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Gedichte über Schulden


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Welche Kindheit

Sie werden wohl längst in Vergessenheit geraten sein, diejenigen, die in Angst getauft, die von Geburt an Betrogenen, augenscheinlich auch Erdenkinder wie wir. Lebenslänglich aber blieben ihre zarten Hände heimatlos und unberührt. Beinahe überlebten sie das kaltherzige Echo geschwärzter Jahre. Sie erkennen sehr wohl die Dunkelziffer der kleingeredeten Alltagstode, den beißenden Rauch aus Spott und Häme des schmerzfordernden Teufelskreises, vor denen sich unsere Frohsinnsaugen nur allzugern verschließen möchten.

Im Vernichtungslager, hinter vergitterten Silhouetten gestaucht - statt Ballspiele und Lebenlust - empfanden sie blanke Wut auf das Leben, ihr Schicksal das einherging mit dem rachelüstigen Herzschlag der bezeugenden Blutengel. Sie warfen stattdessen die gebläuten Nägel des Dornenkönigs millionenfach an die gotteslästernde Lagerwand. Sie hatten die klägliche Einbahnstrasse unter strenger Bewachung in falscher Richtung verlassen müssen - kein Exodus sondern Holocaust - am Herz vorbei zur Sickergrube. Sie waren Kinder wie du und ich!

Der Judasstern stürzte damals sang- und klanglos von ihrem geliebten Himmel ins vergiftete Schattenmeer, überall begegnete man ihnen mit Härte und Kälte. Im Ghetto schleppten sich sinnlos ihre klagende Schritte. Zu Tode geängstigt - verdammte Jünglinge und Jungfrauen - von Stacheldraht und Stahlhelm gefangen. Sie wussten längst um die unerbittlich klaffende Klippe, den hässlichen Abgrund. Sie kannten diesen teuflischen Plan, der sie ins Gas führen sollte. Deportierte Blutwege - Zug um Zug - die aus ihren zarten Kinderadern verzweifelt um Hilfe schrien. Niemand konnte oder wollte sie retten. Samen und Keim, Stammbäume im Mörderstaub einfach zu Tode erstickt, der Kindeskinder beraubt, vernichtet für alle Zeiten. Was blieb sind heute Wolkenberge, Trümmermeere, Tränengassen und Atrappen aus Sternschnuppen.

Das entblätterte Traumbild verwandelt, vom Spiegel- zum Schreckensbild - die Tragik ihrer Ahnen wiederholte sich, doch dieses Mal millionfach brutaler! Hasserfüllt warf man sie blindlings in die Sehnsuchtslabyrinthe, entledigte sich ihrer in Massengräbern - jene Gräber ohne Namen. Ermordet, zertreten und ihre Asche noch nicht mal in die Winde verstreut. Weit entfernt liegen sie noch heute von jedweder Heimat, zwischen Schutzpatron, Sandkasten und Schneckenhäuser - in den schweigenden Steinbrüchen da selbst die Ewigkeit einen Platz gar ungern finden möchte - im Tal der gesammelten Leere. Auf ihren Gedenktafeln steht: "Zerrissene Seelen, arm wie Flughunde, ihres Flügelschlags beraubt!"

Nichts - aber auch rein gar nichts kann je diese Lücken füllen, weder die unentwegte Liebe der Göttinnen der Milde, noch die vielbesungene Heilkraft der Natur, noch der Trost eines Wortes, der aufrichtig gemeinten Vergebungsangebote.

Aber wehe dem, der die Blumen der heiligen Kindheit vom Grabe stiehlt!

© Marcel Strömer
(Magdeburg, den 28.04.2018)


Das Sorgentelefon

Lob ist doch der beste Lohn
auf der Welt für Tochter und Sohn.
Und egal wie alt wir sind,
Lob braucht jedes Kind.
Und in Süd, West, Nord und Ost
braucht der Mensch auch manchmal Trost.

Wie oft möchte man damit beginnen,
wenn irgendwo die Tränen rinnen.
Egal ob nur ein Knie geschunden,
oder das Auto nachts verschwunden.
Und so manches junge Herz
hat den ersten Liebesschmerz.

Dabei sollte man genau bedenken,
dass auch alte ihr Herz verschenken.
Steht eine schwere OP bevor
oder zieht man nur Schulden hervor,
droht die Verbüßung dummer Tat,
dann fehlt oft ein guter Rat.

Ob Trinken, Haschen oder Rauchen,
viele Menschen Hilfe brauchen.
Oma und Opa sind weit weg,
bei den Eltern hat es keinen Zweck.
Patchwork-Geschwister sind stumm,
Kumpels reden lieber dumm.

Stehlen, Raub und Schlägereien
können keine Hilfe sein.
Und der Suizid zu letzter Frist
nicht die beste Lösung ist.
Doch seit Jahren gibt es schon,
das unbekannte Sorgentelefon.

Egal wie sich der Betreiber nennt,
man dort unsere Sorgen kennt.
Mit ruhiger Stimme, ohne zu bohren,
leiht man uns dort seine Ohren.
Versucht Vertrauen zu binden,
um richtige Lösungen zu finden.

Nicht alles klappt so wie gedacht,
manchmal schläft man eine Nacht.
Und nicht immer reicht ein Anruf,
für Probleme, die man selber schuf.
Ob Zensuren oder Miete in Miesen
ohne Grund wird keiner abgewiesen.

Und auf Wunsch hilft insgesamt
auch so manches Bürgeramt.
Am Sorgentelefon sitzen heute
erfahrene, gut geschulte Leute.
Doch auch sie freuen sich am Klang,
hören sie Mal Lob und Dank.

14.04.2019 © Wolf-Rüdiger Guthmann
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