Profil von Chandrika Wolkenstein

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Anzahl Gedichte: 223
Anzahl Kommentare: 39
Gedichte gelesen: 7.968 mal
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Titel
183 Unversehrt 30.06.26
Vorschautext:
Der Kuchen
ist unversehrt.

Das ist das Traurigste.

Keine Gabelspur,
kein schiefer Schnitt,
kein Finger
im Zuckerrand.

Nur ich
am Tisch,
...
182 Die unverschlossene Tür 28.06.26
Vorschautext:
Vom Paradies
blieb nicht viel.

Nur Sterne,

diese kleinen
glühenden Stecknadelköpfe
im Mantel der Nacht.

Nur Blumen,

die morgens
...
181 Stumme Reaktion 28.06.26
Vorschautext:
Meine Lippen
geben nichts preis.

Sie bleiben liegen
wie Besteck
nach einem abgebrochenen Mahl.

Doch mein Herz
hat dich gehört.

Es zuckt
unter der Haut,
...
180 Der fiese Dauergast 26.06.26
Vorschautext:
Der Sommer steht in meinem Flur
und sagt: „Ich bleib‘ nun ein paar Wochen.“
Ich starre auf die Wetteruhr.
Er setzt sich frech auf meine Knochen.

Er hängt sein Hemd an meinen Schrank
und fragt, ob ich noch Eis besitze.
Er trinkt mein Wasser ohne Dank.
Ich sage: „Nein“. Er sagt: „Ich schwitze.“

Er sitzt im Sessel, breit und schwer
und schwitzt mir Löcher in die Kissen,
...
179 Kein Wind 25.06.26
Vorschautext:
Kein Wind.

Nur diese große, helle Faust
über den Dächern.

Der Nachmittag kniet
und kommt
nicht wieder hoch.

Fenster blenden.
Die Vorhänge hängen reglos,
als hätten sie das Wehen verlernt.
...
178 Augen voller Salz 24.06.26
Vorschautext:
Die Sonne hängt tief
wie ein glühendes Bügeleisen.

Der Asphalt
träumt von Wasser
und bekommt nur Staub.

Wir gehen durch den Tag
wie durch ein brennendes Glashaus,

lautlos,
heißgemangelt,
...
177 Brauchbare Stapel 23.06.26
Vorschautext:
Die Kinder sind ausgezogen.
Das Zimmer hat es
noch nicht begriffen.

Unter dem Fenster
liegt ein Ball,
weich geworden vom Alter,
als hätte auch er
zu lange gewartet.

Wir heben still Dinge auf,
als wären sie noch warm vom Spiel,
...
176 Fast Liebe 22.06.26
Vorschautext:
Die Bank am Fluss ist leer.

Früher saß hier der Tag
mit nassen Schuhen,
zerzaust vom Wind,
voller Stimmen und Sommer auf nackten Armen.

Jetzt: nur der Fluss.

Er zieht vorbei,
als wüsste er alles
und müsste nichts sagen.
...
175 Unter der Haut 22.06.26
Vorschautext:
Hoffnung,
zu lange offen,
wird wund.

Sie sitzt unter der Haut,
klein genug,
um nicht entfernt zu werden,
groß genug,
um jeden Atemzug
zu kennen.

Du gehst durch den Tag
...
174 Anders 21.06.26
Vorschautext:
Ich bleibe nicht lange,
sagt die Tochter.

Der Satz stellt sich
mit schmutzigen Schuhen
auf den Teppich.

Die Mutter nickt.

Vor ihr sitzt eine Frau
mit Kalender im Blick,
mit einer Tasche auf den Knien,
...
173 Beweisfoto 20.06.26
Vorschautext:
Du sagtest:
Ich melde mich.

Dann bekam dein Schweigen
eine eigene Gravitation.

Meine Tage kreisten darum
wie kleine defekte Satelliten,
die immer noch Signale senden
an einen erloschenen Planeten.

Später sehe ich dich
...
172 Die Frau am Fenster 20.06.26
Vorschautext:
Sie sitzt am Fenster,
als säße sie am Rand ihres eigenen Lebens.

Draußen gehen Menschen vorbei,
mit Einkaufstaschen,
mit Telefonen am Ohr,
mit Kindern,
die sich losreißen
und wieder eingefangen werden.

Die Mutter sieht ihnen zu.
Nicht neidisch,
...
171 Die Sonne über der Lücke 19.06.26
Vorschautext:
Im Kindergarten
riechen die Tische
nach Kleber, Apfelsaft
und kleinen Entscheidungen.

Heute malt jedes Kind
seine Familie.

Sie malt zuerst sich selbst.

Ein Kleid aus Rot,
zwei Beine,
...
170 Blutspur im Satz 18.06.26
Vorschautext:
Du sagst:
Du siehst heute wieder gut aus,

und ich merke,
wie ein einzelnes Wort
den gesamten Satz beschädigt:

wieder.

Ein kleines Wort,
kaum größer als ein Kratzer,
aber tief genug,
...
169 Falsche Papiere 17.06.26
Vorschautext:
Der Kühlschrank hat Vorstrafen.

Er hat ganze Diäten verschwinden lassen,
Pläne vereitelt,
Vorsätze kaltgestellt
und die Nacht portioniert
in Tupperdosen.

Ich komme zu ihm
mit leerem Mund
und vollen Händen.

...
168 Fast frech 16.06.26
Vorschautext:
Es lag nicht dort,
wo ich gesucht hatte.

Nicht im Schrank mit den alten Rechnungen,
nicht in der Schublade,
die alles verschluckt,
was einmal wichtig war.

Ich hatte mich schon
an das Fehlen gewöhnt.

Dann fand ich es wieder.
...
167 Regenwurm mit Ansprüchen 15.06.26
Vorschautext:
Ein Regenwurm, sehr dünn und blass,
lag auf dem Pflaster, ziemlich nass.
Er wirkte, um es kurz zu sagen,
vom Dasein mächtig angeschlagen.

Er wand sich sehr mit großer Würde,
als trüg er eine Weltenbürde,
und sah, soweit ein Wurm das kann,
mich vorwurfsvoll und knatschig an.

Ich nahm ein Blatt und hob ihn sacht,
hab‘ ihn ins nasse Beet gebracht.
...
166 Mit Leben an den Rändern 15.06.26
Vorschautext:
Deine Stimme
macht das Licht an.

Jetzt stehen wir da,
älter,
vorsichtiger,
mit Leben an den Rändern.

Wir lachen zu früh,
umarmen uns zu lange,

und die Jahre
...
165 Nasser Sand 14.06.26
Vorschautext:
Nach allem
steht sie allein am Meer.

Nach der Liebe,
nach der Arbeit,
nach einer Hoffnung,
die zu lange
ihren Mantel anbehielt.

Genauer muss man es nicht sagen.

Das Meer fragt nicht,
...
164 Bis bald 05.06.26
Vorschautext:
Der Zug war da. Die Uhr war unerbittlich.
Du hieltest meine Hand, als ob sie bliebe.
Wir umarmten uns so richtig appetitlich
und flüsterten einander noch von Liebe.

„Wir sehen uns bald wieder,“ sagtest du.
Der Satz, ‘ne Münze im defekten Automaten.
Natürlich nickte ich dir lächelnd zu,
um uns nicht voll und ganz hier zu verraten.

Die Türen schlossen sich wie müde Augenlider.
Der Bahnsteig wurde groß und leer und fremd.
...