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Gedichte über Sonstiges - Seite 140


Bahnhofsviertel

Siehst du den Mann vor der Spielothek steh’n,
mit zitternden Händen, kaum fähig zu geh’n?
Ein Becher voll Kaffee, der wärmt nur die Haut,
sein Mantel ist müde, der Kälte vertraut.
Die Schuhe erzählen von Jahren im Dreck,
die Zeit ist verschwunden, der Tag bleibt ihm weg.
Und du willst mir sagen, du seist schon am Ende,
weil Arbeit dich drückt und der Alltag dich blende?
Komm mit mir ein Stück von den Türmen zurück –
ich zeig dir am Rand, wie zerbrechlich ist Glück.

Siehst du die Frau an der Taunusallee,
ihr Blick starr und fern wie ein eisiger See?
Zu jung für die Härte, zu alt für ein Ziel,
der Lippenstift hält, doch er lügt für ein falsches Spiel.
Sie erwartet nicht Kunden, nicht Nähe, nicht Geld,
nur die Wärme, die kurz sie im Schutzzelt erhält.
Und du willst mir sagen, du wärst ganz allein,
kein Mensch würde bleiben, kein Wort wäre dein?
Komm mit mir dorthin, wo man Nähe verkauft –
ich zeig dir, was es kostet, was Liebe hier taugt.

Siehst du die Schatten am U-Bahn-Eingang,
ihre Schritte ohne Richtung, ihr Atem so lang?
Die Nadeln wie Uhren, sie ticken nicht mehr –
kein Morgen, kein Gestern, nur bleich und leer.
Zeit ist kein Maß mehr, kein Trost und kein Ziel,
nur Stille im Rausch oder Zittern, kein Gefühl.
Und du willst mir sagen, dein Leben steht still,
weil nichts sich verändert, nichts werden will?
Komm mit mir hinab unter Brücken aus Stein –
ich zeig dir die angebliche Freiheit am Main.

Ein paar Straßen weiter glänzt Glas und Beton,
doch hier spiegelt nichts mehr, nicht Traum, nicht Lohn.
Nur Gesichter, die niemand beim Namen mehr nennt
und Wege, die keiner vom Sehen kennt.
Wenn du also klagst über Tage aus Leere,
über die Lasten, über die untragbare Schwere:
Denk an die Straßen am Bahnhof bei Nacht –
sie tragen das Gewicht und niemals die Pracht.
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Im Vorraum des Glanzes

Wir rauchten einst den Nebel der Flucht,
verloren im Schweigen der inneren Sucht.
Heut trinken wir bitter, was gestern begann,
vergessen als Trost, so gut man es nur kann.

Wir drehen uns weiter im Karussell der Mode,
getriebene Träumer im flackernden Code.
Was glänzt, wird begehrt, was still ist, verliert,
ein Spiel, das sich selbst immer neu inszeniert.

Die Schickeria thront auf vergoldeten Höhen,
wo Scheine regieren und Gedanken vergehen.
Kein Platz für die Kunst, kein Ohr für den Sinn,
nur Glätte und Ordnung bis tief nach innen hin.

Die Türen sind schwer und bleiben verriegelt,
unsre Sehnsucht verhallt, geschniegelt, versiegelt.
Wir warten im Vorraum der glänzenden Kunst,
Statisten des Reichtums, gefangen im Dunst.

Wir basteln uns Kronen aus schimmernder Lüge,
stapeln die Nächte zu trügerischem Gefüge.
Wir nennen es leben, was flimmert und flieht,
bis morgens nur bleibt, was man deutlich jetzt sieht.

Dann stehen wir da, nur Schatten im Licht,
verlorene Formen mit hungerndem Gesicht.
Der Glanz, den wir suchten, hat uns nie gemeint,
nur Spiegel geschaffen, in denen man weint.

Die Straßen erzählen von Gier und Gewinn,
die Fassaden versprechen, doch lassen uns nicht hin.
Wir bleiben die Zuschauer draußen im Spiel,
ein Einsatz aus Hoffnung, ein unerreichbares Ziel.

Und dennoch, im Schweigen der nächtlichen Zeit,
glimmt leiser Widerstand, zaghaft, doch bereit.
Ein Funke, der zweifelt am eisernen Schein,
am Gesetz der Oberfläche: Du musst glänzend sein.

Wir sind Außenseiter im falschen Himmel,
unbeachtete Sterne im grellen Gewimmel.
Wir warten auf Türen, die keiner uns zeigt –
und hoffen, dass eine sich irgendwann neigt.
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