Sortieren nach:

Gedichte über Egoismus - Seite 57


Engel, wenn du ihn suchst

weil’s Schnürsenkel regnet da draußen und mir die Wolken
das Licht nehmen, schließ’ ich die Fenster und Türen, sortie-
re meine hungernden Schatten und verberge meine Liebe zu
dir in sorgsam gefalteten Händen, auf dass sie behütet bleibt
und dem Sturm aus Hassworten widersteht; so grau grau der

Morgen mitten im Sommer, in dem mir die letzten Schuppen
von den Augen gefallen sind und das Vertrauen in das Sichere
re, Gute und Zuverlässige sich ins kahle Stachelland ungläub-
igen nicht verstehen Wollens verkrochen hat; Julitag, anders
als alle Julitage zuvor, das Helle in uns scheint sich dem Dunk-

len unterworfen zu haben; in Parlamenten sucht jede jeder die
Schuld beim Andren; ungläubig stehen wir vor einem blutigen
Scherbenhaufen aus getäuschter Hoffung, gebrochenen Vers-
prechen; wir lassen sie im Stich, die sich bekannt haben und
auch die Freiheit der Frauen ist bedroht, sie werden sich unter-

werfen müssen, um zu überleben; die Erde bebt, Wasser und
Stürme töten und vernichten Träume weltweit, alles Lebendige
bedroht, Länder brennen, Millionen auf der Flucht vor Hunger
und Gewalt; ich fühle mich ausgeliefert und habe meinen Weg-
weiser aus den Augen verloren, der mich so sicher führte bis-

her, Gott, komm aus deinem Versteck, rette dein Ebenbild und
alles, was du geschaffen hast, vor dem Untergang; ich greif zu
einem Buch von gestern, vergessener Satz eines großen Poet-
en, besser kann man die Worte nicht setzen: *Engel wenn Du
ihn suchst, er ist Erde zwischen den Steinen am großen Berg*,

heut wärmt mich das Leben nur zögerlich, Verluste vagabun-
dieren mir über die Stirn, ich fahre mir mit der Hand übers Ge-
sicht, verwische eins, zwei wertlose Tränen, sage die gefund-
enen Silben rückwärts auf und begebe mich mit Vorsicht nun
daran, auch diesen schweren Tag mit Abstand zu betrachten


* Teil des Gedichts “Engel“ von Heinrich Böll




© M.M.
... hier klicken um den ganzen Text anzuzeigen




Welt im Wandel

In fernen Ländern herrscht Hungersnot
und mit Sichel und Sense Gevatter Tod,
wir sehen es uns in der Tagesschau an,
wir spenden - und zünden ein Kerzlein an,

seufzen erleichtert, wir sind hier geschützt,
das Dumme ist, dass uns dies wenig nützt,
das Unheil betrifft den ganzen Planeten,
vielleicht hilft uns Hände falten und beten,

wann haben wir es endgültig kapiert,
dass der Klimawandel auch uns tangiert
öffnen die Augen, es siegt der Verstand –
denn Fluten verwüsten auch unser Land,

das rasende Wasser, es kam in der Nacht,
als alle im Schlaf, mit unfassbarer Macht,
zu viele Menschen sind hilflos ertrunken
und Dörfer in Monsterwellen versunken,

doch lasst uns nicht nur an eignes Leid denken,
sondern den Blick auf das Ganze nun lenken,
in fernen Ländern herrscht Hungersnot
und mit Sichel und Sense Gevatter Tod,

wir bleiben beruhigt, sind hier gut geschützt,
das Dumme ist, dass uns dies wenig nützt,
das Unheil betrifft den gesamten Planeten,
wir müssen handeln, nicht länger nur reden,

überall in der Welt, da brennen die Wälder,
vernichtet, versengt sind Ernten auf Feldern,
wer nachdenkt und mitfühlt, weiß es genau,
was uns allen da droht, ist der ganz große Gau,

immer mehr Landschaften hier auf Erden
werden für uns unbewohnbar bald werden,
Gebete für Frieden gemeinsam nun sprechen,
alle Kriege beenden, sonst wird es sich rächen,

wenn ich wage, zu sagen, noch ist es offen,
der Mensch ist auch gut, wir dürfen hoffen –
dann werde ich still, doch der Trost ist schal,
die Wahrheit sieht so aus – es scheint uns egal;

die Mitternacht ist schon weit überschritten,
und dennoch sollte man flehen und bitten –
wir alle gemeinsam, ob Kind, Frau, ob Mann –
schauen hin, denken um, packen freudig mit an!

Was ich mir da wünsche, ist nicht realistisch?
Das weiß ich, täusche mich selbst absichtlich;
das Grübeln ist nötig, doch zu viel tut nicht gut -
denn zum Weiterleben, da brauche ich Mut …


© M.M.
... hier klicken um den ganzen Text anzuzeigen


... hier klicken um den ganzen Text anzuzeigen