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Gedichte über den Menschen - Seite 891




Das Erbe kann warten.. [Teil 3]

Frau Scherz entspringt einer Idee, deren Existenz jedoch real ist und die sich in der Welt unmittelbar manifestiert. Ihre Erscheinung ist nicht zufällig, sondern folgt einer Logik der Wahrnehmung und der Notwendigkeit; sie tritt auf, wenn die Umstände es erfordern. „Passt perfekt“, konstatiert sie nüchtern, ohne Übertreibung, und signalisiert damit die Angemessenheit ihrer Präsenz.

Die gesellschaftlichen Eliten, die sogenannten „Großen der Krone“, erscheinen ihr weitgehend irrelevant. In einer Metropole wie Berlin, die einerseits für ihre kulturelle Strahlkraft bekannt ist, andererseits jedoch oft oberflächlichen Glanz über substanzielle Inhalte stellt, wird die Differenz zwischen Schein und Realität besonders deutlich. Frau Scherz nutzt diesen Kontext als Prüfstand: Hier lassen sich Unterscheidungen treffen, die andernorts verborgen bleiben.

Arbeit, Beruf, Hobbys, die üblichen Kategorien der gesellschaftlichen Ordnung – betrachtet sie mit analytischer Genauigkeit. Ihre Aufmerksamkeit gilt der Substanz, nicht der Inszenierung. Wenn sie nachdenklich wird, so ist dies kein Zeichen von Unsicherheit, sondern Ausdruck eines Überzeugungsmodus: Sie überprüft, was sie bereits weiß, um ihre Gewissheiten zu validieren.

Gesellschaftliche Attitüden analysiert sie vergleichend. Sie betrachtet Trends, Moden und Meinungsäußerungen und ordnet sie ein. Dieses Vorgehen ist weder prätentiös noch selbstzweckhaft; es folgt einem inneren Maßstab von Gewissenhaftigkeit und kritischer Neugier, der sie veranlasst, Sachverhalte bis ins Detail zu prüfen.

Ihr Interesse gilt nicht primär dem materiellen Erbe. Sie strebt vielmehr an, ein Erbe anzutreten, das ihr aus moralischen Gründen zusteht. Dabei beobachtet und bewertet sie ihre Umgebung sensibel, erkennt subtile Strömungen und widersteht dem Druck gesellschaftlicher Konformität. Frau Scherz ist kein Produkt des Mainstreams; sie definiert ihre Maßstäbe eigenständig.

Ihre Freude liegt im Teilen von Erkenntnis, auch unter dem Anspruch eines konsistenten Wertekompasses. Schon in jungen Jahren hat sie gelernt, zwischen ernsthafter Absicht und bloßer Äußerung zu unterscheiden. Sie sucht keine Anerkennung um ihrer selbst willen, sondern eine Bestätigung der Integrität von Absicht und Handlung.

Frau Scherz scherzt nicht. Sie flunkert, doch ihre Flunkereien dienen der Präzision und der Verdeutlichung von Wahrheit. Sie entblättern die Wirklichkeit, ohne sie zu verzerren, und offenbaren die Essenz dessen, was Bestand hat.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 10.12.2025]


Das Erbe kann warten.. [Teil 4]

Scherz darf fast alles.
Das ist nicht nur eine Redewendung, sondern ein gesellschaftlich geduldeter Betriebsmodus, ein kulturelles Schlupfloch, in dem sich auch Frau Scherz ausgesprochen wohl bewegt.

Vielleicht, so überlegt sie leicht spöttisch, sollten wir uns alle genauso wie sie selbst an die Vorweihnachtszeit gewöhnen. Es gibt ohnehin kein Entrinnen: Der Hochsommer sehnt sich nach Abkühlung, der Mensch nach Erfrischung, und kaum hat der Kalender ein paar warme Tage ausgehalten, werfen die Supermärkte bereits Lebkuchen wie stille Frühwarnsysteme in die Regale.

Natürlich, rein wirtschaftlich betrachtet, ist es ein klassischer Präferenz-Markt: Angebot vor Nachfrage, Tradition hinter Marge. Osterhasen werden in Schichtarbeit zu Weihnachtsmännern umgegossen, und das Ergebnis nennt sich saisonale Flexibilität, betriebswirtschaftlich sinnvoll, kulturell eher eine Art Zuckerwaren-Surrealismus.

Frau Scherz könnte darüber lächeln.
Könnte.
Würde.
Wenn es nicht so entlarvend wäre.

Denn das, was da betrieben wird, ist marktwirtschaftlicher Aktionismus in Reinform: keine Kultur, keine Reflexion, keine Frage nach Sinn oder Sitte. Ein Spiegel, der nicht reflektiert. Ein Märchen ohne Moral. Und Frau Scherz, die sich sonst selten in Pathos verliert, erhebt zumindest eine Augenbraue, wenn ausgerechnet der Konsum uns erzählen will, was wir als Nächstes zu fühlen haben.

Und doch: Scherz darf fast alles.
Also nimmt sie sich selbst nicht heraus.
Warum sollte sie?

Wenn andere sich die Freiheit nehmen, können auch ihre Flunkereien unbehelligt spazieren gehen. Frei nach dem Grundsatz: Wer sich selbst nicht allzu ernst nimmt, fällt wenigstens weich.

Sie gesteht jedem das Recht auf Zerstreuung zu, eigenverantwortlich, ohne Zwang, ohne moralischen Zeigefinger. Ein Anspruch auf Spaß, sozusagen. Eine kontrollierte Auflösung des Alltagsgraus, gewissermaßen eine psychosoziale Entlastungsmaßnahme, mit der sich selbst die verkrampftesten Stirnmuskeln einmal in Bewegungsfreiheit üben dürfen.

Lachen als mikrotherapeutische Intervention:
eine Yoga-Dehnübung des Gesichts,
eine spontane muskuläre Entwarnung,
ein kurzes Te a Tê mit der Sonne,
ein Moment, in dem man sich selbst beim Lächeln ertappt.

Und darin liegt das Paradoxe:
So sehr Frau Scherz die Gesellschaft auch beobachtet und gelegentlich seziert, sie bleibt Teil davon. Bereit, mitzuspielen, mitzuschmunzeln, mitzudenken.

Scherz darf fast alles.
Und Frau Scherz nutzt dieses Privileg,
nicht um sich abzuheben,
sondern um uns daran zu erinnern,
dass Humor ein funktionierendes Frühwarnsystem ist:
für Übertreibungen, für Absurditäten,
und für all das, was wir sonst im hektischen Alltag übersehen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 12.12.2025]
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