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Gedichte über das Leben - Seite 1469


Wortlust I

Schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,
sich an Buchstaben laben, Geschichten erleben, am Leben kleben,
die Welt, die kommt erst übermorgen, kannst Du mir Deine Feder borgen?
Briefsuppe, Gedankenpuppe, ich lese Geo, Emma, Freundin, und...
der Stern, der ist mir völlig Schnuppe,
Äste, Bäume, Blätter-Wälder, streife durch Papierkorbfelder,
wühle, suche, finde, Worte, die mich tragen wie laue Winde /
von ihm verweht, verdreht, vergeht, entsteht,
Denken, Fühlen, Lachen, Schreien,
all das gehört in mein Leben hinein,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

alles nehmen, -wollen, greifen,
Gedanken, die zu Sätzen reifen,
Gedichte für die Nichte, ein Limerick für Friederick,
Lyrik für Erik und Prosa von Raunheim für Rosa von Praunheim,
alles da, alles hier und alles jetzt, ein Kanon, der sich selber hetzt,
das Leben in Fetzen, von Gefühlen gejagt,
ohne dass jemand nach Befindlichkeiten fragt,
alles sehen, hören, riechen, schmecken,
sich die Zunge nach dem Fühlen lecken,
überfluten, überfließen, und das ganze Glück genießen,
Phantasiefontänen, die nach oben schießen,
Geistesblitze, die ins Freie sprießen,
kritzeln, krakeln und orakeln,
auf Wolkeninseln bunte Träume pinseln,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

nach Textbruchstücken lechzen, ächzen, geiern, geifern,
sich mit Worthülsen um die Wette ereifern,
in tiefe Buchstabenseen tauchen,
und 'ne Rettungsweste brauchen,
tagein, tagaus in Silben denken
und den Bücherwurmmordverdacht auf die Milben lenken,
um Mitternacht dem Mond vorlesen,
als wäre der Tag nie da gewesen,
Bett- und Kakerlaken voller Tintenspritzer,
denn Du hast kein' Bleistiftspitzer,
mittags dann die Sonne anheulen,
um sie schleunigst zu vergraulen,
Nacht, Nacht, Nacht, wo bleibst Du bloß?
Komm her zu mir, in meinen warmen Schoß
Muss Tageslicht mich ständig quälen?
Ich will dem Mond eine neue Geschichte erzählen.
Lass mich, lass mich endlich raus,
aus meinem Menschenschneckenhaus,
ich will, ich will, ich will, ich will
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

bis ich nicht mehr kann,
bis ich nach Luft ringe, bis der Lauf der Dinge
mir Sprache und Gedanken nimmt,
und ein Buchstabe nach dem anderen in der Atmosphäre verglimmt,
bis gar nichts mehr zu sagen ist,
und ein Bücherwurmfreund aus Rache Milben frisst,
bis alles, selbst das Nichts, vergeht
und nicht einmal dieser Satz mehr steht...

aber solange muss ich schreiben, schreiben, schreiben...


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Wortlust II

Schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,
sitze, schwitze und zerlese – Bücher wie einen Löcherkäse,
fließen, fließen, Silben sprießen – wie
Hülsenfrüchte aus dem Boden schießen /
Blätter – rascheln, Blätterwald, Retter basteln Wetter bald,
Kinder tanzen froh im Regen, Nässe, Nüsse, Küsse, Kindersegen,
Tau-send Tropfen pitschen patschen,
Tintenkleckse klitschen klatschen,
auf Papyrus, grüne Gräser, während kleine Tintenfässer,
eingedrückt in weiche Erden, darauf warten, geleert zu werden,
wilde Pflanzen, Honigblumen blühen auf und Bienen summen
Kanon-aden wilder Reime,
gelb-schwarz-gelbe Streifenträume
stechen, stanzen Impressionen,
Blasen blubbern Seifenschäume,
Buchstaben schaffen Illusionen,
Bilder, die die Welt bewegen, meine Phantasien anregen,
die mich noch verrücken können, Distanzen überbrücken können,
mich Leeren überwinden lassen,
bis Gefühle sich in Worte fassen, 100194
Luftballons vor Freude platzen,
Schuhkartons im Keller schmatzen,
Ratten sich an ihnen reiben, darum muss ich
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

Mäuse mausen mir Papier, und ich neige zu vergessen,
ich bin nicht zu Hause hier,
an einen Baum gelehnt höre ich sie fressen,
spüre Echsen mit Vielfarbenklecksen
unter mir meine Hände streicheln,
sehe Regen meine Worte meucheln,
Fluss des Lebens, schwarz, weiß, rot,
Kuss des Bebens, nur der Tod ist tot,
zittere, wittere – neue Ergüsse
des Himmels, meines Hirns, meiner Lendenküsse,
Lust und Schreiben unumwunden,
eng umschlungen einander verbunden,
Schreiber bis zur Leere geschunden
wie ein Wolkenbruch mit jungen Hunden,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

Tag und Nacht Gedankenfetzen,
die in Reimen keimen, Silben, Sätzen,
sich in mein Papier einätzen, ohne es doch zu verletzen,
ungebleichte, zellulose – Gedankengänge in die Hose,
Stapel, Stöße, die sich füllen,
Lebenshunger in Dunkelheit hüllen,
Durstgeschöpfe im Stillen stillen,
um zu ihrer Zeit wieder hervorzuquellen,
wild und wogend, ungebrochen, Herzen, die noch immer pochen,
unverbrämt, -verschämt, -gezähmt,
Fontänen voller Freude spritzen,
Glockenblumen, Glücksfeen gießen
Liebeslust und -leid mit süßen
Düften, Blüten, leck'ren Früchten,
aus auf grüne Tummelwiesen,
Obst- und Wortsalat, -geschichten,
die mich, wie ich sie, genießen,
sich mit mir heiß und innig reiben,
bis Gedichte sich von selber schreiben,
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

muss was sagen, geben, zeigen, saugen, gucken und beäugen,
Schriften stiften, in Grüften schuften,
Düfte lüften, wo Lüfte duften,
Sinne rauben mir mein selbst,
Chinesen nennen diese Zeit den "Helbst",
alles schwimmt und springt und sticht
in See, in lichte See, ins Licht,
nur das Nichts, das tut es nicht,
denn das täte ziemlich weh,
und plötzlich eilt die Glockenblumenfee
herbei und kühlt den Schmerz mit weißem Schnee /
Tauben, Trauben, Tränen triefen
aus traurig dunklen Abgrundtiefen /
Schluchten, Buchten, die mich fangen,
wie ich Bilder fange,
wie ich Schmetterlinge beobachte,
um sie davonfliegen zu sehen,
sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken,
sich die Finger nach dem Schreiben lecken,
unbezähmbar meine Gier, nach Tinte, Feder und Papier,
hier und jetzt und jetzt und hier,
aus ICH wird MICH, aus MEIN wird MIR /
ist nach
schreiben, schreiben, schreiben, Wortfragmente einverleiben,

bis die Spatzen von den Dächern platzen,
bis die Pfeifen vor Neid ersticken,
bis die Blässe vor Scham im Boden verglüht,
bis versunkene Sonnen im Meer versäumen,
von Wortgewändern weich zu träumen,
zu spät, zu spät, es ist soweit,
"Nimm Dir, nimm Dir!", mahnt die Zeit,
meine Seele will mitteilen,
bis in alle Ewigkeit...

...darum muss ich schreiben, schreiben, schreiben...


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Fragen an das Leben

Zeilen sollen sich finden,
wollen sich finden,
irgendwo auf diesem Blatt Papier,
irgendwo auf dieser endlosen Weite leerer Gedanken –
zwischen Trostlosigkeit und Zuversicht –
Niemandsland alles Möglichen –
Gedanken schwer wie Blei, leicht wie ein Schmetterling –
Chaos der Gedanken zu Wortreihen wachsen möge,
Gedankenfragmente aus alten Zeiten
mischen sich mit neuen Gefühlen,
warum das alles?
Fragen an das Leben – um zu sterben,
reicht es nicht,
unzureichend gelebt, reichlich gestorben,
Lust und Leid als Zwillinge des Fleisches,
gestern noch einer Frau die Schenkel geöffnet,
einfach eingedrungen, egoistisch, bis zur Erschöpfung,
geflüchtet, um zu vergessen,
Trostlosigkeit, die erstickt,
weggefickt,
fast spüre ich die Lust, vergewaltigt zu werden,
mir wird schlecht, fühllos – seltsam,
keine Angst, eher Traurigkeit,
alles sinnlos, glücklos, sprachlos,
schweigen und fühlen, wie es mich zerreißt,
schrecklich, diese Stille,
ich fühle mich allein,
kein Mut, um dazubleiben, Wege zu finden,
Hoffnung versickert in einem Stern aus Sand,
und der Verstand versiegt gleich mit,
überlässt sich der Unvernunft, der Sinnlichkeit,
des reinen Genießens,
bar jeder Angst,
jeder Angst, sich zu verlieren, sich völlig zu verlieren,
zu verlieren, um sich wieder zu finden, wieder zu finden,
nur empfinden,
Schreie ungeahnter Lust und ungeahnten Schmerzes,
manchmal möchte ich alles vergessen, mich vergessen,
alles Leid, allen Schmerz,
alle Tage und alle Nächte,
nur daliegen und in die Welt hineinspüren,
meinen Atem, meinen Körper, meine Seele,
meinen wundervollen steifen, weichen Schwanz,
und ich weiß, dass es geht,
auf einmal weiß ich wieder, dass es geht,
und ich wache auf und habe Mut,
und ich weiß wieder, wie stark ich bin,
und ich bin glücklich, dass ich da bin, dass es mich gibt,
ich fühle mich befreit und zufrieden und ––
und ich merke, wie wundervoll es ist, zu leben – zu leben –
zu leben und zu lieben,
sich zu leben und sich zu lieben,
und ich atme durch – mhhhhhhh –
und ich frage mich, warum immer alles so schwierig sein muss, warum?
warum bin ich oft so traurig, so hoffnungslos?
und dann – dann weiß ich irgendwann,
dass ich leben kann – wenn ich bereit bin,
alles zu sehen, alles zu wollen,
alles zu nehmen, alles zu fühlen –
und ich spüre, dass es möglich ist,
ich spüre, dass ich es kann,
und ich kann es, und ich tu es,
und ich sehe, wie lebendig das Leben ist,
wie sehr es auf und ab geht und mich mitreißt,
mitnimmt und fortreißt,
in einem Strudel zwischen Chaos und Gewissheit,
zwischen Vernunft und Unvernunft,
und ich vergesse nicht die schmerzlichen Seiten,
und ich verdränge nicht das Bedrohliche,
und ich leugne nicht das Vorhandene,
sondern nehme es und gebe ihm einen Platz in mir,
lasse es da sein,
und ich weiß, es ist da,
und es ist gut, dass es da ist,
und jetzt brauche ich keine Angst mehr davor zu haben,
und ich weiß, dass ich wieder Zweifel haben darf,
und dass es mir gut gehen darf,
dass ich alles fühlen darf, alles denken darf
und trotzdem meinen Halt nicht verliere, verlieren brauche,
alle Schwankungen nehme,
mir vertraue und darauf vertraue,
dass ich leben kann, wie mich das Leben nimmt,
ohne immer nach einem Sinn zu fragen
und mich dennoch zufrieden zu fühlen,
in der Gelassenheit, mit der das Leben mich umspült.


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