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Gedichte über die Jugend - Seite 9


Flügge

Flügge wirst Du, Paradiesvogelkind.
Das heißt, Du wechselst demnächst das Gefieder.
Es heißt auch, dass Erwachsene jetzt anstrengend sind.
Sorge dich nicht! Das gibt sich auch wieder.

Wann immer Elternworte stören,
ist jeweils der Beschluss zu fassen:
Ist‘s angezeigt, auf sie zu hören,
oder es doch sein zu lassen?

Die Phase stärkerer Opposition
gegen der Altvögel Erziehungsmaßnahmen
ist wahrscheinlich eine Situation,
in die auch schon Küken vor Dir kamen.

Du könntest auch Deine Eltern fragen.
Haben sie nie alte Regeln gebrochen?
Ließen sie selbst sich alles sagen,
oder haben sie womöglich mal widersprochen?

Mindestens ein Elternteil von ihnen
scheint wahrhaft prädestiniert,
Dir im Widersprechen als Vorbild zu dienen
und darin, wie man Dispute führt.

Übe Dich im Widerspruch-wagen.
An Deinen Eltern kannst Du sicher üben,
weil sie in guten wie schlechten Tagen
Dich, ihr Küken, bedingungslos lieben.

Es ist wichtig, den Eltern beizubringen,
man zwitschert nicht ewig mit ihnen im Chor.
Man muss in der Lage sein, solo zu singen.
Das kommt in den besten Nestern vor.

Das Kükenwachstum bringt auch zwangsläufig mit sich,
dass es gelegentlich eng wird im Nest.
Freiraum fordern zu müssen ist nicht immer witzig,
doch etwas, das sich nicht vermeiden lässt.

Den Horizont hinterm nächsten Hügel
sieht man am besten von hoch oben.
Es ist an der Zeit, Du Junggeflügel,
Deine Schwingen zu erproben.

Spürst Du einmal der Schwerkraft Last
und dass Sturm Dir entgegenweht,
vergiss nie, dass Du Flügel hast
und die Welt Dir offen steht!

Schüttle kraftvoll Dein Prachtgefieder!
Lass Dich von einem Fehlstart nicht unterkriegen!
Probier es geduldig wieder und wieder!
Sei sicher, Hannes, Du kannst fliegen.

Offen steht Dir trotzdem immer
im familiären Herkunftsnest
Dein gutes altes Kinderzimmer,
wann immer Du Dich sehen lässt.
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Schatzzettel

Ich habe eine kleine Schatzkiste
mehr eine flache Pralinenblechdose
mit Dingen, die ich sonst vermisste
Erinnerungsstücke, kleinere & große

Darunter ein Zettel vom Karoblock
herausgerissen und klein gefaltet
ich seh mich noch, wie ich da hock
als ich las, was darauf gestaltet

es war in der 7. Klasse, ich war 14
so ein Zettel für mich war neu
die Frage: Willst du mit mir gehn?
völlig unvorbereitet, war sehr scheu

schaute mich vorsichtig langsam um
von wem der Fragebogen wohl kam?
der Reihe nach kicherten alle dumm
das Ganze wohl alberner Kinderkram

erst wollt ich "vielleicht" ankreuzen
doch die Lehrerin kam dazwischen
sah mich nur noch ins Tatu schnäuzen
den Zettel in die HoTa wegwischend

nichts wie raus aus dem Klassenzimmer
als der Schulgong endlich ertönte
mit roten Wangen wirds nur noch schlimmer
ob eins der albernen Hühner mich verhöhnte?

zuhause das zerknüllte Papier ungestört
nach Duftspuren genau abgeschnüffelt
die Handschrift klar nem Mädchen gehört
bunt gemalt & geschwungen ausgetüfftelt

die Verfasserin bis heute mir unbekannt
damals nächtelang davon geträumt
ein Mädchen mich vielleicht toll fand
rückblickend hab ich wohl was versäumt

der Zettel jahrelang in meiner Schublade
bis er landete mit in meiner Schatzkiste
versteckt hinten im Eck ...geheime Ablage
wäre ja peinlich, wenn wer davon wüsste

so blieb das kleingefaltete Stück Papier
stets in meiner Nähe gut aufgehoben
angefertigt von einem Schatz von mir
beide wohl um uns schüchtern betrogen

dieser Wunschzettel wird so zur Karte
hätte zur rechten Zeit ich Mut bewiesen
führte sie mich zu einer die ausharrte
die mich als ihren Schatz wollt wissen

© meteor 2024
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