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Gedichte über Sehnsucht - Seite 60


Vom Winde verweht, vorbei und vergessen

Du hattest nachgedacht über deine Sorgen,
Was wird aus dem Heute und was aus dem Morgen,
Du suchtest einen Halt hier und dort,
Doch hat es dich geknickt immerfort.
Du sahst soeben ein laues Blatt, unterdessen
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Du suchtest die Gesichter anderer Leute,
Die an dir vorbeigehen im Hier und Heute,
Suchtest Sinn und Verstand zu erkunden,
Der an dir vorbeilief, flüchtig und unumwunden.
Was auch immer du erkanntest an fremden Interessen,
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Du suchtest anderer Haltungen zu erkennen,
Jener, die raschen Schrittes an dir vorbeirennen,
Hofftest eine andere Hand zu erspüren,
Um dich ein wenig mit Glück zu verführen;
Doch lief das Glück an dir vorbei, indessen
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Ich laufe durch die Straßen und schaue Augenlieder,
Und bin der Meinung, so manche kommen immer wieder.
Manche sehe ich ein zweites Mal,
Denn eigentlich habe ich keine andere Wahl,
Als mich festzuhalten an fremden Interessen,
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Ich haste eilig von einem Moment in den nächsten Moment,
Und suche nach Sinn und Verstand, den ein Moment wiedererkennt.
Vergebliche Hast nach Orientierung in einem Augenblick,
Vergebliches Tun und Unterfangen, die Suche nach Glück
Endet stets in einer Anarchie unzähliger Handlungen, in meinem Ermessen
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Ich schaue Menschen aus einer Bahn aussteigen,
Und taste deren Meinung, die von ihren bewegten Gliedern abzweigen.
Ich verfolge weiterhin ihre Spuren,
Auf ihren vergeblichen Wegen und Touren,
Auch für sich ein wenig Glück zu erhaschen, gottlob dessen
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

So manchen Moment und auch dessen Menschen möchte ich in seiner Hast anhalten,
Mit ihnen neue Wege zu suchen und zu verwalten;
Denn unweigerlich bahnen sich fortan neue Wege,
Die ich für andere plane und diese wiederum anrege,
Wege, die sich selber negieren, da fremder Interessen,
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Ich beobachte Menschen miteinander sprechen,
Es ist mit Sicherheit kein großes Verbrechen,
Wenn falsche Inhalte ausgetauscht,
Wenn sich selbst und sein Ego wieder aufgebauscht,
Den anderen stets übertrumpfen zu wollen, zu Tisch und zum Essen
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Manchmal möchte ich jemanden anhalten, nur einen Moment, im Nu,
Sich immer wieder neue Sitautionen aufbauen, immerzu
Nichts konstant bleibt mit ewigen Werten,
Wenn sich ewige Werte wiederum zu einem Nichts verhärten;
Vergeblich mein Ansinnen, irgendeinen Sinn und Verstand zu erkennen, denn indessen
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Ich versuche, Worte und Silben anderer zu erkennen,
Obgleich deren Protagonisten meilenweit aneinander vorbeirennen,
Von hastig aufgenommenen Gesprächen anderer einen Sinn zu erhalten,
Derweil Anarchie und Chaos alle Situationen verwalten,
Da die Schöpfung nur Naturen und keine Gesetze erkoren,
unterdessen,
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Wenn ich alle deratigen Erfahrungen miteinander summiere,
Bleibt ein Nichts für mich übrig, denn ich verliere
Beständig an Boden und festen Halt für mein Unterfangen,
Zu einem sinnhaften Glück mit anderen Menschen zu gelangen;
Doch glaube ich sehr an ein Prinzip in meinem Ermessen,
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.

Ich schaue ein letztes Mal die Menschen handeln,
Wie sehr sie sich unentwegt auf ihren Wegen wandeln;
Ich schaue Lieder, Augen, einen Blick,
Derweil ich in meinem Unterfangen ein wenig einknick,
Liebe und Glück zu verbreiten, denn unterdessen
Vom Winde verweht, vorbei und vergessen.
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Schneespuren (Teamwork)

Schneespuren


Sie saß im Zimmer – saß allein,
beim dritten, vierten Glase Wein.
Und niemand kam zu ihr.

Harscher Frost kratzt an den Scheiben,
als wolle er auf ewig bleiben,
im warmen Jetzt und Hier.

Sie liebt die Abgeschiedenheit,
in stiller, dunkler Winterzeit,
am altvertrauten Ort.

Von fern erklingen Abendglocken.
Der Hund erwacht und eilt erschrocken,
zur nahen Zimmertür.

Zufrieden wedelnd kommt er wieder,
legt sich auf die Decke nieder
und hört ihr schläfrig zu.

Sie spricht von bunten Kinderjahren,
von Schneemann bauen, Schlittenfahren
und vom geschmückten Baum.

Von Liebe und den Schmerzen dann,
auch von dem fremden, fernen Mann,
den sie kaum kannte. Und doch...

Beim nächsten Glase wallt ihr Blut.
Sie fühlt sich frei, fasst langsam Mut -
greift zaghaft noch zum Telefon.

Draußen peitscht der raue Wind.
Sie legt den Hörer hin geschwind -
läuft weit hinaus, ins Freie.

Von weither, am verschneiten Wald,
im Dunkel dort - steht die Gestalt:
vom vollen Mond erhellt.

Sie fröstelt, zweifelt: Ist´s der Wein?
Ist ER es wirklich? Alles Schein?
Der Mann kommt in ihr Haus.

Noch weht Reif aus seinem Haar,
das einst so voll und dunkel war:
es schimmert silbrig weiss.

Entkräftet von der langen Reise,
umarmt er sie und flüstert leise:
> Schick mich nicht fort. Nicht heute. <

Es war bald weit nach Mitternacht.
Der Mond hielt tapfer schützend Wacht -
spaziert umher im Zimmer.

> Ich war nie wirklich von dir weg, <
sprach er, nach ihrem leichten Schreck.
> Wo du warst, war ich immer. <

*

Nach Wochen kam sie in sein Haus.
Bei Tag sah es verloren aus.
Im Dämmern doch betörend schön.

Es stand von Schnee und Eis umschlungen,
dem Wald, Gezeiten abgerungen,
geduckt im Abendwehn.

Vom Weg aus sah man manchmal nur,
danach im Tiefschnee beider Spur,
im Lichtschein, vor der Nacht.



(c) Ingrid Bezold & Ralph Bruse
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