Sortieren nach:

Gedichte über den Menschen - Seite 905


Das Erbe kann warten.. [Teil 9]

Frau Scherz startet entspannt in diesen Morgen. Nicht mit Drama, sondern mit Haltung. Kaffee in der Hand, positive Energie im Bauch, als hätte sie über Nacht heimlich mit dem Optimismus gekuschelt. Für sie ist jeder Tag ein Geschenk, manchmal hübsch verpackt, manchmal mit Beipackzettel, Warnhinweisen und dem dezenten Hinweis: „Überwindung erforderlich.“

Das Erste nach dem Aufstehen: die lila Gardinen zurückziehen, Fenster auf. „Hereinspaziert, Winterluft“, denkt sie, fast singend. Sie liebt diese Polarluft, diesen klaren, metallischen Geschmack, der die Lungen einmal gründlich durchspült und den Kopf sortiert. In der Nacht hatte ein starker Sonnensturm die Erde getroffen, ein geomagnetisches Ereignis, das geladene Teilchen tief in die Atmosphäre schleuderte. Sie kollidierten mit Sauerstoff- und Stickstoffatomen, regten sie an, und ließen sie leuchten. Polarlichter.
Nicht nur über Norwegen oder Island, sondern sichtbar bis nach Deutschland. Am 19. Januar 2026. Kurz, intensiv, flüchtig. Schönheit auf Zeit. Wie ein kosmisches Schulterzucken: Schaut her, ich kann auch anders.

Dann greift sie zur Fernbedienung. Altmodisch, ja. Aber sie steht dazu. ARD, ZDF, Morgenmagazin. MOMA.
Eine Gewohnheit wie Zähneputzen, nur mit mehr emotionalem Kariesrisiko. Und wie jeden Morgen trifft es sie. Nicht subtil. Sondern frontal. Themenauswahl wie ein Faustschlag in die Magengrube. Wieder dieses Gefühl: Bin ich die Einzige, die das so empfindet? Sie merkt, wie sich etwas in ihr zusammenzieht. Dieses leise, zähe Runterziehen. Sie schaltet ab. Abrupt. Entschlossen.

„Das tue ich mir nicht an“, murmelt sie. Niemand hört es.
Niemand außer der schwarz-weißen Katze, die aussieht, als hätte sie das politische System längst durchschaut und sich bewusst für Desinteresse entschieden. Niemand wird je genau wissen wollen, wie sich Frau Scherz in ihrem kleinen Alltag fühlt. Sie lebt seit Jahren im Single-Status, Fluch und Segen, wobei der Segen inzwischen deutlich in Führung liegt. Beziehungskonferenzen, emotionale PowerPoint-Präsentationen und Psychogramme? Nein danke. Sie bevorzugt klare Gedanken und ungeteilte Decken.

Doch dann diese Schlagzeile. Und jetzt wird Frau Scherz wirklich wach.
Bundeskanzler Friedrich Merz kritisiert die Höhe des Krankenstandes.
14,5 Krankentage. Fast drei Wochen. „Ist das wirklich notwendig?"

Frau Scherz schüttelt den Kopf. Nicht leicht. Nicht amüsiert. Sondern verächtlich. Was ist das für eine Führungspersönlichkeit, die Krankheit zur moralischen Verfehlung erklärt? Die Zahlen sieht, aber die Menschen dahinter nicht. 14,8 Krankheitstage im Jahr 2024, sagt das Statistische Bundesamt. Ein Anstieg, ja. Aber auch eine bessere Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Mehr Daten, weniger Dunkelziffern. Das ist Statistik, keine Faulheits-Epidemie. Atemwegserkrankungen als Haupttreiber. Überraschung. In einer Welt nach Pandemie, mit verdichteter Arbeit, Personalmangel, Dauerstress und permanenter Erreichbarkeit.

Doch statt über Prävention zu sprechen, über Arbeitsbedingungen, über Fürsorge, über strukturelle Überlastung, wird die Moralkeule geschwungen. Telefonische Krankschreibung? Verdächtig.
Beschäftigte? Potenziell bequem. Der Subtext ist klar: Ihr seid das Problem.

Frau Scherz denkt: Wie elegant man Verantwortung nach unten delegieren kann. Wie geschickt man systemische Erschöpfung individualisiert. Wie leicht man Menschen gegeneinander ausspielt – die „Fleißigen“ gegen die „Kranken“, die „Leistungsbereiten“ gegen die „Verdächtigen“.

Dabei sagen Studien etwas ganz anderes. Keine Hinweise auf systematischen Missbrauch. Drei von vier Menschen halten die telefonische Krankschreibung für sinnvoll. Weniger Ansteckung, weniger Wartezimmer, mehr Vernunft. Aber Vernunft hat selten Lobbyisten.

Stattdessen dieses Mantra: Wir müssen mehr arbeiten. Ja, sagt Frau Scherz, vielleicht. Aber vor allem müssen wir besser arbeiten. Gesünder. Menschlicher. Mit verlässlicher Kinderbetreuung, mit realistischen Arbeitszeiten, mit Führungskräften, die verstehen, dass Produktivität kein moralischer Zustand ist.

Was hier passiert, ist kein wirtschaftlicher Diskurs. Es ist ein Angriff auf Würde. Ein moralisches Auseinandernehmen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, als wären sie Zahnräder mit schlechtem Wartungszustand. Und es ist gefährlich, weil es das Misstrauen normalisiert.

Frau Scherz steht am Fenster, atmet die kalte Luft ein.
Sie denkt an die Polarlichter. An diese stille, gewaltige Energie, die niemand kontrolliert, niemand sanktioniert, niemand infrage stellt.
Und sie denkt: Vielleicht ist genau das der Punkt. Der Mensch ist kein Systemfehler. Er ist ein Teil der Natur. Verletzlich. Endlich. Keine Maschine.

Ihr Fazit ist klar, auch wenn sie es nur für sich formuliert: Eine Gesellschaft, die Krankheit moralisiert, ist selbst krank. Eine Politik, die Belastung ignoriert und Disziplin predigt, verliert den Kontakt zur Realität. Und Führung ohne Empathie ist keine Führung, sie ist Verwaltung von Kälte.

Frau Scherz nimmt einen letzten Schluck Kaffee.
Sie lächelt schief. Schelmisch. Und denkt: Vielleicht sollten wir nicht, fragen, warum Menschen krank sind sondern warum wir ein System verteidigen, das sie krank macht.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 20.01.2026]
... hier klicken um den ganzen Text anzuzeigen




Die Schafe und der Misthaufen

Tina war wieder mal, mit ihrem Hund, den Berg herunter in das Dorf gegangen,
um die Menschen zu beobachten.
Sie kraulte sein Ohr und unterhielt sich mit ihm:
"Stell Dir vor, neben Dir ist ein großer Misthaufen ...
Ich schwebe nun über diesem Misthaufen,
in angemessener Entfernung
und sehe eine Schafherde rund um den Misthaufen herum verteilt.
Die linken blöken Määhh,
die rechten Miihh,
die unteren Mööhh
und die oberen Meehh !
Alle blicken auf den Misthaufen.
Für die linken ist der Hintergrund des Misthaufens blau,
für die rechten rot und für die anderen schwarz und weiß.

Ich drehe mich mit dem Rücken zum Misthaufen.
Über mir sehe ich einen Spiegel, in den ich hineinblicke.
Da ich in meiner Vorstellung als Geist unsichtbar bin,
erkenne ich nun die linken Schafe rechts,
die rechten links.
Dann drehe ich mich um meine vertikale Achse
und sehe die unteren Schafe oben und die oberen Schafe unten.

Mir ist klar, dass alle Schafe eines gemeinsam haben:
Wenn sie in den Spiegel schauen,
sehen sie nur ein Schaf, dass so blökt, wie sie selbst."

*

Wenn Gleiche unter Gleichen
im Gleichschritt spazieren
werden sie nur ein Ziel erreichen:
Dass sie ihre Menschlichkeit verlieren.

Als Geburtsrecht wurde "Freier Wille" gegeben,
doch vergraben unter Zwängen,
weil sie an Nachteiligem hängen,
verzehrte nicht das Alter ihr Leben,
sondern sie selbst waren's, die es lenkten
und verschenkten,
.. durch ihr falsches Streben !

*

Jeder bedenke,
dass er selbst sich lenke
und nicht vergisst,
dass er selbst verantwortlich ist,
für seine Gedanken, Worte, Taten
und wer ihn darf beraten !

© jogdragoon
Bibat ex me qui potest
... hier klicken um den ganzen Text anzuzeigen