Sortieren nach:

Gedichte über das Alleinsein - Seite 4


Paranoia

Diese Stimme in meinem Kopf!
Manchmal denke ich, ich bin paranoid,
wenn sie wieder mein Hirn verstopft,
mich mit unsinnigen Fragen überzieht.

Immerhin ist es nur diese eine Stimme,
nicht zwei oder ein Mehrkanalkanon,
sie unterhält sich mit mir über Dinge,
manchmal verstehe ich nichts davon.

Warum sind eigentlich Selbstgespräche
für viele sofort ein Grund zur Besorgnis?
In jedems Kopf laufen ständig Vorträge,
die Selbstwahrnehmung ist das Ergebnis.

Wenn ich meine Stimme wie andere höre,
ist sie mir erschreckend fremd und ungut,
in mir drin ist sie anders und ich schwöre,
meine Stimmbänder sind sicher kaputt.

Diese Stimme verfolgt mich, ist immer da,
sie ist allwissend, weiß, wo überall ich war.
Selbst in der dunkelsten Stille ist sie hörbar,
sitzt in mir tief drin, ihr Name ist Paranoia.

Parà heißt 'neben' und noûs ist der 'Verstand',
zur inneren Wiedergabe des Denkens gegeben,
ist sie Vermittlerin zwischen was ist bekannt
und all dem, was noch nicht ist zugegen.

Paranoia, du kennst mein wahres Gesicht,
vor dir muss ich mich nicht verstellen,
du hast in meine Seele diese tiefe Einsicht,
hilfst mir, meine inneren Kämpfe zu bestehen.

Du sorgst dafür, dass trotz Informationsflut
meine intellektuelle Struktur intakt bleibt.
In der Koexistenz von Wahrheit und Betrug
suchst du nach dem Sinn, wohin alles treibt.

Egal, in welche alberne Rolle ich auch schlüpfe,
unter welchem Pseudonym ich was schreibe,
du, Paranoia, bist Soufleuse meiner Ausflüchte,
erkennst den Grund, warum ich mich verkleide.

In einer Welt voller chaotischer Absurditäten,
ertrag ich vieles nur dank deiner Präsenz,
mein Verfolgungswahn spinnt Sinnfäden,
beschützt mich vor zunehmender Influenz.

© meteor 2025
... hier klicken um den ganzen Text anzuzeigen




Der Mann aus Eisen und Narben

Der Mann aus Eisen und Narben

Es gibt Männer,
die gehen laut durch diese Welt,
mit goldenen Worten auf den Lippen
und Jubel hinter jedem Schritt.

Und dann gibt es jene,
die schweigend durch die Hölle laufen,
deren Siege niemand feiert,
deren Wunden niemand zählt.

Er war einer von ihnen.

Ein Mann,
dem das Leben nicht nur Steine in den Weg legte,
sondern ganze Berge auf die Schultern warf.
Ein Mann,
dem man Stück für Stück alles nahm,
bis kaum noch etwas übrig blieb
außer Herzschlag und Wille.

Die Scheidung riss ihm das Herz aus der Brust.
Nicht nur Liebe ging verloren —
nein,
man entriss ihm seine Söhne,
sein Licht,
sein Zuhause,
den Sinn seiner Tage.

Von einem Augenblick zum nächsten
wurde aus einem Heim
Leere.
Aus Wärme
Kälte.
Aus Familie
Einsamkeit.

Und als wäre das nicht genug,
standen selbst jene nicht an seiner Seite,
die sein eigenes Blut waren.

Geschwister,
die ihn von Anfang an verstoßen hatten,
deren Blicke wie Messer waren,
deren Herzen niemals gönnten,
niemals trugen,
niemals fragten:
„Wie viel Schmerz hält ein Mensch eigentlich aus?“

Sie sahen nur den Mann,
der gefallen war.
Nicht den Kämpfer,
der jeden Morgen trotzdem wieder aufstand.

Denn niemand sah die Nächte,
in denen er gegen seine eigenen Gedanken rang.
Niemand hörte das Zittern seiner Seele,
wenn die Dunkelheit zu schwer wurde.
Niemand bemerkte,
wie oft er innerlich zerbrach,
nur um sich selbst wieder zusammenzusetzen.

Er hatte nie Zeit,
seine Wunden zu lecken.

Kaum hatte ein Kampf geendet,
stand schon der nächste vor der Tür.
Kaum war eine Narbe geschlossen,
riss das Leben sie wieder auf.

Und während andere urteilten,
mit kalten Worten und leichten Meinungen,
wusste niemand,
wie müde dieser Mann wirklich war.

Wie erschöpft seine Knochen waren.
Wie schwer seine Gedanken wurden.
Wie oft er sich heimlich wünschte,
endlich einmal jemanden zu hören, der sagt:

„Es ist okay, schwach zu sein.“

„Ich bin stolz auf dich.“

„Du hast genug gekämpft.“

„Hol Luft.“

„Ruh dich aus.“

„Du musst nicht alles allein tragen.“

Oder jemanden,
der sich schützend vor ihn stellt
und sagt:

„Keine Sorge.
Jetzt kämpfe ich für dich.“

Doch diese Worte
waren für ihn wie Regen ohne Wasser.
Schöne Träume,
die niemals Wirklichkeit wurden.

Und so blieb am Ende
nur ein einziger Mensch übrig,
der ihm Respekt zollte.

Sein Spiegelbild.

Jeden Morgen,
wenn seine müden Augen
dem Mann im Spiegel begegneten,
hörte er leise:

„Ich bin stolz auf dich.“

„Du schaffst das.“

„Du bist aus Grobstahl gemacht.“

„Unverwüstlich.“

Und obwohl seine Hände zitterten,
obwohl seine Seele blutete,
erhob er sich immer wieder.

Denn der Weg eines Kämpfers endet nicht,
wenn er fällt.

Er endet erst,
wenn er liegen bleibt.

Und dieser Mann
hatte gelernt,
dass selbst ein gebrochener Körper
noch eine letzte Kraft finden kann,
wenn das Herz einen Grund hat weiterzuschlagen.

Seine Mutter.

Seine Söhne.

Allein der Gedanke an sie
war wie Feuer in seinen Adern.
Wie Licht in völliger Dunkelheit.

Denn solange er kämpfte,
solange er stand,
waren sie sicher.

Und so zog er weiter,
mit Narben statt Rüstung,
mit Schmerz statt Frieden,
mit letzter Kraft statt Hoffnung.

Er wusste nicht,
wie viel Zeit ihm noch blieb.
Nicht, wie lange sein vom Kampf gezeichneter Körper
noch tragen würde.

Aber eines wusste er:

Lieber stehend sterben
als kniend leben.

Und vielleicht,
irgendwo zwischen all den Schlachten,
zwischen all den stillen Tränen,
zwischen all den Nächten voller Einsamkeit,
wird irgendwann doch jemand vor ihm stehen
und endlich sagen:

„Du hast genug gelitten.“

„Komm her.“

„Jetzt bist du nicht mehr allein.“

Bis dahin
geht der Kämpfer weiter.

Still.
Müde.
Verletzt.

Aber unbezwungen.
... hier klicken um den ganzen Text anzuzeigen