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Gedichte über Gefühle - Seite 1212


Sanfte Melancholie

Sanfte Melancholie, ist es das, was ich verspüre?
Meine Stimmung, seltsam, seltsam gemischt, Trauer, nein, leichte Traurigkeit – bei brasilianischer Musik, Bilder des Amazonas, die Fahrt in einem Boot, Nebel verhüllte Seitenarme, stickig-feuchte Luft, wie die Traurigkeit, die mir wie ein Kloß im Hals sitzt,
Melancholie im Schein des Halbmonds, ein eigenartiges Gefühl von Glück und Geborgenheit beschleicht mich, so, als ob ich einfach in keinen endlosen, schwarzen Tunnel fallen kann, als dürfe es mir jetzt einfach gutgehen, fast schon ungewohnt, dieses Gefühl, befremdlich und doch vertraut, wie auch die Musik aus Ägypten, die gerade spielt, Musik aus aller Welt, Grüße von Menschen an Menschen, an alle, die sich gerne grüßen lassen, von denen grüßen lassen, die sie gerne grüßen möchten, die ihnen etwas erzählen möchten, von sich, ihrem Leben, ihrem Land, ihren Gefühlen, meinen Gefühlen, ...meinen Gefühlen?
Auch meinen Gefühlen, ja, sie berühren mich, meine Gefühle, und ich fühle, was sie mir sagen wollen, fühle mich und meine sanfte Melancholie, ja, sie ist da und hat ihren Platz – der Mond, ich sehe ihn noch immer, seine rechte Hälfte, und weiß, dass ich wieder schlecht schlafen werde, wenn bald seine andere Hälfte bei ihm ist, um ihn dann wieder zu verlassen, er muss sich einsam fühlen, da oben, vielleicht fühlt er wie ich, ich fühle mich auch einsam, nicht verlassen, aber einsam, sehne mich nach einem warmen Bauch, nach Haut – Du auch, Mond?
– Weißt Du, es gibt da oben bei Dir mehr Monde als Menschen bei uns auf der Erde – aber manchmal, glaube ich, sind sie für Dich ebenso unerreichbar, und das macht mich traurig, denn ich kenne diese Sehnsucht, die Dich zu zerreißen droht, bis Du sie durchlebst, und dann, wenn es vorüber ist, ist sie wieder da, diese sanfte, sanfte Melancholie, die mich gefangen hält, von der ich mich gefangen nehmen lasse, davon treibe, um mich davon treiben zu lassen...


ls26/270893




Erotische Tafel

Sonne, Sonne, Sonne,
an diesem schönen Morgen
noch bleibst Du zaghaft,
der Himmel wolkenverhangen
nur hie und da ein blaues Loch
und immer wieder bahnen sich
Deine Strahlen einen Weg
durch das nasse Grau.

Ich bin ganz bei mir,
fühle die kühle Frische des Tages,
spüre meine Dankbarkeit
für die Begegnungen des gestrigen Abends,
unglaublich, wie viel Nähe und Intimität
zwischen Menschen entstehen kann,
unglaublich schön
wir haben uns begrüßt,
freundlich bis leidenschaftlich,
zart bis innig,
haben gegessen und getrunken,
Leidenschaften des Gourmets genossen,
und zwischendurch immer wieder
erotische Buchstabensuppe,
Texte zum Lauschen und Hinhören,
zum Verschmelzen und Dahinschmelzen,
von Vereinigung und auch wieder Trennung,
das Auf und Ab des Lebens,
Worte voller Anmut und Hingabe,
Lust und Phantasie sind zu hören,
und machen mich heiß
wie die Pastinaken-Suppe zu Beginn
unseres mehrgängigen Menüs.

Zwischendurch erste Streicheleinheiten
das Hungergefühl weicht dem Durst
nach Bewegung.
Wir tanzen:
Alleine, zu zweit, zu dritt,
mit Füßen und Rädern,
für uns und mit anderen,
barfuß und in Socken,
die Bewegung macht Lust auf mehr.
Immer neue Figuren und Schritte
werden ausprobiert.
Frauen und Männer tanzen mit
Frauen und Männern, sinnlich,
schön, eng an eng, erotisch,
lustvoll, hingebungsvoll,
viel Vertrautheit und Nähe umgibt uns,
alles darf da sein, alles hat Platz.

Dann, spät in der Nacht,
rücken wir zusammen,
bilden einen Stuhlkreis,
keiner weiß, was kommt.
Dann beginnen sanfte Hände,
mich zu streicheln,
am Kopf, hinter den Ohren,
an den Schultern und im Nacken,
ich schließe die Augen, gebe mich hin,
folge den behutsamen,
sinnlichen Bewegungen
und kann beobachten,
wie andere sie ebenfalls genießen.
Ich bekomme Lust, zu geben,
ebenfalls aktiv zu werden
und verwöhne meine Nachbarin,
zarte Liebkosungen
an Schläfe und Ohrläppchen,
einen Kuss auf die Stirn,
meine Hände wandern hinab
bis zu ihren Brüsten
und berühren sie sanft.

Ich hauche ihr meinen Atem an den Hals,
in den Nacken,
die Lust packt mich, und ich kann sehen,
wie auch die anderen geben und nehmen,
wie sie es genießen.
Erotische Sekunden werden zu Stunden,
die Zeit scheint sich davon zu schleichen,
still zu stehen,
alles geht, und nichts scheint vergänglich
lustvolle Gefühle und eine passende Musik
plätschern durch mein Bewusstsein,
ich genieße mit allen sieben Sinnen,
gebe und nehme und freue mich,
dass ich so intime Momente
mit so besonderen Menschen teilen darf.

Ich spüre mein Glück
und das Glück der anderen.
Eine besondere Atmosphäre umgibt uns.
Es ist nicht nur der Ort und das,
was uns hierher geführt hat:
Jeder und jede einzelne hat teil
und ist behutsam,
jeder trägt zu dieser
Vertrautheit und Nähe bei,
auf seine und ihre Weise,
ein unbeschreibliches Flair,
das wir uns erschaffen haben,
wie ein Kunstwerk.
Wir alle genießen es,
wir alle haben daran teil, wir alle.
Momente, die stehen bleiben,
die ich immer wieder gerne
mit der erotischen Tafel in Trebel
in Verbindung bringen mag.


ls030308
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