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Gedichte über Emotionen - Seite 459


Schicksal nach mehr als 10 Jahre

2014 habe ich über mein Schicksal geschrieben.
Was ist davon eigentlich geblieben?
Ich bin immer noch kein guter Ratgeber.
Trotzdem spreche ich frei von der Leber.

Ich habe Dir mein Brüderlein noch mehr sagen.
Er wirft für mich rein ins Leben noch einige Fragen.

Zum Beispiel, warum hat sie euer Kind verloren?
Wieso wurde sein Sohn nicht geboren?
Es gibt keine höhere Macht,
die so etwas konnte vollbracht.

Mit Gott hatte er sich schon lange verkracht.
Das Religiöse hatte er schon seit Kindestagen ganz weit weg geparkt.
Hat sie im Gegenteil vielleicht die Hände im Spiel?
Was war für sie eigentlich ihr Ziel?

Für mich gab es seit dem noch viel zu tun.
Ich konnte seitdem nicht mehr ausruhn.
Mit seiner ersten Frau hatte er es schon einmal erlebt.
Sie hatte gesorgt, dass das ihr drittes Kind weg geht.

Nach der erneuten Attacke auf seiner Seele,
irgendwie kamen eigenartige Laute aus seiner Kehle.
Schon zu diesem Zeitpunkt hatte ich große Sorgen.
Ich wollte, das er noch erlebt ein neuen Morgen.

So war mein eigenes Schicksal eigentlich schon vorprogrammiert..
Meinen Bruder im Blick zu halten, das nichts mehr diesbezüglich passiert.
Brüderlein, Dich darf eine Frau mehr anfassen.
Aber er hat ein viel zu großes Herz und kann es nicht lassen.

Zweimal so ein Unglück zu haben,
vermindert nämlich seine guten Gaben.
Ich muss dafür sorgen, das er diese wieder bei sich erkennt.
Deswegen hab ich ziemlich wenig gepennt.

Ich muss dabei auch mal auf mich achten und nicht auf meinen Bruder.
Aber wenn uns Beiden gut geht, ja das wäre wirklich ein Wunder.
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Sommersonnenwende

ich denke oft an die sommersonnenwende

an diesen einen tag
an dem das licht am längsten bleibt
als hätte die sonne vergessen
wann sie nach hause gehen soll

die menschen feiern ihn
als wäre er ein höhepunkt
als hätte das jahr seinen höchsten atemzug erreicht
bevor es langsam wieder ausatmet

und ich verstehe warum
es gibt etwas Ehrfurchtgebietendes daran
so viel helligkeit zu betrachten
so viel himmel
so viel gold auf den straßen
so viel leben
das sich nach draußen drängt

und trotzdem
macht mich dieser tag ein wenig traurig

denn die sommersonnenwende
ist nicht nur der längste tag
sie ist auch der tag
an dem das licht beginnt
sich wieder zu entfernen
fast unmerklich
fast unfair


als würde etwas seinen rückzug antreten
im selben moment
in dem es seinen höhepunkt erreicht

vielleicht berührt mich das
weil ich menschen genauso erlebe
wir verbringen so viel zeit
damit irgendwo anzukommen
und wenn wir endlich dort sind
merken wir
dass nichts stehen bleibt
nicht die freude
nicht die liebe
nicht einmal die version von uns
die so lange gekämpft hat
um hierher zu gelangen

ich erinnere mich
wie ich als kind glaubte
erwachsen sein würde sich anfühlen
wie die sommersonnenwende
als gäbe es irgendwann
einen tag
an dem alles hell genug wird
an dem alle fragen beantwortet sind
an dem ich aufwache
und endlich weiß
wer ich bin
doch stattdessen
bin ich hier
älter als damals
und immer noch verwirrt

immer noch auf der suche
immer noch dabei
mich selbst kennenzulernen
wie einen fremden
der zufällig meinen namen trägt

und manchmal frage ich mich
ob wir das leben falsch betrachten
vielleicht geht es nie darum
anzukommen
vielleicht geht es darum
immer wieder neu zu beginnen
selbst mitten in der erfüllung

denn die sommersonnenwende erinnert mich daran
dass selbst das licht
nicht versucht
für immer zu bleiben
es klammert sich nicht fest
es fordert keine ausnahme
es macht keinen vertrag mit der zeit
es kommt
es leuchtet
und dann geht es weiter

und ich wünschte
ich könnte das auch

ich wünschte
ich würde menschen loslassen
so wie der himmel den tag loslässt

ohne widerstand
ohne verhandlungen
ohne die ständige frage
ob ich noch etwas hätte anders machen können

aber ich bin ein mensch
und menschen halten fest
an alten gesprächen
an verlassenen häusern
an versionen ihrer selbst
die längst nicht mehr existieren

wir tragen erinnerungen
wie steine in unseren taschen
und wundern uns
warum das gehen so schwer wird
manchmal sitze ich
an einem späten sommerabend
wenn die sonne sich weigert
unterzugehen
und alles in dieses seltsame gold getaucht ist
das nur wenige wochen im jahr existiert
und ich fühle mich gleichzeitig
unendlich lebendig
und unendlich vergänglich
als könnte ich für immer hier bleiben
und als würde alles morgen verschwinden

vielleicht ist genau das
die wahrheit über das leben
dass beide gefühle recht haben
dass wir gleichzeitig dauerhaft
und vorübergehend sind

dass wir spuren hinterlassen
und trotzdem vergehen
dass wir lieben
obwohl wir wissen
dass nichts für immer bleibt
und vielleicht ist das mutigste
was ein mensch tun kann
nicht zu hoffen
dass etwas ewig hält
sondern es trotzdem zu lieben
mit vollem herzen
mit offenen händen
mit dem wissen
dass die zeit immer gewinnt

ich denke
die sommersonnenwende versteht das
sie versucht nicht
die dunkelheit zu besiegen
sie existiert neben ihr
sie weiß
dass die nächte zurückkehren werden
und leuchtet trotzdem
mit allem was sie hat
und vielleicht
sollte ich das auch lernen
nicht darauf zu warten
dass die angst verschwindet
bevor ich mutig bin
nicht darauf zu warten
dass die trauer verschwindet
bevor ich glücklich werde

nicht darauf zu warten
dass ich mich vollständig verstehe
bevor ich anfange zu leben

vielleicht dürfen widersprüche bleiben
vielleicht darf ich licht lieben
und trotzdem von dunkelheit angezogen sein

vielleicht darf ich hoffnung haben
und zweifeln

vielleicht darf ich menschen vermissen
die ich losgelassen habe

vielleicht darf mein herz
mehr als eine wahrheit gleichzeitig tragen
die längsten tage des jahres
haben mich nie an perfektion erinnert
sie erinnern mich an vergänglichkeit
an die seltsame schönheit
eines moments
der seinen eigenen abschied
bereits in sich trägt
und jedes jahr
wenn die sommersonnenwende zurückkehrt
denke ich dasselbe
nicht darüber
wie viel licht noch kommt
sondern darüber
wie kostbar es ist
dass es überhaupt hier war

dass wir für einen augenblick
unter diesem endlosen himmel standen
mit all unseren fragen
mit all unseren widersprüchen
mit all unserer liebe
und all unserer angst
und trotzdem
für einen moment
von der sonne berührt wurden
als wollte sie sagen
ich kann nicht bleiben
aber ich war hier
und manchmal
muss das genügen
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