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Gedichte über das Leben - Seite 1947


Kling-Klang

Neulich las ich die fragende Beschwerde,
ob ich etwa alt und müßig werde?
Schließlich sei es des Poeten Pflicht
regelmäßig zu schreiben ein Gedicht.

Nach drei Tagen war ich soweit
und überdachte das Thema „Zeit“.
Geht in euch und denkt mal nach,
Zeit ist meist verbunden mit Krach.

Morgens schon in aller Frühe
gibt der Wecker sich sehr viel Mühe.
Dies Geschenk mit großen Glocken
würde ich gerne aus dem Fenster locken.

Der kleine elektronische Unruhezwerg
singt selbst unter einem Kissenberg.
Der Vogel in der Kuckucksuhr
schreit, weil er sehr einsam nur.

Unser hat schon ein Nest gebaut,
doch er findet einfach keine Braut.
Ich warnte, wenn die große Standuhr schlägt,
wird ihr Perpendikel abgesägt.

Geh ich ans offene Fenster ran,
fängt garantiert die Turmuhr an.
Und die Fahrgemeinschaft vor dem Haus
drückt die Zeit mit der Hupe aus.

Zwischendurch bei der Armbanduhr
meldet sich eine andere Alarmzeit stur.
Des Radios angenehme leise Melodien
werden von der Zeitansage überschrien.

Der Briefträger klingelt unten wie wild,
die Zeit vergeht, kein Namensschild.
Der Doktor riet mir mal zur Eierkur,
nun piept sehr oft die Eieruhr.

Aus der Tablettendose Reichlichkeit
schreit gern ein Hahn „Tablettenzeit.“
Hat der Herzinfarkt zugeschlagen
kommt in acht Minuten der Notarztwagen.

Er erzwingt sich weit und breit
mit der Sirene seine Zeit.
Dem Glücklichen schlägt keine Stunde,
doch irgendwann bin ich ihr Kunde.


Gehe ich dereinst zur ewigen Ruh
und man schraubt den Deckel zu,
endet meine Lebens- und Liebeszeit
mit großem Kirchenglocken Geleit.

14.12.2019 © Wolf-Rüdiger Guthmann
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Die Gummistiefel

Im Sommer wollte ich wie die andern
durch die Gegend latschen, kurz gesagt wandern.
Doch richtige Organisation muss sein,
drum fragte ich den Chef des hiesigen Verein.
Er sagte: „Weil wir es bei jedem Wetter wagen,
sollten sie Gummistiefel tragen.“
Ich meinte: „Gummistiefel? Kein Problem,
sie dehnen sich und sind bequem.“

Ich war nun einmal beim Laufen,
da ging ich auch gleich Gummistiefel kaufen.
Im Laden hab ich Gummistiefel verlangt
und auch die Größe mit genannt.
Die Verkäuferin hat mich lächelnd angestarrt:
„Welche Farbe, welche Art?“
Als ich meinte: „Das ist mir egal“,
zog die Dame mich zu dem Regal:

„Gummistiefel sind wie Ansichtskarten,
sie weisen auf des Trägers Eigenarten.
Es gibt sie in allen Farben,
keine Partei soll deshalb darben.
Hohe Absätze für kleine Leute,
braune Hacken für die grölende Meute.
Es gibt selbst welche mit Trittbrett an der Seite,
für Partner, die arm sind oder pleite.

Linien, Kreise, mathematische Symbole,
auch Nummernschilder unten an der Sohle.
Früher ließ man Flaggen weh ‘n,
jetzt kann man’s an den Stiefeln seh ’n.
Das diplomatische Corps miteinander
erkennt sich an dem Stiefel Stander.
Andererseits findet des Zolles Identifikata
gleich jede bekannte Persona non Grata.

Für die Großstadt Gammler Füchse
gibt es Stiefel mit Sammelbüchse.
Ersetzt ist der Begriff „Mark“
durch „Nur der Euro ist stark!“
Falls jemand unter die Straßenbahn gerät,
der Gummistiefel die Blutgruppe verrät.
Scheinwerfer und Satellitenortungsautomat
sichern den Heimweg früh und spat.

Gardinen und Rollos sind ganz real
denn das Stiefelinnere ist reich oder kahl.
Mit Auslegeware oder Linoleum,
roch es nach Veilchen und Petroleum.
Manche hatten wegen Blasen Kuhmilchfett
andere dagegen ein Nagelbrett.
Als ich mich entscheiden sollte,
hatte ich vergessen, was ich wollte.

20.11.2015 © Wolf-Rüdiger Guthmann

Gestern, auf der Suche nach einem Klo,
geriet ich auch in ein Verwaltungsbüro.
Dort dekorierte der Adventsgestalter
winzige Gummistiefel als Kerzenhalter.
Selbst mein erstklassiges, teures Autohaus
teilte als Geschenk Gummistiefel aus.
Wäre ich mal Held eines Pannengenusses,
ginge es wenigstens trockenen Fußes.

03.12.2015 Nachtrag
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