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Gedichte über Gefühle - Seite 607


Badezimmerspiegel

Seit einer Stunde, starr und stumm,
Steh ich im Badezimmer rum.
Die Tür verschlossen; lasst mich nur.
Ihr steht allein auf weitem Flur.

Doch eigentlich steh ich allein,
Denn schließlich schloss ich mich hier ein.
Mir wurde alles halt zu viel,
Daher die Flucht in mein Exil.

Tief aus der Unterwelt von Hades
Hin zu den Fliesen dieses Bades
Verspür ich Wärme, spür ich Kühle -
Ein Wechselbad meiner Gefühle.

Und immer wenn mein Glück scheint fort,
Dient mir das Bad als Rückzugsort.
Wenn ich die Türe dann verriegel;
Nur ich - und die Person im Spiegel.

Ich schau ihn an mit bösem Blick.
Er schaut mit voller Zorn zurück.
Es trifft mich seine ganze Wut;
Das tut doch keiner Seele gut.

So hasserfüllt wirkt seine Miene;
Ein Blick, den ich doch nicht verdiene.
Mich trifft nun wirklich keine Schuld;
Mir riss als Letzter die Geduld.

Wieso nur birgt er so viel Grimm?
Und was zur Hölle ist so schlimm?
So arg kann's wahrlich gar nicht sein.
Dann plötzlich fängt er an zu schrein:

"Wieso machst du nur solchen Terz?
Was fällt dir ein; ist wohl ein Scherz?
Dir geht's doch gut; du bist gesund!
Du hast zum Schmollen keinen Grund!

Probleme hat ein jeder mal;
Doch folgt ein Berg nach jedem Tal.
Ziehst dich zurück sowie ein Igel
Und blickst dann finster in den Spiegel.

Fast jeder Mensch ist mal am Zweifeln.
Kein Grund gleich alles zu verteufeln.
Und Schuld sind stets die Andern nur;
Die Ansicht ist so töricht stur.

Los fass dir erst an deine Nase.
Hör auf mit deiner Trübsalphase!
Du weißt doch selbst nicht, was das soll.
Fortan beenden wir den Groll!“

Und während er so mit mir spricht,
Verändert sich sacht meine Sicht.
Denn als er mir die Meinung geigt,
Sich mehr und mehr die Einsicht zeigt.

Ich glaub, dass er anscheinend sieht,
Dass just in mir etwas geschieht.
Sehr gut versteh ich, was er will.
Dann weilen wir, sind beide still.

Wir blicken uns so lange an,
Bis ich dann nicht mehr ernst sein kann.
Ich halt es nicht mehr länger aus.
Das Lachen bricht aus mir heraus.

Da steh ich nun und halt den Bauch;
Vor lauter Lachen lacht er auch.
Der Frohsinn übertönt die Tragik
Und hallt durchs Zimmer voll Keramik.

Wie weggeföhnt scheint nun der Grimm,
Denn alles war nur halb so schlimm.
Ich schließ die Tür des Bades auf,
Bevor ich aus dem Raume lauf.

Zum Spiegel noch ein letzter Blick,
Da schaut er auch noch mal zurück.
Mit Zuversicht zwinkern die Lider,
So spiegelt sich halt alles wider.
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im gefängnis

überall nur nicht hier,
die kleinen hände gefaltet zur großen,
die barmherzig fast anmutig
in die greise runde winkt,
kniend oder liegend weiterleben,
so der sehnlichste wunsch, ähnlich
einer ins meer geworfenen hoffnung,
die zurücktreibt, eine alte schuld
nicht vergessend, die nie verjährt,
erinnernd, wie das wiederkehrende grün,
das augenscheinlich aus asphalt
und steinböden sprießen könnte,
bedrängt bettelt und gesteht,
in der festung der angst,
der zitternden treppentürme,
durchs dunkel getrieben zur bleibe,
das mit dem mut von hochranker
oder am spalier, am stacheldrahtzaun
um jeden kleinsten freiheitsschimmer ringt,
mit dem mut des klopfenden herzens
versucht wärme zu erzeugen, hoffend,
alles aufzulösen und zu zerschmelzen,
jede aufgemalte eisblume,
jedes gefrorene wandbild,
das ausgeschwitzt aus atem
tränenbeworfen auf haut und
nacktem untergrund der not
in abgeschirmter gefängnisanlage
überraschend wieder erwachen könnte,
vielleicht als rankende geistesblume
zur stacheldrahtrose mutiert,
die ihr blühen dann beginnt
wenn die dauer des tageslichts
merklich abnimmt, eine standhafte,
gleich denen, die angstmutiert
aber unverzagt dem winter trotzen

* Groß- und Kleinschreibung wurde bewusst missachtet!



© Marcel Strömer
(Magdeburg, den 30.05.2016)

Alle Rechte vorbehalten, besonders das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung, sowie Übersetzung. Kein Teil des Textes darf ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder verarbeitet werden
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