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Gedichte über Sprachen - Seite 24




Das Ovulum

Busch und Zille haben lange gefeilt,
ehe ihnen der perfekte Text enteilt.
Ich will mich mit ihnen nicht vergleichen,
könnte nicht einmal das Wasser reichen.
Doch ich habe dafür reichlich Zeit,
um zu dichten lang und breit.
Und mit stumpfen Bleistiftminen
muss ich nicht mein Geld verdienen.

Für mich ist´ s Hobby oder Spaß
euch zu erzählen, was ich las.
Ich muss als Vorteil nicht radieren
und neuen Text darüber schmieren.
So wie es aus den Fingern hastet
wird´ s im Computer eingetastet,
bildet wort- und zeilenweise Seiten,
die dann automatisch weiter gleiten.

Die Rechtschreibung wird überwacht
und so das Dichten leicht gemacht.
Fehlt ein Reimwort mir zur Pein
schalt ich nur die „Hilfe“ ein.
Sie zeigt mir gleich am Bildschirmrand
Wörter, die noch unbekannt,
oder die wir längst vergessen,
und die nur der Duden noch besessen.

Schon hab ich die Qual der Wahl,
denn groß ist dort die Wörterzahl.
In Deutsch, in Englisch und Latein
reihen sich die Wörter fein.
So finde ich unter dem „Reimwort“
auch den seltenen Begriff „Reimport“.
Erst dachte ich, ein Punkt zum Reimen,
doch man wollte mich nur leimen.

Denn es handelt sich bei diesem Wort
um die Rückführung zum alten Ort.
Um die Probleme zu erkennen,
möchte ich euch ein Beispiel nennen.
Ein kurzes Wort ist doch das Ei,
drum nimmt man es für Vielerlei.
Doch für den Rohrdommelsänger
brauchte ich es etwas länger,

Als Suchtext gab ich „Ei“ nur ein,
das Ergebnis war zum Schrei` n.
Dick und dünn und beides stumm
stand dort lateinisch „Ovulum“.
Erstaunt und ohne Schranken
machte ich mir da Gedanken.
Es gibt denglisch, manchmal sehr peinlich,
warum dann nicht auch delateinisch?

Nehmt es mir nicht krumm,
ich versuche es mal mit dem Ovulum.
Die erste Wortverbindung ist normal,
denn im Rätsel heißt eirund stets „oval“.
Doch zusammengesetzt, als „Osterovulum“,
find ich dieses Wort zu dumm.
Mancher es vielleicht noch mag,
denn es klingt nach Feiertag.

Und als Schimpfwort „Du altes Ovulum“
nimmt es nicht mal einer krumm.
Weil er denkt, das ist was Feines,
dabei ist es was gemeines.
Ein altes Ei, das weiß ein jeder
stinkt wie verfaulte Hühnerfeder.
Das Rührovulum vielleicht Ersparnis bringt,
weil es sehr nach Technik klingt.

Das Spiegelovulum würde die Hausfrau nutzen,
um blindes Glas damit zu putzen.
Gekochtes Ovulum nach Eintopf riecht,
der förmlich in die Nase kriecht.
3-Minuten-Ovulum beim Schicki-Micki
ergäbe im Fahrstuhl dann ein Quicki.
Gefärbtes Ovulum wäre als Malheur
ein grünes Toupè bei dem Friseur.

Das Sitzovulum als Toilette erkannt
würde aus dem Wohnzimmer verbannt.
Ein Solovulum laut hörbar ist
im Orchester beim Paukist.
Das Saurierovulum wäre krumm gebogen,
käm bei Gefahr als Schwanz geflogen.
Das Vogelovulum würde sicher zum Schnabel
eines Vogels aus der Fabel.

Das Fischovulum könnten viele gleich
als Köder halten für den Teich.
Und ein schönes Ovulumweiß
malt an die Decke man mit Schweiß.
Nur das Kinder-Überraschungsovulum
nähm der Mann als Pille mit viel Mumm.
Das alles könnte manchen Ärger bereiten
in unseren hektischen schnellen Zeiten.

Drum denglisch und delateinisch schnell vergessen
und das Ei auch als Ei nur essen.

24.09.2013 © Wolf-Rüdiger Guthmann
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Der EDV-Liebesbrief per 24-Nadel-Drucker

Betörend ist das Wort geflossen,
in Tinte ist's dahingegossen
auf rosarotes Briefpapier;
wie aber imponiert es ihr ?
Verrät nicht jener Punkt am Rand
deine zitternd bange Hand ?
Wie wär's, wenn man Gedrucktes schriebe,
die Handschrift noch verborgen bliebe,
die am Ende unzulänglich ?
Denn graphologisch unverfänglich
ist das Schriftbild der Maschine;
so rückst du mit gelöster Miene,
wenn anfänglich auch zögernd nur,
erwartungsvoll zur Tastatur.

Ist dein Einfall nun ein guter,
auf dem Umweg per Computer
den Liebesgruß zu editieren,
wird die Wirkung profitieren,
wird die Vielzahl der Optionen
dich für den Entschluss belohnen ?
Können denn zwei Dutzend Nadeln
ein liebes Wort noch höher adeln,
wie einst des Minnesängers Leier
die Chancen mehrte für den Freier ?
Denkt die Leserin modern,
glaubt sie gedruckten Schwüren gern ?
Wie beurteilt wohl dein Schatz
den ausgefransten Flattersatz ?
Könntest Punkte du verbuchen,
wollt'st du den Blocksatz mal versuchen,
an beiden Seiten schön gerade,
verlässlich wie der Tugend Pfade;
oder wirkt dies zu penibel ?
In welchem Maß ist sie sensibel
für ein stilvolles Layout,
das auf Computergraphik baut ?

Bringt dein graphisches Bemühen
gar eine Rose zum Erblühen
so eben noch am untern Rand,
bringt's eine Frau um den Verstand.
Was es als "Clipart" sonst noch gibt
für Menschen, die extrem verliebt,
zum Beispiel zwei verschlung'ne Hände,
ein solcher Anblick spricht doch Bände !

Man muss ein Herz nicht mehr in Rinden ritzen,
denn die behenden Nadelspitzen
erzeugen es verblüffend plastisch,
und obendrein ist es elastisch,
lässt sich auf viele Arten ändern
mit derben oder zarten Rändern,
lässt sich in schlanke Formen litten;
und auch diese Vektorschriften
sind beliebig frei skalierbar,
die Dimensionen variierbar,
erscheinen völlig ungenormt,
von hohlen Spiegeln wild verformt.
Sie sind schon fast nicht mehr zu zählen;
nun aber sollst du Zeichen wählen,
die am besten wohl belegen,
welche Triebe dich bewegen.
Auch die heimlichen Gedanken,
die ungeschrieben darin ranken,
sie sind bedeutsam und sie gleichen
jenen Druckersteuerzeichen,
die - dem Leserblick verborgen – maßgeblich für den Ausdruck sorgen.
Mit welchem „Font" gehst du zu Werke,
damit's die Angebetete bemerke ?
Da gibt es doch zum Beispiel „Script";
schaut gar nicht aus, als sei's getippt.
Eine Schrift ist's zum Verlieben,
wirkt fast, als ob von Hand geschrieben !

Nachdem dein Hirn - schon arg zerschunden –
letztendlich noch Geschmack gefunden
an diesem Outfit deiner Grüße,
bekommst erneut du kalte Füße:
Los! Entscheide dich beflissen,
denn dein PC will ernsthaft wissen,
ob das Auge soll verweilen
auf engen oder weiten Zeilen,
ob Standardzeichen, ob kursiv,
und dies verwirrt dich abgrundtief! -

Die Zeit entschwindet und mit Macht bricht
der Erwerbsdruck sich nun Bahn,
ruft unerbittlich dich zur Nachtschicht,
zerstoben ist der schöne Wahn,
du könntest zarte Saiten rühren
mit deinem Brief, der ungestaltet
nicht Liebesglut vermag zu schüren,
die grau zu Asche nun erkaltet.
Brich auf mein Freund, brich ab dein Werben.
Die Zeichenvielfalt ist zu groß;
im Datenstrom muss Liebe sterben,
zwei Dutzend Nadeln töten bloß !!!
Günter Uebel, 1991
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