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Gedichte über das Leben - Seite 3426


Das Erbe kann warten.. [Teil 12]

Frau Scherz und das nächtliche Kopfkino

Frau Scherz reibt sich die Augen. Ihr Kalender ist gerade umgesprungen auf Mittwoch, den 11. März 2026. Es ist mitten in der Nacht. Draußen regnet es vor sich hin, gleichmäßig und beinahe meditativ, als hätte der Himmel beschlossen, die Welt in einen sanften Schlaf zu wiegen. Alles scheint still zu sein. Häuser, Straßen, sogar die Laternen wirken schläfrig. Nur ihre Gedanken laufen Marathon.

Frau Scherz kennt das. Ihr innerer Diskurs, den sie mit sich selbst führt, ist ein wahres Stehaufmännchen, ein Dauerbrenner, ein nie abgeschalteter Radiosender irgendwo zwischen Philosophie, Alltagsironie und leichtem Kopfschütteln über die Menschheit. Sie kichert in sich hinein, denn Humor hat sie ja bekanntlich im Genbaukasten mitbekommen. Natürlich heißt das nicht, dass sie immer gut gelaunt wäre. Wer immer lacht, muss einen an der Düse haben, sagt sie sich gern. Und fügt dann trocken hinzu: Dann sind vermutlich auch noch alle Latten am Zaun geklaut.

So sehr sie sich bemüht, eine positive Lebenshaltung zu bewahren, so schwer fällt es ihr in manchen Lebensabschnitten. Immer wieder gibt es diese Momente, in denen jemand anders ihr förmlich einen Strich durch die Rechnung zieht. Besonders auffällig wird das für sie in den sozialen Netzwerken. Dort beobachtet Frau Scherz ein Schauspiel, das Soziologen längst unter Begriffen wie digitale Aggressionskultur oder Online-Disinhibitionseffekt beschreiben. Menschen schreiben Dinge, die sie ihrem Gegenüber niemals ins Gesicht sagen würden. Die räumliche Distanz, die Anonymität und die scheinbare Konsequenzlosigkeit erzeugen eine Art psychologischen Freifahrtschein.

Da wird gearbeitet mit spitzen Bemerkungen, bissigen Wortschöpfungen, gezielten Beleidigungen und manchmal sogar mit systematischem Mobbing oder Stalking. Kommunikationswissenschaftler sprechen hier von Eskalationsspiralen: Eine provokante Bemerkung führt zur Gegenreaktion, diese wiederum zu einer noch heftigeren Reaktion. Binnen Minuten verwandelt sich eine Diskussion in ein digitales Schlachtfeld. Frau Scherz stöhnt leise bei dem Gedanken. Sie kennt dieses Gefühl, auch wenn sie sich nicht sicher ist, ob sie sich manches vielleicht nur eingebildet hat. Gemobbt worden zu sein – dieser Gedanke begleitet sie seit ihrer Schulzeit.

Es war nicht immer leicht damals. In ihrer Klasse gab es Tage, an denen der Gruppendruck beinahe körperlich spürbar war. Schulpsychologen beschreiben dieses Phänomen als Konformitätsdruck. Kinder und Jugendliche versuchen, sich der Mehrheit anzupassen, um nicht selbst zum Ziel der Gruppe zu werden. Und genau in solchen Dynamiken entstehen manchmal grausame Situationen. Frau Scherz erinnert sich besonders an einen Mitschüler. Ein kleiner Junge mit Migrationshintergrund, schmächtig, ruhig, damit in der grausamen Logik mancher Kinder ein leichtes Ziel. Eines Tages steckten ihn einige Klassenkameraden zum Spaß in einen Metallmülleimer auf dem Schulhof. Sie lachten. Sie feierten sich. Für sie war es ein Streich. Für den Jungen war es Demütigung.

Frau Scherz stand damals daneben, still und betroffen, und verstand schon als Kind, dass an dieser Szene nichts Lustiges war. Sie hatte immer ein feines Gespür für die Schwachen. Vielleicht ist das bis heute so geblieben. In der Sozialpsychologie wird dieses Verhalten innerhalb von Gruppen oft mit dem Begriff Hierarchiebildung erklärt. Menschen organisieren sich, ähnlich wie viele Tierarten, in Rangordnungen. Es entstehen sogenannte Alphapositionen. Die Alphatiere der menschlichen Variante sind meist laut, dominant und verfügen über soziale Gefolgschaft. Diese Rädelsführer setzen den Ton. Was sie sagen, wird beklatscht. Was sie tun, wird gerechtfertigt.

Ein klassisches Beispiel aus der Forschung ist das sogenannte Bystander-Phänomen. Wenn viele Menschen eine Situation beobachten, in der jemand schlecht behandelt wird, greift oft niemand ein. Jeder wartet darauf, dass jemand anderes reagiert. So entsteht eine kollektive Passivität. Ein anderes Beispiel kennt fast jede Schulklasse: Eine dominante Person bestimmt, wer dazugehört und wer nicht. Wer widerspricht, riskiert selbst zum Ziel zu werden. Frau Scherz hatte solche Mechanismen früh erkannt, auch wenn sie damals noch keine akademischen Begriffe dafür kannte. Für sie war es einfach nur ungerecht.

Sie seufzt leise und denkt an den Frühling. Wie gerne würde sie endlich wieder wärmere Tage erleben, an denen die Sonne länger bleibt und sie diese dämlichen Heizkörper nicht mehr bedienen muss. Heizkörper. Schon das Wort klingt für sie nach Amtsstube und Formular. Am liebsten schläft sie ohnehin bei offenem Fenster. Selbst wenn der Mond vom Himmel kippen würde und direkt in ihr Schlafzimmer purzelt, ihr wäre das nur recht. Das wäre wenigstens mal ein Erlebnis, denkt sie und grinst.

Ihr eigenes Leben empfindet sie weder als besonders traurig noch als spektakulär lustig. Es bewegt sich irgendwo in der Mitte. Eine stabile Mittelspur des Daseins. Langeweile hat sie selten. Aber das ganz große Leben, von dem manche träumen, Ruhm, Reichtum, Glamour und Weltreisen mit Champagnerfrühstück, das hat sie nie wirklich interessiert. Ihre Bescheidenheit ist keine Pose. Sie ist eine bewusste Entscheidung. Wenn Menschen sie manchmal als egoistisch bezeichnen, muss sie innerlich laut lachen. Wenn ihr wüsstet, wie klein meine Welt ist, denkt sie dann. Nicht im Kopf, nicht in der Fantasie, aber im materiellen Anspruch ganz sicher.

Sie besitzt wenig und braucht wenig. Für sie ist das kein Mangel, sondern eine Form der Freiheit. Ökonomen sprechen hier übrigens von Postmaterialismus, einer Wertorientierung, bei der Lebensqualität wichtiger wird als Besitz. Ich will es so, sagt sie sich. Und es bleibt so bis an mein Lebensende. In der Gesellschaft wird oft von Neidkultur gesprochen. Soziologisch beschreibt dieser Begriff eine Dynamik, bei der Menschen den Erfolg oder Besitz anderer als Bedrohung empfinden. Statt Anerkennung entsteht Missgunst. Gerade in stark wettbewerbsorientierten Gesellschaften kann das deutlich auftreten. Wer mehr hat, wird kritisch beäugt. Wer weniger hat, wird bemitleidet.

Frau Scherz fühlt sich in diesem Spiel allerdings gar nicht als Teilnehmerin. Neid? Auf wen denn? Das dichten dir manchmal wildfremde Leute an, denkt sie kopfschüttelnd. Vermutlich, weil sie selbst in solchen Kategorien denken. Dabei interessiert sich kaum jemand wirklich für das Leben anderer, schon gar nicht für ihres. Ihr Lebensstil ist zu kompromisslos einfach, zu uneigennützig, zu wenig spektakulär. Manche würden vermutlich sogar vermuten, dahinter stecke eine Masche. Eine Strategie. Ein Trick.

Frau Scherz lacht trocken. Als wollte sie diese absurden Gedanken aus ihrem Kopf schütteln, bewegt sie ihn kurz hin und her. Sie hasst es, sich zu lange mit den Niederungen menschlicher Charakterzüge zu beschäftigen. Deshalb hat sie sich vor Jahren entschieden, Abstand zu nehmen, vom oberflächlichen sozialen Dauerverkehr, von den ständigen Bewertungen, von dem ewigen Vergleich. Das macht sie nicht mehr mit. Sie hat gelernt, sich selbst zu regulieren. Selbstdisziplin nennt man das in der Psychologie, die Fähigkeit, eigene Impulse zu steuern und bewusst Distanz zu halten. Frau Scherz lächelt wieder in die Dunkelheit ihres Zimmers. Ein dickes Fell habe ich schon, murmelt sie leise. Nu fehlen nur noch die Eselsohren. Das wär’s.

Draußen plätschert der Regen weiter, geduldig und gleichmäßig. Und während die Welt schläft, liegt Frau Scherz wach, lächelt in die Nacht hinein und denkt sich: So schlimm ist das Leben eigentlich gar nicht. Man muss nur lernen, über den Zirkus der Menschheit manchmal herzlich zu lachen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 11.03.2026]
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Für das Kind, das ich war

Für das Kind, das ich war
von Sam de Wenah - gewidmet Mskjts

I. Verlassen
Das Kind:
„Wo bist du? Warum hast du mich verlassen?
Hast du nicht gehört, wie ich rief,
In den langen Nächten, in denen keiner kam?
Ich stand ganz allein, gefangen in der Dunkelheit,
Und suchte die Hand, die mich hielt,
Doch niemand war da.“

Der Erwachsene:
„Ich war da, irgendwo in dir,
Aber ich konnte dir noch nicht helfen."

II. Einsam
Das Kind:
„Es war immer kalt. Es war immer einsam.
Ich hörte Stimmen, aber keine, die mir halfen.
Warum konnte mich niemand sehen?
Warum konnte mich niemand halten?“

Der Erwachsene:
„Ich weiß, mein Kind, ich weiß,
Die Welt war laut und voller Feindseligkeit,
Und du, du warst das sanfte Wesen,
Das übertönt wurde von allem, was um uns tobte.
Aber ich konnte das noch nicht verstehen."

III. Unwichtig
Das Kind:
„Hast du mich vergessen? War ich so unwichtig?
Hast du nicht gesehen, wie ich zerbrach,
Wie die Träume aus meinem Herzen fielen,
Wie das Lächeln in meiner Seele fror,
Während ich die Tür öffnete und weglief?“

Der Erwachsene:
„Ich habe dich nie vergessen, mein Kind,
Aber damals war ich nicht stark genug, dich zu halten.
Heute weiß ich, dass du nie allein warst,
Denn du warst immer ein Teil von mir.“

IV. Ungehört
Das Kind:
„Es tut so weh, nicht gehört zu werden.
Es tut so weh, allein zu sein,
Während die Welt mir den Rücken kehrt.
Wo war der Trost, den ich brauchte?
Wo war der Schutz, den ich suchte?“

Der Erwachsene:
„Der Trost kam später, in den stillen Momenten,
Der Schutz wuchs aus den Erinnerungen, die ich sammelte.
Doch es gab Zeiten, in denen ich mich selbst verlor,
Und du, mein Kind, warst in diesen Momenten allein.
Heute, in unserer Begegnung gerade,
Erkenne ich: Ich war immer bei dir,
Ich musste nur lernen, mich selbst zu finden.“

V. Schutz
Das Kind:
„Du bist also jetzt der Schutz, den ich suche?
Du bist die Hand, die ich mir so sehr gewünscht habe?“

Der Erwachsene:
„Ja, ich bin es.
Ich nehme dich in den Arm, mein Kind,
Denn du bist nie wirklich gegangen.
Du bist ein Teil von mir, tief in meinem Inneren.
Ich werde dich nie wieder verlassen.
Heute werde ich der Schutz, den du immer verdient hast.
Und du wirst die Liebe finden, die du nie kanntest.“

VI. HEILUNG
Das Kind (flüsternd):
„Es ist schön, endlich gehört zu werden.
Es ist schön, endlich gehalten zu werden.“

Der Erwachsene (mit einem Lächeln):
„Es ist schön, dich zu finden, mein Kind.
Es ist schön, uns beide zu sehen, hier, zusammen.
Denn du und ich, wir sind genug.
Gemeinsam haben wir alles, was wir brauchen.“

(C) SamDeWenah
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Hass oder Leben

Ein Knall.
Und wieder brennt der Himmel.

Bomben über Städten.
Sirenen im Morgengrauen.

Die einen feuern Raketen.
Die anderen schlagen zurück.

Und irgendwo dazwischen
zerreißt es Familien.

Körper unter Trümmern.
Staub in offenen Wunden.

Greuel -
und wir nennen es Strategie.

Mütter halten Stofffetzen in der Hand
und suchen nach dem Rest ihres Kindes.

Väter telefonieren mit letzten Nummern,
die ins Nichts führen.

Großeltern sterben am Schock,
noch bevor der Einschlag sie trifft.

Nach Jahren der Kriege
ist die Erde müde geworden.

Zu viele Gräber.
Zu viele Namen.
Zu viel Hass.

Angst wächst in Seelen.
Wie ein dunkler Schimmel.

Herzen schlagen im Dauer-Alarm.
Kinder zeichnen keine Häuser mehr –
sie zeichnen Feuer und Rauch.

Die Welt schaut zu.
Besorgt.
Empört.
Ohnmächtig.

Doch jeder Krieg beginnt nicht mit Raketen.
Er beginnt mit Gedanken.
Mit Entmenschlichung.
Mit dem Satz:
„Die dort sind nicht wie wir.“

Was also muss sterben,
damit wir leben?

Nicht Völker.
Nicht Städte.
Nicht Träume.

Sterben muss der Stolz,
der keinen Schritt zurück kennt.

Sterben muss die Gier nach Macht,
die sich als Sicherheit tarnt.

Sterben muss der Hass,
der Kinder zu Feinden macht.

Solange wir Stärke mit Zerstörung verwechslen,
wird die Erde beben.

Solange wir Vergeltung über Mitgefühl stellen,
bleibt Frieden Wüste.

Kein Arsenal bringt Erlösung.
Kein Drohen heilt Wunden.

Nur Erinnerung.

Erinnerung daran,
dass jede Mutter gleich weint.
Dass jedes Kind gleich zittert.
Dass jedes Herz gleich bricht.

Die Menschheit hat vieles erfunden.
Maschinen.
Grenzen.
Bomben.

Was wir verloren haben,
ist älter:

Gewissen.
Demut.
Verantwortung.
Barmherzigkeit.

Frieden beginnt nicht in Hauptstädten.
Er beginnt im Innersten.

Wenn der Hass stirbt,
lebt die Welt.

Und vielleicht ist genau das
die letzte Entscheidung.

Denn wenn der Hass nicht stirbt,
sterben wir mit ihm.

(C) SamDeWenah
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