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Gedichte über das Leben - Seite 1508




So wie noch nie

Du hast mich getroffen
und ich saß da und wusste nichts mehr
hilflos, fast verloren machst Du mich
ich versuche, was Einleuchtendes zu sagen
weiß nicht, ob Du es überhaupt hörst
Dich nicht erreichen zu glauben ist furchtbar
so wie noch nie
ich sah Dich kämpfen gegen tausend Ängste
kämpfen um ein Wort, um Sätze
um den nächsten Atemzug
um Tränen und Trauer
so wie noch nie – fühle ich mich... ich kann
es nicht einmal sagen –
was Du wirklich erlebt hast, ich weiß es nicht
Du hast mir Dich erzählt, Dein Vertrauen
macht mir fast Angst
so wie selten zuvor
Deine Kraft, ich frage mich, wo Du sie hernimmst
wie eine Quelle, die Dich seit jeher über Wasser hält
die um Fruchtbarkeit kämpft
so wie Du kämpfst, um Dein Leben
um Dich
so wie noch nie
nicht zu wissen, wo Du bist
ob hier bei Dir
ob bei einem frühen Bild
einer schönen Erinnerung
oder einem furchtbaren Erlebnis
ist schlimm für mich, ich bin unsicher
so wie noch nie
ich spüre, wie sehr Du mich brauchst
wie Du mich aussaugst
ohne mir etwas zu nehmen
ich fühle, Du nimmst Dir etwas
von dem ich nicht weiß, was es ist
aber es scheint Dir sehr viel zu bedeuten
vielleicht ist es eine von vielen kleinen Quellen
die erst in ihrer Gesamtheit das verhindern
wovor ich große Angst habe
Dich zu verlieren
Abschied zu nehmen
mich selbst aufzugeben
so wie noch nie
diese Spannung hat etwas Unheimliches
wieder etwas, das sich jedem Versuch, es in Worte zu fassen
auf eigenartige Weise entzieht
eine seltsame Distanz zwischen uns
und doch habe ich ganz stark das Gefühl
ich bin Dir heute ganz, ganz nah
so wie noch nie


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Bettina

Angestrengt lauscht sie auf die Stimme,
die wir alle hören
Ihre Blicke schweifen kaum ab.
Du wirkst so angespannt, wenn Du so
bewegungslos verharrst.
Manchmal durchbricht sie sich selbst,
dann schleicht sich ein Lächeln durch ihr Gesicht.
Im nächsten Moment wieder aufmerksam,
der unbekannten Stimme durch den Raum folgend.
Immer wieder wandern Deine Gedanken
weit weg, ich weiß nicht wohin.
Vielleicht bist du gerade auf einer großen
Wiese, barfuß, im Herbst, oder
vielleicht durchziehen jetzt Kinderträume
Deine dunklen Augen, wie Du fünf Jahre
alt warst und im Sand gespielt hast,
Schlösser gebaut und wünschtest, Du
könntest eine Prinzessin sein, in einem
langen, weißen Kleid,
vielleicht auch nichts von alledem.
Hin und wieder gleiten Deine Blicke
sehnsüchtig aus dem Raum, durch die
Fenster, die Dich nicht aufhalten können
bis wohin?
Ich weiß es nicht, und ich wage nicht
zu fragen.
Und wieder versucht sie sich auf das zu
besinnen, was nebenbei die ganze Zeit durch
die Ohren geistert. Durch alle Ohren, die sich
dem momentanen Vortrag kaum zu entziehen
vermögen.
Gelangweilt und dem eigenen Gähnen ergeben
schweifst Du wieder ab, schaust mich an,
nach einem Moment der gespannten Erwartung
lächelst Du, und wieder einmal
lese ich etwas in Deinen Augen, was ich
nicht verstehen kann. Noch bevor ich
wahrnehme, was es ist, ist sie schon ganz
woanders. Die Fäuste in den Ärmeln und
die Ärmel am Kopf, und der Kopf gesenkt,
sucht sie wahrscheinlich irgendeinen nicht
vorhandenen Fitzel auf dem weißen Tisch,
von dem ich den Eindruck habe, wäre
er nicht da, sie wäre schon lange auf
den Boden geglitten, vermutlich ohne es
selbst bemerkt zu haben.


Und jetzt merke ich, dass ich trotz allem,
was sie mir von sich gezeigt hat, nichts von
ihr weiß, und je länger ich sie wahrnehme, um
so mehr habe ich den Eindruck, dass
auch meine Eindrücke mich bald wieder verlassen werden.


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