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Gedichte über das Schicksal - Seite 414


Bahnhofsviertel

Siehst du den Mann vor der Spielothek steh’n,
mit zitternden Händen, kaum fähig zu geh’n?
Ein Becher voll Kaffee, der wärmt nur die Haut,
sein Mantel ist müde, der Kälte vertraut.
Die Schuhe erzählen von Jahren im Dreck,
die Zeit ist verschwunden, der Tag bleibt ihm weg.
Und du willst mir sagen, du seist schon am Ende,
weil Arbeit dich drückt und der Alltag dich blende?
Komm mit mir ein Stück von den Türmen zurück –
ich zeig dir am Rand, wie zerbrechlich ist Glück.

Siehst du die Frau an der Taunusallee,
ihr Blick starr und fern wie ein eisiger See?
Zu jung für die Härte, zu alt für ein Ziel,
der Lippenstift hält, doch er lügt für ein falsches Spiel.
Sie erwartet nicht Kunden, nicht Nähe, nicht Geld,
nur die Wärme, die kurz sie im Schutzzelt erhält.
Und du willst mir sagen, du wärst ganz allein,
kein Mensch würde bleiben, kein Wort wäre dein?
Komm mit mir dorthin, wo man Nähe verkauft –
ich zeig dir, was es kostet, was Liebe hier taugt.

Siehst du die Schatten am U-Bahn-Eingang,
ihre Schritte ohne Richtung, ihr Atem so lang?
Die Nadeln wie Uhren, sie ticken nicht mehr –
kein Morgen, kein Gestern, nur bleich und leer.
Zeit ist kein Maß mehr, kein Trost und kein Ziel,
nur Stille im Rausch oder Zittern, kein Gefühl.
Und du willst mir sagen, dein Leben steht still,
weil nichts sich verändert, nichts werden will?
Komm mit mir hinab unter Brücken aus Stein –
ich zeig dir die angebliche Freiheit am Main.

Ein paar Straßen weiter glänzt Glas und Beton,
doch hier spiegelt nichts mehr, nicht Traum, nicht Lohn.
Nur Gesichter, die niemand beim Namen mehr nennt
und Wege, die keiner vom Sehen kennt.
Wenn du also klagst über Tage aus Leere,
über die Lasten, über die untragbare Schwere:
Denk an die Straßen am Bahnhof bei Nacht –
sie tragen das Gewicht und niemals die Pracht.
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Zwischen den Abgründen

Ganz oben, wo das freie Auge
kühn in des Himmels Bläue schwelgt
und sich der Geist, vom Licht berauscht,
zum Ewigen emporzuschwingen wähnt,

und ganz unten, wo in dumpfer Finsternis
der Mensch sich selbst zum Rätsel wird,
wo Zweifel wie Gewürm am Herzen nagen
und jede Hoffnung matt zusammenbricht,

in diesem furchtbar heiligen Zwischenreich
bewegt sich unser menschlich Los.

Wir hungern nach der Liebe Seligkeit,
als sei sie unsrer Seele Vaterland;
wir dürsten nach dem Blick, der uns erkennt,
nach einem Wesen, das uns ganz umfasst.
Und doch, oh Widerspruch der Schöpfung,
erheben wir die Faust gegeneinander,
zerschlagen Bruderstirnen
für ein wenig Brot und Suppe
als hinge unser Heil an Solchem.

Ehre nennen wir das gnadenlose Gesetz,
das unsre Brust durchglüht;
Stolz sei uns Schild und Zepter,
aufrecht schreiten wir durchs Weltgetümmel,
als wären wir dem Schicksal selbst gewachsen.

Doch wehe!
Wenn die Zeit herniedersinkt
und alles äußre Rühmen schweigt,
wenn keiner unser Heldentum bezeugt,
dann stehen wir allein vor unsrer Seele Spiegel.
Und was wir schauen, macht uns leise.

Fassungslos befragen wir die Ungewissheit:
Wer lenkt das Rad der Zeiten?
Wer wirft uns mitleidslos in den Sturm
und nennt es Prüfung?
Ist’s blinder Zufall,
oder waltet eine höhere Hand,
die uns durch Leid zur Größe zwingt?

Denn zwischen Engel und Vernichtung
ist unsre Wiege aufgeschlagen.
Wir tragen göttlichen Funken im Gemüt
und doch das Tier in unserm Blut.
Wir können lieben – grenzenlos,
uns selbst im Andern übersteigen,
und können hassen mit derselben Glut,
die Welten niederbrennt.

So sind wir demütig,
wenn uns das Schicksal niederdrückt;
wir beugen uns und nennen es Bestimmung.
Und dennoch glimmt im tiefsten Kern
ein Trotz, der nicht vergehen will,
ein Aufruhr gegen jede Fessel,
ein Ruf nach Freiheit,
der selbst im Kerker widerhallt.

Oh Mensch!
Du herrliches, unerschütterliches Geschöpf!
Zum Höchsten strebst du,
und stürzt ins Tiefste.
Doch eben in dem Kampf
zwischen Schlamm und Sternenmeer
wird deine Größe offenbar.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 12.02.2026]
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