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Gedichte über Jesus Christus - Seite 28


"Fürchtet euch nicht"

Nicht wie die Welt den Frieden verteilt,
flüchtig, laut, an Bedingungen gebunden,
so lege ich ihn in eure Hände.
Still.
Schwer wie Wahrheit.
Bleibend wie eine Wunde, die heilt,
ohne je vergessen zu lassen.

Eure Herzen sind müde geworden
vom Tragen zu vieler Nächte.
Angst hat sich eingenistet
in den Zwischenräumen der Gedanken,
dort, wo Hoffnung leiser wird
und Zweifel das letzte Wort sucht.
Doch fürchtet euch nicht.

Denn erinnert euch daran:
Die Finsternis hat kein eigenes Licht.
Sie lebt nur vom Schweigen der Flammen.
Darum entzünde ich ein Leuchten
in euren geplagten Seelen,
ein schwaches zuerst,
zitternd wie ein erster Atemzug,
doch stark genug,
um nicht zu erlöschen.

Wenn euch die Wege des Lebens
zu endlosen Labyrinthen werden,
wenn jede Entscheidung
ein Verlust zu sein scheint
und jeder Ausgang sich verschließt,
dann glaubt nicht, ihr wäret verloren.
Manchmal führt der Umweg
tiefer zur Wahrheit
als der gerade Pfad.

Bleibt im Geist verbunden,
ihr Brüder und Schwestern,
auch wenn euch Mauern trennen
aus Schmerz, Schuld oder Schweigen.
Ihr seid mehr als eure Einsamkeit.
Ihr seid Einheit,
geformt aus demselben Atem,
getragen von derselben Hoffnung,
auch wenn ihr sie selbst
nicht mehr zu spüren glaubt.

Hört hin.
Jenseits des Lärms der Welt,
jenseits der Stimmen der Angst,
singen die Engel aus den Höhen.
Ihr Gesang ist kein Jubel,
sondern Erinnerung.
Das Schlagen ihrer Flügel
durchschneidet die Schwere der Zeit,
und das Rauschen des Himmels
kündet davon,
dass ihr nicht vergessen seid.

Ich bin das Licht der Welt.
Nicht grell, nicht blendend,
sondern wachsam.
Ich gehe mit euch
durch jede Nacht,
durch jeden Zweifel,
durch jedes Schweigen.

Niemand kommt zum Vater
ohne durch die Liebe zu gehen,
die bleibt,
wenn alles andere zerbricht.

Amen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 21.12.2025 | 4. Advent]
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Gebet an den Gekreuzigten

Ich hebe mein Antlitz gen Kreuz und Holz,
dorthin, wo einst die Stunde der Welt sich neigte,
da alle Schöpfung in einem Atem hing
und deine göttliche Gnade
wie Blut und Licht zugleich
über Himmel und Erde rann.

Und doch, ich wage kaum zu schauen.
Denn Scham liegt schwer auf meinen Lidern,
wie Staub aus tausend Sündenjahren.
Wie oft hat meine Zunge Übles geboren,
wie oft nährte ich mich vom Unreinen,
fraß den Schmutz der Welt
und reichte ihn weiter mit lächelnder Hand.
Nicht würdig bin ich, so vor dir zu stehen,
nicht rein genug, dein Leiden zu ertragen mit meinem Blick.

Man sagt, oh Herr,
wenn das Zeitliche von uns fällt
wie ein morsches Gewand,
so stehest du an der Pforte des Himmels
mit offenem Herzen und ausgebreiteten Armen,
und empfängst den Sünder
wie einen Bruder aus eigenem Fleisch.
Man sagt, dein Blick sei so mild,
dass er die Wolken der Welt zerschmelze,
dass selbst das Gericht darin
noch Erbarmen trüge.

Hinter dir, so heißt es,
stehen Legionen von Engelwesen,
unzählbar wie Sterne ohne Nacht,
von einer Schönheit,
die kein irdisches Auge je fasste,
kein Wort der Menschen je beschrieb.

Ich falte meine Hände
und weiß: es ist ein hilfloses Tun.
Meine Tränen sind schwach und unlauter,
sie tragen nicht das Gewicht des Schmerzes,
den du getragen hast.
Sie zerbrechen,
wo dein Leiden die Welt hielt.

Zu allen Zeiten, Herr,
erheben sich Stimmen, die sagen:
Du seist nicht gewesen.
Und viele Herzen sind so leer geworden,
dass selbst die schwarzen Schlünde des Alls
noch heller erscheinen als ihr Innerstes.

Wir Menschen haben Schuld gehäuft
wie Mauern wider den Himmel.
Deine Schöpfung haben wir zerschnitten,
Stück um Stück entweiht,
deine Liebe verfehlt
und deinen Namen geschmäht.
Wir gingen an dir vorüber,
als wärst du Staub am Wege,
und fluchten dort,
wo wir hätten knien sollen.

Wir quälten die Tiere deiner Hand,
schlugen, folterten, massenhaft,
und wandten den Blick ab.
Die Erde, die uns zur Heimat geschenkt,
haben wir entehrt und ausgeplündert.
Brüder und Schwestern verrieten wir,
banden sie, marterten sie,
töteten sie.

Und wo wir nicht mordeten,
da blickten wir in den Spiegel
und priesen uns selbst.

Millionen fanden Elend und Hunger,
doch wir brachen das Brot nicht.
Wir aßen uns satt,
bis nichts blieb
als das kalte, tote Abbild unseres Ichs.

Und dann,
gingen wir.

Oh Christus am Kreuz,
Richter und Bruder,
Lamm und König zugleich:
Wenn ich vor dir stehe,
so stehe ich leer.
Wenn ich spreche,
so schweigt meine Würde.
Bleibt mir etwas,
so ist es dies eine:
dass deine Gnade größer sei
als unser Verderben,
und dein Erbarmen tiefer
als der Abgrund,
den wir selbst gegraben haben.

Doch siehe, oh Herr, da du am Kreuze standest,
ward die Dunkelheit nicht endlos,
denn deine Hände, durchbohrt und heilend zugleich,
öffnen Tore, wo wir nur Mauern sahen.

Dein Atem weht wie Wind über verdorrte Felder,
dein Blick durchdringt das schwerste Herz,
und selbst die tiefste Schuld zerfließt
wie Schnee im Licht der Morgenstunde.

Du trägst die Ketten unserer Sünden,
als wären sie Federn in deiner Hand.
Und wer sich niederwirft vor deinem Antlitz,
dem schenkst du Gnade,
tiefer als Ozeane,
höher als die Berge,
breiter als das Firmament selbst.

Engel singen leise Lieder der Freude,
und selbst die Sterne neigen sich,
um deinen Glanz zu spiegeln.
Die Erde, die wir entweiht haben,
atmet nun Hoffnung durch deine Barmherzigkeit,
und jedes gebrochene Herz
findet Heilung in deinem milden Blick.

Oh Christus, Lamm und König,
du bist Brücke und Zuflucht zugleich.
Und so falte ich meine Hände abermals,
nicht mehr nur in Scham,
sondern in dem stillen Vertrauen,
dass du, der du für alles littest,
auch uns, die Verirrten,
zu dir emporhebst.

Amen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 03.02.2026]
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