Gebet an den Gekreuzigten

Ein Gedicht von Marcel Strömer
Ich hebe mein Antlitz gen Kreuz und Holz,
dorthin, wo einst die Stunde der Welt sich neigte,
da alle Schöpfung in einem Atem hing
und deine göttliche Gnade
wie Blut und Licht zugleich
über Himmel und Erde rann.

Und doch, ich wage kaum zu schauen.
Denn Scham liegt schwer auf meinen Lidern,
wie Staub aus tausend Sündenjahren.
Wie oft hat meine Zunge Übles geboren,
wie oft nährte ich mich vom Unreinen,
fraß den Schmutz der Welt
und reichte ihn weiter mit lächelnder Hand.
Nicht würdig bin ich, so vor dir zu stehen,
nicht rein genug, dein Leiden zu ertragen mit meinem Blick.

Man sagt, oh Herr,
wenn das Zeitliche von uns fällt
wie ein morsches Gewand,
so stehest du an der Pforte des Himmels
mit offenem Herzen und ausgebreiteten Armen,
und empfängst den Sünder
wie einen Bruder aus eigenem Fleisch.
Man sagt, dein Blick sei so mild,
dass er die Wolken der Welt zerschmelze,
dass selbst das Gericht darin
noch Erbarmen trüge.

Hinter dir, so heißt es,
stehen Legionen von Engelwesen,
unzählbar wie Sterne ohne Nacht,
von einer Schönheit,
die kein irdisches Auge je fasste,
kein Wort der Menschen je beschrieb.

Ich falte meine Hände
und weiß: es ist ein hilfloses Tun.
Meine Tränen sind schwach und unlauter,
sie tragen nicht das Gewicht des Schmerzes,
den du getragen hast.
Sie zerbrechen,
wo dein Leiden die Welt hielt.

Zu allen Zeiten, Herr,
erheben sich Stimmen, die sagen:
Du seist nicht gewesen.
Und viele Herzen sind so leer geworden,
dass selbst die schwarzen Schlünde des Alls
noch heller erscheinen als ihr Innerstes.

Wir Menschen haben Schuld gehäuft
wie Mauern wider den Himmel.
Deine Schöpfung haben wir zerschnitten,
Stück um Stück entweiht,
deine Liebe verfehlt
und deinen Namen geschmäht.
Wir gingen an dir vorüber,
als wärst du Staub am Wege,
und fluchten dort,
wo wir hätten knien sollen.

Wir quälten die Tiere deiner Hand,
schlugen, folterten, massenhaft,
und wandten den Blick ab.
Die Erde, die uns zur Heimat geschenkt,
haben wir entehrt und ausgeplündert.
Brüder und Schwestern verrieten wir,
banden sie, marterten sie,
töteten sie.

Und wo wir nicht mordeten,
da blickten wir in den Spiegel
und priesen uns selbst.

Millionen fanden Elend und Hunger,
doch wir brachen das Brot nicht.
Wir aßen uns satt,
bis nichts blieb
als das kalte, tote Abbild unseres Ichs.

Und dann,
gingen wir.

Oh Christus am Kreuz,
Richter und Bruder,
Lamm und König zugleich:
Wenn ich vor dir stehe,
so stehe ich leer.
Wenn ich spreche,
so schweigt meine Würde.
Bleibt mir etwas,
so ist es dies eine:
dass deine Gnade größer sei
als unser Verderben,
und dein Erbarmen tiefer
als der Abgrund,
den wir selbst gegraben haben.

Doch siehe, oh Herr, da du am Kreuze standest,
ward die Dunkelheit nicht endlos,
denn deine Hände, durchbohrt und heilend zugleich,
öffnen Tore, wo wir nur Mauern sahen.

Dein Atem weht wie Wind über verdorrte Felder,
dein Blick durchdringt das schwerste Herz,
und selbst die tiefste Schuld zerfließt
wie Schnee im Licht der Morgenstunde.

Du trägst die Ketten unserer Sünden,
als wären sie Federn in deiner Hand.
Und wer sich niederwirft vor deinem Antlitz,
dem schenkst du Gnade,
tiefer als Ozeane,
höher als die Berge,
breiter als das Firmament selbst.

Engel singen leise Lieder der Freude,
und selbst die Sterne neigen sich,
um deinen Glanz zu spiegeln.
Die Erde, die wir entweiht haben,
atmet nun Hoffnung durch deine Barmherzigkeit,
und jedes gebrochene Herz
findet Heilung in deinem milden Blick.

Oh Christus, Lamm und König,
du bist Brücke und Zuflucht zugleich.
Und so falte ich meine Hände abermals,
nicht mehr nur in Scham,
sondern in dem stillen Vertrauen,
dass du, der du für alles littest,
auch uns, die Verirrten,
zu dir emporhebst.

Amen.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 03.02.2026]

Informationen zum Gedicht: Gebet an den Gekreuzigten

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03.02.2026
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