Sommersonnenwende
Ein Gedicht von
Orion Sorren
ich denke oft an die sommersonnenwende
an diesen einen tag
an dem das licht am längsten bleibt
als hätte die sonne vergessen
wann sie nach hause gehen soll
die menschen feiern ihn
als wäre er ein höhepunkt
als hätte das jahr seinen höchsten atemzug erreicht
bevor es langsam wieder ausatmet
und ich verstehe warum
es gibt etwas Ehrfurchtgebietendes daran
so viel helligkeit zu betrachten
so viel himmel
so viel gold auf den straßen
so viel leben
das sich nach draußen drängt
und trotzdem
macht mich dieser tag ein wenig traurig
denn die sommersonnenwende
ist nicht nur der längste tag
sie ist auch der tag
an dem das licht beginnt
sich wieder zu entfernen
fast unmerklich
fast unfair
als würde etwas seinen rückzug antreten
im selben moment
in dem es seinen höhepunkt erreicht
vielleicht berührt mich das
weil ich menschen genauso erlebe
wir verbringen so viel zeit
damit irgendwo anzukommen
und wenn wir endlich dort sind
merken wir
dass nichts stehen bleibt
nicht die freude
nicht die liebe
nicht einmal die version von uns
die so lange gekämpft hat
um hierher zu gelangen
ich erinnere mich
wie ich als kind glaubte
erwachsen sein würde sich anfühlen
wie die sommersonnenwende
als gäbe es irgendwann
einen tag
an dem alles hell genug wird
an dem alle fragen beantwortet sind
an dem ich aufwache
und endlich weiß
wer ich bin
doch stattdessen
bin ich hier
älter als damals
und immer noch verwirrt
immer noch auf der suche
immer noch dabei
mich selbst kennenzulernen
wie einen fremden
der zufällig meinen namen trägt
und manchmal frage ich mich
ob wir das leben falsch betrachten
vielleicht geht es nie darum
anzukommen
vielleicht geht es darum
immer wieder neu zu beginnen
selbst mitten in der erfüllung
denn die sommersonnenwende erinnert mich daran
dass selbst das licht
nicht versucht
für immer zu bleiben
es klammert sich nicht fest
es fordert keine ausnahme
es macht keinen vertrag mit der zeit
es kommt
es leuchtet
und dann geht es weiter
und ich wünschte
ich könnte das auch
ich wünschte
ich würde menschen loslassen
so wie der himmel den tag loslässt
ohne widerstand
ohne verhandlungen
ohne die ständige frage
ob ich noch etwas hätte anders machen können
aber ich bin ein mensch
und menschen halten fest
an alten gesprächen
an verlassenen häusern
an versionen ihrer selbst
die längst nicht mehr existieren
wir tragen erinnerungen
wie steine in unseren taschen
und wundern uns
warum das gehen so schwer wird
manchmal sitze ich
an einem späten sommerabend
wenn die sonne sich weigert
unterzugehen
und alles in dieses seltsame gold getaucht ist
das nur wenige wochen im jahr existiert
und ich fühle mich gleichzeitig
unendlich lebendig
und unendlich vergänglich
als könnte ich für immer hier bleiben
und als würde alles morgen verschwinden
vielleicht ist genau das
die wahrheit über das leben
dass beide gefühle recht haben
dass wir gleichzeitig dauerhaft
und vorübergehend sind
dass wir spuren hinterlassen
und trotzdem vergehen
dass wir lieben
obwohl wir wissen
dass nichts für immer bleibt
und vielleicht ist das mutigste
was ein mensch tun kann
nicht zu hoffen
dass etwas ewig hält
sondern es trotzdem zu lieben
mit vollem herzen
mit offenen händen
mit dem wissen
dass die zeit immer gewinnt
ich denke
die sommersonnenwende versteht das
sie versucht nicht
die dunkelheit zu besiegen
sie existiert neben ihr
sie weiß
dass die nächte zurückkehren werden
und leuchtet trotzdem
mit allem was sie hat
und vielleicht
sollte ich das auch lernen
nicht darauf zu warten
dass die angst verschwindet
bevor ich mutig bin
nicht darauf zu warten
dass die trauer verschwindet
bevor ich glücklich werde
nicht darauf zu warten
dass ich mich vollständig verstehe
bevor ich anfange zu leben
vielleicht dürfen widersprüche bleiben
vielleicht darf ich licht lieben
und trotzdem von dunkelheit angezogen sein
vielleicht darf ich hoffnung haben
und zweifeln
vielleicht darf ich menschen vermissen
die ich losgelassen habe
vielleicht darf mein herz
mehr als eine wahrheit gleichzeitig tragen
die längsten tage des jahres
haben mich nie an perfektion erinnert
sie erinnern mich an vergänglichkeit
an die seltsame schönheit
eines moments
der seinen eigenen abschied
bereits in sich trägt
und jedes jahr
wenn die sommersonnenwende zurückkehrt
denke ich dasselbe
nicht darüber
wie viel licht noch kommt
sondern darüber
wie kostbar es ist
dass es überhaupt hier war
dass wir für einen augenblick
unter diesem endlosen himmel standen
mit all unseren fragen
mit all unseren widersprüchen
mit all unserer liebe
und all unserer angst
und trotzdem
für einen moment
von der sonne berührt wurden
als wollte sie sagen
ich kann nicht bleiben
aber ich war hier
und manchmal
muss das genügen
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