Das Erbe kann warten.. [Teil 12]

Ein Gedicht von Marcel Strömer
Frau Scherz und das nächtliche Kopfkino

Frau Scherz reibt sich die Augen. Ihr Kalender ist gerade umgesprungen auf Mittwoch, den 11. März 2026. Es ist mitten in der Nacht. Draußen regnet es vor sich hin, gleichmäßig und beinahe meditativ, als hätte der Himmel beschlossen, die Welt in einen sanften Schlaf zu wiegen. Alles scheint still zu sein. Häuser, Straßen, sogar die Laternen wirken schläfrig. Nur ihre Gedanken laufen Marathon.

Frau Scherz kennt das. Ihr innerer Diskurs, den sie mit sich selbst führt, ist ein wahres Stehaufmännchen, ein Dauerbrenner, ein nie abgeschalteter Radiosender irgendwo zwischen Philosophie, Alltagsironie und leichtem Kopfschütteln über die Menschheit. Sie kichert in sich hinein, denn Humor hat sie ja bekanntlich im Genbaukasten mitbekommen. Natürlich heißt das nicht, dass sie immer gut gelaunt wäre. Wer immer lacht, muss einen an der Düse haben, sagt sie sich gern. Und fügt dann trocken hinzu: Dann sind vermutlich auch noch alle Latten am Zaun geklaut.

So sehr sie sich bemüht, eine positive Lebenshaltung zu bewahren, so schwer fällt es ihr in manchen Lebensabschnitten. Immer wieder gibt es diese Momente, in denen jemand anders ihr förmlich einen Strich durch die Rechnung zieht. Besonders auffällig wird das für sie in den sozialen Netzwerken. Dort beobachtet Frau Scherz ein Schauspiel, das Soziologen längst unter Begriffen wie digitale Aggressionskultur oder Online-Disinhibitionseffekt beschreiben. Menschen schreiben Dinge, die sie ihrem Gegenüber niemals ins Gesicht sagen würden. Die räumliche Distanz, die Anonymität und die scheinbare Konsequenzlosigkeit erzeugen eine Art psychologischen Freifahrtschein.

Da wird gearbeitet mit spitzen Bemerkungen, bissigen Wortschöpfungen, gezielten Beleidigungen und manchmal sogar mit systematischem Mobbing oder Stalking. Kommunikationswissenschaftler sprechen hier von Eskalationsspiralen: Eine provokante Bemerkung führt zur Gegenreaktion, diese wiederum zu einer noch heftigeren Reaktion. Binnen Minuten verwandelt sich eine Diskussion in ein digitales Schlachtfeld. Frau Scherz stöhnt leise bei dem Gedanken. Sie kennt dieses Gefühl, auch wenn sie sich nicht sicher ist, ob sie sich manches vielleicht nur eingebildet hat. Gemobbt worden zu sein – dieser Gedanke begleitet sie seit ihrer Schulzeit.

Es war nicht immer leicht damals. In ihrer Klasse gab es Tage, an denen der Gruppendruck beinahe körperlich spürbar war. Schulpsychologen beschreiben dieses Phänomen als Konformitätsdruck. Kinder und Jugendliche versuchen, sich der Mehrheit anzupassen, um nicht selbst zum Ziel der Gruppe zu werden. Und genau in solchen Dynamiken entstehen manchmal grausame Situationen. Frau Scherz erinnert sich besonders an einen Mitschüler. Ein kleiner Junge mit Migrationshintergrund, schmächtig, ruhig, damit in der grausamen Logik mancher Kinder ein leichtes Ziel. Eines Tages steckten ihn einige Klassenkameraden zum Spaß in einen Metallmülleimer auf dem Schulhof. Sie lachten. Sie feierten sich. Für sie war es ein Streich. Für den Jungen war es Demütigung.

Frau Scherz stand damals daneben, still und betroffen, und verstand schon als Kind, dass an dieser Szene nichts Lustiges war. Sie hatte immer ein feines Gespür für die Schwachen. Vielleicht ist das bis heute so geblieben. In der Sozialpsychologie wird dieses Verhalten innerhalb von Gruppen oft mit dem Begriff Hierarchiebildung erklärt. Menschen organisieren sich, ähnlich wie viele Tierarten, in Rangordnungen. Es entstehen sogenannte Alphapositionen. Die Alphatiere der menschlichen Variante sind meist laut, dominant und verfügen über soziale Gefolgschaft. Diese Rädelsführer setzen den Ton. Was sie sagen, wird beklatscht. Was sie tun, wird gerechtfertigt.

Ein klassisches Beispiel aus der Forschung ist das sogenannte Bystander-Phänomen. Wenn viele Menschen eine Situation beobachten, in der jemand schlecht behandelt wird, greift oft niemand ein. Jeder wartet darauf, dass jemand anderes reagiert. So entsteht eine kollektive Passivität. Ein anderes Beispiel kennt fast jede Schulklasse: Eine dominante Person bestimmt, wer dazugehört und wer nicht. Wer widerspricht, riskiert selbst zum Ziel zu werden. Frau Scherz hatte solche Mechanismen früh erkannt, auch wenn sie damals noch keine akademischen Begriffe dafür kannte. Für sie war es einfach nur ungerecht.

Sie seufzt leise und denkt an den Frühling. Wie gerne würde sie endlich wieder wärmere Tage erleben, an denen die Sonne länger bleibt und sie diese dämlichen Heizkörper nicht mehr bedienen muss. Heizkörper. Schon das Wort klingt für sie nach Amtsstube und Formular. Am liebsten schläft sie ohnehin bei offenem Fenster. Selbst wenn der Mond vom Himmel kippen würde und direkt in ihr Schlafzimmer purzelt, ihr wäre das nur recht. Das wäre wenigstens mal ein Erlebnis, denkt sie und grinst.

Ihr eigenes Leben empfindet sie weder als besonders traurig noch als spektakulär lustig. Es bewegt sich irgendwo in der Mitte. Eine stabile Mittelspur des Daseins. Langeweile hat sie selten. Aber das ganz große Leben, von dem manche träumen, Ruhm, Reichtum, Glamour und Weltreisen mit Champagnerfrühstück, das hat sie nie wirklich interessiert. Ihre Bescheidenheit ist keine Pose. Sie ist eine bewusste Entscheidung. Wenn Menschen sie manchmal als egoistisch bezeichnen, muss sie innerlich laut lachen. Wenn ihr wüsstet, wie klein meine Welt ist, denkt sie dann. Nicht im Kopf, nicht in der Fantasie, aber im materiellen Anspruch ganz sicher.

Sie besitzt wenig und braucht wenig. Für sie ist das kein Mangel, sondern eine Form der Freiheit. Ökonomen sprechen hier übrigens von Postmaterialismus, einer Wertorientierung, bei der Lebensqualität wichtiger wird als Besitz. Ich will es so, sagt sie sich. Und es bleibt so bis an mein Lebensende. In der Gesellschaft wird oft von Neidkultur gesprochen. Soziologisch beschreibt dieser Begriff eine Dynamik, bei der Menschen den Erfolg oder Besitz anderer als Bedrohung empfinden. Statt Anerkennung entsteht Missgunst. Gerade in stark wettbewerbsorientierten Gesellschaften kann das deutlich auftreten. Wer mehr hat, wird kritisch beäugt. Wer weniger hat, wird bemitleidet.

Frau Scherz fühlt sich in diesem Spiel allerdings gar nicht als Teilnehmerin. Neid? Auf wen denn? Das dichten dir manchmal wildfremde Leute an, denkt sie kopfschüttelnd. Vermutlich, weil sie selbst in solchen Kategorien denken. Dabei interessiert sich kaum jemand wirklich für das Leben anderer, schon gar nicht für ihres. Ihr Lebensstil ist zu kompromisslos einfach, zu uneigennützig, zu wenig spektakulär. Manche würden vermutlich sogar vermuten, dahinter stecke eine Masche. Eine Strategie. Ein Trick.

Frau Scherz lacht trocken. Als wollte sie diese absurden Gedanken aus ihrem Kopf schütteln, bewegt sie ihn kurz hin und her. Sie hasst es, sich zu lange mit den Niederungen menschlicher Charakterzüge zu beschäftigen. Deshalb hat sie sich vor Jahren entschieden, Abstand zu nehmen, vom oberflächlichen sozialen Dauerverkehr, von den ständigen Bewertungen, von dem ewigen Vergleich. Das macht sie nicht mehr mit. Sie hat gelernt, sich selbst zu regulieren. Selbstdisziplin nennt man das in der Psychologie, die Fähigkeit, eigene Impulse zu steuern und bewusst Distanz zu halten. Frau Scherz lächelt wieder in die Dunkelheit ihres Zimmers. Ein dickes Fell habe ich schon, murmelt sie leise. Nu fehlen nur noch die Eselsohren. Das wär’s.

Draußen plätschert der Regen weiter, geduldig und gleichmäßig. Und während die Welt schläft, liegt Frau Scherz wach, lächelt in die Nacht hinein und denkt sich: So schlimm ist das Leben eigentlich gar nicht. Man muss nur lernen, über den Zirkus der Menschheit manchmal herzlich zu lachen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 11.03.2026]

Informationen zum Gedicht: Das Erbe kann warten.. [Teil 12]

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11.03.2026
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