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Gedichte Über Geist - Seite 30


Immer noch bei mir...

...du verfluchter Geist,
der mir Vernunft einzuflüstern versucht.
Das ist sie nicht, nein, niemals
kann das die Wahrheit sein, nach der ich suche.
Was verstehst du nur von meinen Streben?
Was verstehst du von diesen Biest,
das die Schönheit sucht?
Wirst du mir verraten, was hinter dem Horizont
auf mich wartet,
mir die Lösung sagen, damit ich sie nach da draußen tragen kann?
Doch für wen eigentlich?
Wenn Sie es denn wissen, wozu leben sie noch?
Es muss doch etwas geben, nach dem es zu suchen sich lohnt.
Wird die Welt denn davon besser, wenn wir wissen,
wer zum Beispiel da oben thront?
Füllt es leere Mägen, holt es die Toten wieder,
macht es Krankes wieder heil?
Macht es Schlechtes ungeschehen
und muss ich dich, Geist, dann nicht wiedersehen?
Nein, du bist immer noch bei mir.
Von ersten Tag, bis heute und von diesen Tag
bis ins Grab,
sprachst du mit leiser Stimme, dass es "die Antwort"
niemals gab:
Für mein Scheitern, mein kaltes Herz,
für die gebrochene Seele, für das Leben, den Tod
für nirgendwem und nirgendetwas, nein, für absolut nichts.
Denn es gibt nicht für jeden Topf einen Deckel,
es gibt nicht für allen sche*ß, einen Gott,
der das zu verantworten hätte,
kein Glashaus in dem ich sitze,
kein Wald in den ich hineinrufen kann,
kein früher Vogel, keine Eisbergspitze,
doch immer merke ich wieder dann:
Dass du noch immer bei mir bist,
weiter Schichten aus meiner Seele schälst,
dass du mich als einziger nicht vergisst
und mich mit unbequemer Wahrheit quälst.

N.Fender
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Vergesslichkeit

…Wer älter wird, merkt, dass er´s wird,
auch an dem Umstand, dass er irrt,
dass er verlegt, vertauscht, vergisst,
mit einem Wort, ein Trottel ist,
obwohl, so schwört er laut und heiß,
er ganz genau weiß, dass er´s weiß.
Die Wahrheit wird zum bloßen Schein:
Er weiß es, doch ihm fällt´s nicht ein.
Er kann sein Großhirn noch so pressen,
wonach er sucht, das ist vergessen.
Gerade wusste er es noch,
jetzt gähnt da ein Gedächtnisloch.
…Wie war noch der bekannte Name,
verdammt noch mal, wie hieß die Dame?
Wo war die oft gemalte Schlacht,
und wer kam dadurch an die Macht?
Wann lag Karl-Heinz im Krankenhaus?
An welchem Tag kam er heraus?
Wie hieß der dicke Mathelehrer
Und wie Elisabeths Verehrer?
Wo hat er, weil er sie nicht trägt,
die Lesebrille hingelegt?
Erkenntnis trifft ihn wie ein Schlag:
Ach, gestern war sein Hochzeitstag!
…Zum Glück passiert der Fall nicht immer,
doch manchmal ist´s erheblich schlimmer,
wenn er den Führerschein vergaß,
als er auf einer Parkbank saß.
Besonders ärgerlich auch dies,
wenn er die Schlüssel hängen ließ,
und nun, wobei die Zeit vergeht,
im Regen vor der Haustür steht.
… Zunächst hat er gequält gestöhnt,
jetzt hat er sich daran gewöhnt.
Schön wär´ es, wenn es nicht so wär´,
doch irgendwie ging´s ja bisher.
Bloß davon ist er wie besessen:
Er darf das Atmen nicht vergessen,
weil, wenn er Atemhol´n vergisst,
Gedächtnis nicht mehr nötig ist.
... Eines von 20 Kapiteln aus meinem Buch "Wer älter wird ..."
Silesio
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