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Gedichte über Weisheit - Seite 5




Die Begegnung

Die Begegnung


Ich ging die vielen Straßen lang...
unendlich müde war mein Gang
und schwer vom vielen Wein.
Was soll's: ich war allein.

Ich fror entsetzlich, und ich rief:
> Zum Teufel mit dem Seelentief! <
Dann fiel ich hin, fast um ein Haar
betrunken, weil ich einsam war.

Da kam ein alter Mann vorbei.
Mir war der Alte einerlei -
doch er stützte mich beim Gehen.
Ich konnte sein Gesicht nicht sehen
und lallte: > Mich will keiner hier.
Bin unbeliebt - liegt wohl an mir.
Freunde hab ich längst nicht mehr
und alles ist so sinnlos, leer..! <

Der Alte sah mir ins Gesicht.
Da streifte ihn ein Straßenlicht...
Wie furchtbar war er doch entstellt!
Wie jemand, nicht von dieser Welt.

Schreien wollt' ich vor Entsetzen -
doch das würde ihn verletzen.
Eins seiner Augen stand heraus,
die Nase sah zerschnitten aus,
der Mund hing schief an seinem Kinn:
Ein Monster!, kam mir in den Sinn.

Sein fauler Atem streifte mich
und leiser Ekel regte sich,
als er noch etwas näher kam -
verlegen und auch voller Scham.

Da sprach es traurig aus der Fratze:
> Ich bin wie eine nasse Katze,
die sich zumeist verborgen hält
vor dem Spott in heller Welt.
Ich mag die Nacht, die stille Zeit,
wenn niemand 'Ungeheuer'! schreit.
Frühmorgens schleiche ich nach Haus
und heul mir oft die Augen aus. <

Wir stapften noch ein kleines Stück.
Er winkte mir und rief: > Viel Glück! <
Ich sah ihm nach, wie er entschwand
im Schatten einer Häuserwand.

Noch sehr viel später, in Gedanken
sah ich jenen Alten schwanken,
wie er da durch's Dunkel schleicht
und mir seine Hilfe reicht.

Und ich fand, er hatte recht
als er sagte: > Na, so schlecht
geht es dir doch wirklich nicht:
auch wenn dein Mund ganz anders spricht. <



(c) Ralph Bruse
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Eine dogmatische Frage

Die Schlauheit eines Jesuiten
ist weitaus größer - unbestritten,
als jene and'rer Männerorden,
die uns als fromm bekannt geworden.
Die schlau'sten Köpfe aller Zeiten,
sind die, die fromm sind und nie freiten,
die für ein Dasein alles geben
in einem harten Klosterleben.
Den Franziskaner doch hingegen
würd' and're Lust viel mehr bewegen.
Der lebt für einen guten Tropfen,
dem Klosterbier aus Malz und Hopfen.
Da nimmt man es nicht so genau;
ist das nicht ebenfalls ganz schlau?
Trotz Philosophenstand, trotz Bier,
doch Beider Pflicht ist das Brevier.

Des Morgens, mittags und bei Nacht
wird an den lieben Gott gedacht.
Ein jeder Mönch ist dann allein
in seinem stillen Kämmerlein.
Auch betet er auf and're Arten,
zum Beispiel auch im Klostergarten
und denkt, er könnt' bei all den Psalmen
doch eine Zigarette qualmen.
Er grübelt, soll ich oder nicht,
verletz' ich damit meine Pflicht?
Würd' ich beim Beten mit dem Rauchen
wohl mein Gelöbnis gar missbrauchen?
Hätt' ich mich damit grob versündigt,
und ob der Orden mir dann kündigt?
Der Arme hat gar manche Nacht
die Zeit mit Grübeln zugebracht.
Durch Zufall oder Gottes Fügung
da trifft an eines Weges Biegung
der arme Franziskaner - Frater
auf einen Jesuitenpater.
Und schleunigst packt der arme Tropf
gleich die Gelegenheit beim Schopf,
geht mit dem schlauen Jesuit
des Weges noch ein Stückchen mit.
Der Jesuit bemerkt polemisch:
Die Frage sei sehr akademisch.
Das Beten sei zwar streng dogmatisch,
das Rauchen and'rerseits sympathisch.
Um beides logisch zu verbinden,
müsst' sich doch eine Lösung finden;
Das Resümee, ein guter Plan:
„Wir schreiben an den Vatikan!“
Gesagt, getan, gleich früh am Morgen
verfasste jeder seine Sorgen
auf seine Art, - so wie er kann
in einem Brief zum Vatikan.
Nun warten beide autonom
auf ihre Antwort dort aus Rom.

Die Spannung stieg fürwahr erheblich,
doch warteten sie nicht vergeblich.
In Franziskaner - Pater's Brief
da war die Antwort negativ.
Man schrieb ihm, Rauchen sei entartet;
was and'res hat er kaum erwartet.
Jedoch, dem schlauen Jesuit,
dem teilte man was and'res mit.
Da ging das Rauchen nicht zu weit,
denn beten könnt' man jederzeit.
Der Franziskaner - Mönch der klagte
dem Jesuit, was man ihm sagte
aus Rom - und hat es nicht geglaubt,
dass man dem Andern es erlaubt.
Der Jesuit zum "Braunen" sagt:
„Was hast du denn den Papst gefragt?"
"Ich fragte, ob ich bei den Psalmen
so dann und wann auch mal kann qualmen?"
Der Jesuit hat laut gelacht:
"Das hast du völlig falsch gemacht.
Ich fragte, ob ich dann und wann
beim Rauchen auch mal beten kann!"
Man sieht, im Falle eines Falles
ist die Rhetorik eben alles!
Der Franziskaner - Mönch war sauer,
denn Jesuiten sind halt schlauer!
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