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Gedichte über das Alter - Seite 5


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ach weh und immer weh

sogenannte alterselegie von Walther von der Vogelweide
frei übertragen aus dem mittelhochdeutschen
ein vorläufig letzter versuch

ach weh, wohin verschwunden sind alle meine jahr?
hab ich geträumt mein leben, oder ist es wahr?
wovon ich glaubt', es wäre, war das alles nicht?
so hab ich denn geschlafen, und ich weiss es nicht.
nun, da ich erwachte, ist mir gar unbekannt,
was mir zuvor vertraut war wie meine eigne hand.
die menschen und das land, wo ich von kinde auf erzogen,
die sind mir fremd geworden, als wären sie erlogen.
die dereinst mit mir spielten, sind träge nun und alt.
bestellt sind alle fluren, gerodet ist der wald.
wenn nicht das wasser flösse, so wie es dereinst floss:
fürwahr, mein unglück wäre jetzt noch einmal so gross.
nachlässig grüsst mich mancher, der mich eh kannte wohl.
mit missgunst ist die welt nun allenthalben voll.
ich denke an manch einen wunderschönen tag.
ein jeder ist zerronnen wie in das meer ein schlag.
ach weh und immer weh!

ach weh, wie jämmerlich find ich die jugend vor,
die doch nach höf'scher weise noch trachtete zuvor.
sie kennt ja nur noch sorgen. weh, warum ist sie so?
wohin ich mich auch wende, da ist nicht einer froh.
tanzen, lachen, singen vergehn vor sorgen gar.
kein christ hat je gesehen solch jämmerliche schar.
seht, was die hohen frauen für kopfschmuck tragen heute.
die stolzen ritter kleiden sich wie die bauersleute.
es sind sehr ernste briefe aus Rom zu uns gekommen.
uns ist erlaubt nur trauer, freude wird uns genommen.
das schmerzt mich tief im innern (wir lebten eh so wohl),
dass ich nun statt des lachens das weinen wählen soll.
sogar die wilden vögel betrübt schon unser klagen.
ist es denn da ein wunder, wenn freudlos wir verzagen?
doch ach! was red ich tölpel in meinem bösen zorn?
wer irdisches glück suchet, hat himmlisches verlorn.
ach weh und immer weh!

ach weh, mit all dem süssen ward uns auch gift gegeben.
ich seh die bittre galle mitten im honig schweben.
schön ist die welt nach aussen: weiss und grün und rot,
und schwarz ist sie im innern, finster wie der tod.
doch wen sie nun verführt hat, der mag getröstet sein,
kann sich durch kleine busse von grosser sünd befrein.
denkt stets daran, ihr ritter: ihr seid nun in der pflicht.
ihr tragt im glanz die helme, der panzerring' gewicht,
dazu die festen schilde und ein geweihtes schwert.
so wollte gott auch ich wär dieses sieges wert.
dann könnt ich armer bettler verdienen reichen sold.
ich mein nicht ländereien, auch nicht der herren gold:
ich dürft des heiles krone auf ewig tragen dann,
die sich ein jeder söldner im kampf erringen kann.
ach, könnt ich mit euch ziehen und fahren übers meer,
dann wollte ich frohlocken und klagen nimmermehr.
nimmermehr ach weh.


für die übertragung Copyright © Marmotier 2013
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