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Gedichte über Gefühle - Seite 1186




Heilung

Tränen bahnen sich ihren Weg
leise und unaufhaltsam
durch mein Gesicht,
Salzwassergespinnste,
die mich durchqueren,
wie ein Raumschiff die Kanäle des Mars.
Tiefe Gefühle kommen an die Oberfläche,
geheimnisvoll und verborgen
dringen sie in mein Innerstes,
drohen mich zu zerreißen,
meine Traurigkeit bahnt sich ihren Weg
durchs Dickicht nach oben
ans Licht des Tages,
mein Lebenslicht,
lange erloschen einst,
und nun zu neuem Leben erwacht,
zu flammenden Feuern entfacht,
glüht und lodert
das Leben in meinen Augen,
die eben noch der Quell
meiner Tränen waren.
Doch das Leben siegt tausendfach,
immer wieder,
über jeden Keim einer Depression.
Ich darf trauern,
tief und unergründlich,
lange und intensiv,
damit die salzigen Tropfen fließen können,
damit aus Tropfen Rinnsale werden,
aus Rinnsalen Bäche,
und aus Bächen Sturzbäche.
Und wenn die Quelle dann irgendwann versiegt,
dann ist es gut für heute,
dann kommt der Körper zur Ruhe,
und meine Seele tankt Kraft,
damit das Leben zurückkehren kann,
in mich,
in jede Faser meines Körpers,
dann beginnt die Zeit des Erwachens,
des Auferstehens
wie aus einem tausendjährigen Schlaf.
Die Energie meines Lebens kehrt zurück,
um mich zu einem Lebe-Wesen zu machen,
nach all dem Schmerz,
zu einem lebendigen Wesen,
einem Wesen voller Leben,
das kämpft und ringt,
um zu heilen,
um den Schmerz nicht gewinnen zu lassen,
diesen unbändigen Schmerz zulassen zu können,
wieder und immer wieder,
bis zur völligen Erschöpfung,
damit danach die Ruhe eintritt,
in der sich alle Kräfte erneut sammeln.
Und jedes Mal passiert ein kleines Wunder:
Jedes Mal, wenn die Kraft zurückkehrt
in meinen Körper,
wird meine Seele wieder ein kleines bisschen heiler,
jedes Mal verdunstet dann eine Träne
und braucht nicht mehr geweint zu werden.
So verringert sich die Traurigkeit von Zeit zu Zeit,
und das Leben in mir
kann mehr und mehr erblühen,
wie ein immer währender Frühling.
Und eines Tages
wird aus dem Frühling ein Sommer,
mein Sommer;
dann wird mir die saisonbedingte Winterdepression
so fremd sein,
wie Wasser auf dem Mond.
Und das fühlt sich unendlich gut an.
Es ist ein Weg der kleinen Schritte,
den ich gehe, den wir gehen,
ich und mein inneres Kind,
der kleine Lothar,
einen langen, steinigen Weg,
an dessen vielen Gabelungen
immer wieder ein bisschen Heilung wartet,
auf uns, auf mich.
Wer weiß, vielleicht werde ich eines Tages
mehr geheilt sein,
als ich heute zu träumen wage.
Etwas, worauf ich mich jetzt schon freuen kann…


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Tränenarm

Ich fühle mich tränenarm
und bin innerlich tränenreich,
das fühlt sich nach dieser schlimmen Trennung
doppelt schmerzhaft an.
Tränenarm, tränenreich,
ich wünsche mir ein Tränenreich,
wünsche mich tränenreich,
einmal mehr
wünschte ich,
meine Tränen würden einfach fließen,
Zeugen stillen Schmerzes,
die meinen Augen entweichen.
Doch es geht nicht,
zu sehr funktionieren meine
Trauerunterdrückungsmechanismen.
Sie haben schon immer wunderbar funktioniert –
nahezu perfekt.
Etwas, was mir zusätzlich weh tut.

Warum kann ich nicht einfach losheulen?
Grund genug habe ich.
Nur habe ich keine Tränen –– mehr?
Habe ich jemals welche gehabt?
Und wenn ja, wie viele waren es?
Ergaben sie eine Tränenpfütze
oder einen kleinen Tränensee,
oder gar ein Tränenmeer?
Ein Tränenmeer – oder weniger?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur:
Ich habe keine Tränen mehr
und wünsche mir doch so sehr ein Tränenmeer.
Es tut so gut, zu weinen,
einfach allen Schmerz loszulassen,
zu verabschieden
in diesen kleinen traurigen Tropfen.
Sie sind für mich so kostbar
und leider auch so selten.
Manchmal weine ich hemmungslos
in meinen Träumen.
Das tut gut und fühlt sich unendlich gut an.
Geträumte Tränen perlen von meiner Wange herab –
kleine Tränenperlen, die in ein Meer perlen,
ein Tränenmeer meines Schmerzes,
den ich fühle und erlebe.

Ich finde es traurig,
dass meine Trauer so wenig Platz hat.
Wenn ich weine, fühle ich mich
schwach und stark zugleich
und bin doch so verletzlich,
sehne mich nach Armen,
die mich umarmen und halten,
nach einer Brust,
die mich nährt,
nach einem Schoß,
der mich schützt,
in den ich meinen Kopf legen kann,
um mich auszuheulen und Trost zu finden.
Manchmal wünschte ich,
ich könnte durch meine
eigenen Tränenmeere tauchen –
Salzwasser ganz nach meinem Geschmack.

Ich glaube, mein Vater hat viel dafür getan,
dass sich in meinen Augenwinkeln
sehr starke Schleusenwärter postiert haben.
Und sie tun ihren Dienst noch immer,
sind immer noch da.
Nur selten gelingt es mir,
sie zu vertreiben, damit einige wenige
Perlentropfen entweichen können.
So selten sie auch sind,
so kostbar sind sie aber auch.
Und jedes Mal bin ich froh und glücklich,
sie verabschiedet zu haben.

Vielleicht muss ich ein wenig Abschied nehmen
von der Vorstellung,
ich könnte häufiger Sturzbäche weinen
oder Rotz und Wasser heulen.
So schön und befreiend dieser Gedanke auch ist,
so wenig wirklich erscheint er mir –
auch etwas,
was mich wieder etwas traurig macht.
Vielleicht schließt sich hier
mein Kreis der Trauer,
mein Trauerkreis,
in den ich nur selten einsteigen kann.
Und wenn es dann doch gelingt,
dann ist das etwas,
was mich hinterher ungeheuer glücklich macht!
Auch auf diese Art und Weise liegen wohl
Glück und Traurigkeit oft dicht beieinander,
dichter, als wir meistens zu träumen wagen.


ls281207
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