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Gedichte über das Leben - Seite 1455


Bettina

Angestrengt lauscht sie auf die Stimme,
die wir alle hören
Ihre Blicke schweifen kaum ab.
Du wirkst so angespannt, wenn Du so
bewegungslos verharrst.
Manchmal durchbricht sie sich selbst,
dann schleicht sich ein Lächeln durch ihr Gesicht.
Im nächsten Moment wieder aufmerksam,
der unbekannten Stimme durch den Raum folgend.
Immer wieder wandern Deine Gedanken
weit weg, ich weiß nicht wohin.
Vielleicht bist du gerade auf einer großen
Wiese, barfuß, im Herbst, oder
vielleicht durchziehen jetzt Kinderträume
Deine dunklen Augen, wie Du fünf Jahre
alt warst und im Sand gespielt hast,
Schlösser gebaut und wünschtest, Du
könntest eine Prinzessin sein, in einem
langen, weißen Kleid,
vielleicht auch nichts von alledem.
Hin und wieder gleiten Deine Blicke
sehnsüchtig aus dem Raum, durch die
Fenster, die Dich nicht aufhalten können
bis wohin?
Ich weiß es nicht, und ich wage nicht
zu fragen.
Und wieder versucht sie sich auf das zu
besinnen, was nebenbei die ganze Zeit durch
die Ohren geistert. Durch alle Ohren, die sich
dem momentanen Vortrag kaum zu entziehen
vermögen.
Gelangweilt und dem eigenen Gähnen ergeben
schweifst Du wieder ab, schaust mich an,
nach einem Moment der gespannten Erwartung
lächelst Du, und wieder einmal
lese ich etwas in Deinen Augen, was ich
nicht verstehen kann. Noch bevor ich
wahrnehme, was es ist, ist sie schon ganz
woanders. Die Fäuste in den Ärmeln und
die Ärmel am Kopf, und der Kopf gesenkt,
sucht sie wahrscheinlich irgendeinen nicht
vorhandenen Fitzel auf dem weißen Tisch,
von dem ich den Eindruck habe, wäre
er nicht da, sie wäre schon lange auf
den Boden geglitten, vermutlich ohne es
selbst bemerkt zu haben.


Und jetzt merke ich, dass ich trotz allem,
was sie mir von sich gezeigt hat, nichts von
ihr weiß, und je länger ich sie wahrnehme, um
so mehr habe ich den Eindruck, dass
auch meine Eindrücke mich bald wieder verlassen werden.


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Numbness

I feel some numbness coming up now,
covering my inner streamings. Fuzzy faces
in myself that tingle up and down my
body, some are having sad mines, others are
looking for sadness. Even others are feeling
quite happy, ready to quest the world.
Altogether they're bumping and bouncing
from head to toe, back and forth, wildly mixing
up my inner silence, like a whirlwind
carefully blowing up multicoloured autumn
leaves, like you, Lisa, arising different,
sometimes even strange feelings, my life
seems to become more and more indistinct
able, stable but, more confusing, interesting,
tensioning, enriching. Besides that there is a what
I call kinda my mess, my phase of creative chaos
coming and going in long terms of
feeling well or numb. Lots of
thoughts that enter my mind easily, as if
there was no shield protecting me from
such attacks. Once they've overcome my
weakening barriers (what makes me more
open for some irrational thoughts and
scaring feelings on the other side), they
get up flickering and flipping through
the lines, connecting all my inner parts
They make me feel nervous, mixed up,
make me lose my inner balance.
After a while they leave me then,
confused, unsecure about the things to come but,
happy and somehow encouraged, too.
Time to slow down, to feel good, to take
a calm review of what had happened.
I sense very consciously that I had
been enriched again, somehow sad,
somehow happy, I feel my strength
and my power coming up again,
reliving me steadily so that I am
ready to just take another step into
the world, towards you, Lisa, the one
I love as deeply as my emotions get
into disorder from time to time
to be pure love again afterwards...


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Wortlust I

Schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,
sich an Buchstaben laben, Geschichten erleben, am Leben kleben,
die Welt, die kommt erst übermorgen, kannst Du mir Deine Feder borgen?
Briefsuppe, Gedankenpuppe, ich lese Geo, Emma, Freundin, und...
der Stern, der ist mir völlig Schnuppe,
Äste, Bäume, Blätter-Wälder, streife durch Papierkorbfelder,
wühle, suche, finde, Worte, die mich tragen wie laue Winde /
von ihm verweht, verdreht, vergeht, entsteht,
Denken, Fühlen, Lachen, Schreien,
all das gehört in mein Leben hinein,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

alles nehmen, -wollen, greifen,
Gedanken, die zu Sätzen reifen,
Gedichte für die Nichte, ein Limerick für Friederick,
Lyrik für Erik und Prosa von Raunheim für Rosa von Praunheim,
alles da, alles hier und alles jetzt, ein Kanon, der sich selber hetzt,
das Leben in Fetzen, von Gefühlen gejagt,
ohne dass jemand nach Befindlichkeiten fragt,
alles sehen, hören, riechen, schmecken,
sich die Zunge nach dem Fühlen lecken,
überfluten, überfließen, und das ganze Glück genießen,
Phantasiefontänen, die nach oben schießen,
Geistesblitze, die ins Freie sprießen,
kritzeln, krakeln und orakeln,
auf Wolkeninseln bunte Träume pinseln,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

nach Textbruchstücken lechzen, ächzen, geiern, geifern,
sich mit Worthülsen um die Wette ereifern,
in tiefe Buchstabenseen tauchen,
und 'ne Rettungsweste brauchen,
tagein, tagaus in Silben denken
und den Bücherwurmmordverdacht auf die Milben lenken,
um Mitternacht dem Mond vorlesen,
als wäre der Tag nie da gewesen,
Bett- und Kakerlaken voller Tintenspritzer,
denn Du hast kein' Bleistiftspitzer,
mittags dann die Sonne anheulen,
um sie schleunigst zu vergraulen,
Nacht, Nacht, Nacht, wo bleibst Du bloß?
Komm her zu mir, in meinen warmen Schoß
Muss Tageslicht mich ständig quälen?
Ich will dem Mond eine neue Geschichte erzählen.
Lass mich, lass mich endlich raus,
aus meinem Menschenschneckenhaus,
ich will, ich will, ich will, ich will
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

bis ich nicht mehr kann,
bis ich nach Luft ringe, bis der Lauf der Dinge
mir Sprache und Gedanken nimmt,
und ein Buchstabe nach dem anderen in der Atmosphäre verglimmt,
bis gar nichts mehr zu sagen ist,
und ein Bücherwurmfreund aus Rache Milben frisst,
bis alles, selbst das Nichts, vergeht
und nicht einmal dieser Satz mehr steht...

aber solange muss ich schreiben, schreiben, schreiben...


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