: Ham, ham, ham

Mamas waren es, die uns hegten
Uns Kinder schützten, pflegten
Papas waren ihnen nah
Waren irgendwie auch da

Wir fühlten uns mit ihnen 'hin'
Mehr wie Seele als mit Sinn
Waren Bauch und Bewegung
Weit mehr als eine 'Gedankenregung'

Mit zunehmender Geschicklichkeit
Bewusst gesteuerter Beweglichkeit
Nahmen Gedankenkräfte stetig zu
Sprechen wurd' zum größten Clou

Stimme ward nach vorn getragen
Im Schädel trug man viele Fragen
Achtsamkeit und kluge Führung
Vertiefte Sinne, Geistes Rührung

Wir wuchsen weit über uns hinaus
Und ernteten auch mal Applaus
Wir fanden Regeln und Gesetze
Spannten auf, des Fischers Netze –

Scharten um uns interessierte Hörer
Entlarvten manchen argen Störer
Wir schwammen in Erfolg und Ehren
Wollten uns gegen Glück nicht wehren

Sahen Kind und Kindeskinder kommen
Neben unsrer einen manch andre Sonnen
Wir hörten Lieder, Musikanten
Des Homo Sapiens Anverwandten

Assoziierten, koordinierten, wurden klug
Umgingen so manchen Selbstbetrug
Und gerieten doch so manches Mal
An einen Hang, zu einem tiefen Tal –

In dem ein Fänger schlug und wachte
Sich an unserer Kraft zu schaffen machte
Die ganz und gar der Ordnung vorbehalten
Die gedacht unser Gedächtnis zu verwalten

Kaum abgestürzt in dessen Tiefe
Trug uns Erschrecken gleich empor
Im Erinnern verblieb nur eine Riefe
Darüber, dass man sich für kurz verlor

Sortiert, geübt und beinah unverdrossen
Erstieg man erneut die alten Sprossen
Doch der Fänger gewann an Macht
Hat sich den Erfolg selbst zugedacht

So harren heut' Geist und dessen Fänger
Mit Jahren nun schon lang und länger
Und kämpfen um die Ausschließlichkeit
Ob nun Körper oder Verstandes Einigkeit
Anspruch aufs Regiment allein erhebt
Ob rege Geisteskraft der Mensch erlebt
Ob die Ratio dem Verfalle überlegen
Am Ende von unseren Lebenswegen

Ob des Geistes Schwingen anzulegen
Ob Götterzorn will sich starr erheben
Den Menschenfrieden zur Seite drängen
Sich trüb rund ums Schicksal zwängen –
Philosophie erst sanft blockierend
Dann Erinnern barsch kaschierend
Gedankenlücken aneinander reihend
Dem Gedankenlicht noch verzeihend
Beobachten wir aus der Distanz
Des "Ich's" Verschwinden ganz
Die Rückentwicklung des Vertrauten
Der Nähe alles Aufgebauten –

Wir suchen fürs Geschehen Worte
Die der Betroffene vor Orte
An seinem Lebensende
Sicherlich noch gerne fände –
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