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Gedichte über Energie - & Seelenvolles - Seite 4


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Wortlust I

Schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,
sich an Buchstaben laben, Geschichten erleben, am Leben kleben,
die Welt, die kommt erst übermorgen, kannst Du mir Deine Feder borgen?
Briefsuppe, Gedankenpuppe, ich lese Geo, Emma, Freundin, und...
der Stern, der ist mir völlig Schnuppe,
Äste, Bäume, Blätter-Wälder, streife durch Papierkorbfelder,
wühle, suche, finde, Worte, die mich tragen wie laue Winde /
von ihm verweht, verdreht, vergeht, entsteht,
Denken, Fühlen, Lachen, Schreien,
all das gehört in mein Leben hinein,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

alles nehmen, -wollen, greifen,
Gedanken, die zu Sätzen reifen,
Gedichte für die Nichte, ein Limerick für Friederick,
Lyrik für Erik und Prosa von Raunheim für Rosa von Praunheim,
alles da, alles hier und alles jetzt, ein Kanon, der sich selber hetzt,
das Leben in Fetzen, von Gefühlen gejagt,
ohne dass jemand nach Befindlichkeiten fragt,
alles sehen, hören, riechen, schmecken,
sich die Zunge nach dem Fühlen lecken,
überfluten, überfließen, und das ganze Glück genießen,
Phantasiefontänen, die nach oben schießen,
Geistesblitze, die ins Freie sprießen,
kritzeln, krakeln und orakeln,
auf Wolkeninseln bunte Träume pinseln,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

nach Textbruchstücken lechzen, ächzen, geiern, geifern,
sich mit Worthülsen um die Wette ereifern,
in tiefe Buchstabenseen tauchen,
und 'ne Rettungsweste brauchen,
tagein, tagaus in Silben denken
und den Bücherwurmmordverdacht auf die Milben lenken,
um Mitternacht dem Mond vorlesen,
als wäre der Tag nie da gewesen,
Bett- und Kakerlaken voller Tintenspritzer,
denn Du hast kein' Bleistiftspitzer,
mittags dann die Sonne anheulen,
um sie schleunigst zu vergraulen,
Nacht, Nacht, Nacht, wo bleibst Du bloß?
Komm her zu mir, in meinen warmen Schoß
Muss Tageslicht mich ständig quälen?
Ich will dem Mond eine neue Geschichte erzählen.
Lass mich, lass mich endlich raus,
aus meinem Menschenschneckenhaus,
ich will, ich will, ich will, ich will
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

bis ich nicht mehr kann,
bis ich nach Luft ringe, bis der Lauf der Dinge
mir Sprache und Gedanken nimmt,
und ein Buchstabe nach dem anderen in der Atmosphäre verglimmt,
bis gar nichts mehr zu sagen ist,
und ein Bücherwurmfreund aus Rache Milben frisst,
bis alles, selbst das Nichts, vergeht
und nicht einmal dieser Satz mehr steht...

aber solange muss ich schreiben, schreiben, schreiben...


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Wortlust II

Schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,
sitze, schwitze und zerlese – Bücher wie einen Löcherkäse,
fließen, fließen, Silben sprießen – wie
Hülsenfrüchte aus dem Boden schießen /
Blätter – rascheln, Blätterwald, Retter basteln Wetter bald,
Kinder tanzen froh im Regen, Nässe, Nüsse, Küsse, Kindersegen,
Tau-send Tropfen pitschen patschen,
Tintenkleckse klitschen klatschen,
auf Papyrus, grüne Gräser, während kleine Tintenfässer,
eingedrückt in weiche Erden, darauf warten, geleert zu werden,
wilde Pflanzen, Honigblumen blühen auf und Bienen summen
Kanon-aden wilder Reime,
gelb-schwarz-gelbe Streifenträume
stechen, stanzen Impressionen,
Blasen blubbern Seifenschäume,
Buchstaben schaffen Illusionen,
Bilder, die die Welt bewegen, meine Phantasien anregen,
die mich noch verrücken können, Distanzen überbrücken können,
mich Leeren überwinden lassen,
bis Gefühle sich in Worte fassen, 100194
Luftballons vor Freude platzen,
Schuhkartons im Keller schmatzen,
Ratten sich an ihnen reiben, darum muss ich
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

Mäuse mausen mir Papier, und ich neige zu vergessen,
ich bin nicht zu Hause hier,
an einen Baum gelehnt höre ich sie fressen,
spüre Echsen mit Vielfarbenklecksen
unter mir meine Hände streicheln,
sehe Regen meine Worte meucheln,
Fluss des Lebens, schwarz, weiß, rot,
Kuss des Bebens, nur der Tod ist tot,
zittere, wittere – neue Ergüsse
des Himmels, meines Hirns, meiner Lendenküsse,
Lust und Schreiben unumwunden,
eng umschlungen einander verbunden,
Schreiber bis zur Leere geschunden
wie ein Wolkenbruch mit jungen Hunden,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

Tag und Nacht Gedankenfetzen,
die in Reimen keimen, Silben, Sätzen,
sich in mein Papier einätzen, ohne es doch zu verletzen,
ungebleichte, zellulose – Gedankengänge in die Hose,
Stapel, Stöße, die sich füllen,
Lebenshunger in Dunkelheit hüllen,
Durstgeschöpfe im Stillen stillen,
um zu ihrer Zeit wieder hervorzuquellen,
wild und wogend, ungebrochen, Herzen, die noch immer pochen,
unverbrämt, -verschämt, -gezähmt,
Fontänen voller Freude spritzen,
Glockenblumen, Glücksfeen gießen
Liebeslust und -leid mit süßen
Düften, Blüten, leck'ren Früchten,
aus auf grüne Tummelwiesen,
Obst- und Wortsalat, -geschichten,
die mich, wie ich sie, genießen,
sich mit mir heiß und innig reiben,
bis Gedichte sich von selber schreiben,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

muss was sagen, geben, zeigen, saugen, gucken und beäugen,
Schriften stiften, in Grüften schuften,
Düfte lüften, wo Lüfte duften,
Sinne rauben mir mein selbst,
Chinesen nennen diese Zeit den "Helbst",
alles schwimmt und springt und sticht
in See, in lichte See, ins Licht,
nur das Nichts, das tut es nicht,
denn das täte ziemlich weh,
und plötzlich eilt die Glockenblumenfee
herbei und kühlt den Schmerz mit weißem Schnee /
Tauben, Trauben, Tränen triefen
aus traurig dunklen Abgrundtiefen /
Schluchten, Buchten, die mich fangen,
wie ich Bilder fange,
wie ich Schmetterlinge beobachte,
um sie davonfliegen zu sehen,
sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken,
sich die Finger nach dem Schreiben lecken,
unbezähmbar meine Gier, nach Tinte, Feder und Papier,
hier und jetzt und jetzt und hier,
aus ICH wird MICH, aus MEIN wird MIR /
ist nach
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

bis die Spatzen von den Dächern platzen,
bis die Pfeifen vor Neid ersticken,
bis die Blässe vor Scham im Boden verglüht,
bis versunkene Sonnen im Meer versäumen,
von Wortgewändern weich zu träumen,
zu spät, zu spät, es ist soweit,
"Nimm Dir, nimm Dir!", mahnt die Zeit,
meine Seele will mitteilen,
bis in alle Ewigkeit...

...darum muss ich schreiben, schreiben, schreiben...


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