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Gedichte über das Leben - Seite 1463


Kopfschmerzen

Ich habe Kopfschmerzen
und bekomme sie nicht los
fühle mich ohnmächtig
gegenüber diesem Druck –
fast schon panisch –
und panisch ist auch das,
was sich hinter meinen Kopfschmerzen verbirgt:
Angst,
eine unvorstellbare Angst
Vor 20 Jahren fand ich heraus,
dass meine Kopfschmerzen für eine Angst stehen,
eine Angst,
deren Grund ich nie verstand,
groß, übermächtig bisweilen,
und ich zermarterte mir buchstäblich das Hirn,
wovor ich solche Angst hatte.
Dann fand ich es heraus:
Es war die Angst vor meinem Vater.
Und heute?
Ich glaube, auch heute ist meine Angst
nicht wirklich weit von meiner
alten Angst entfernt.
Ich lebe meine Sexualität – und ich liebe sie.
Spiele in Gedanken oft mit SM,
bin fasziniert von Macht und Ohnmacht,
von Dominanz und Unterwerfung,
von Fesseln und Gefesseltwerden,
möchte alle Macht der Welt über Dich haben
und gleichzeitig mich selbst ausliefern.
Möchte mich fallen lassen
und Deinen Phantasien ergeben können.
Aber ich möchte nie wieder vergewaltigt,
sexuell missbraucht und gequält werden.
Davor habe ich eine unsägliche Angst.
Das habe ich alles schon gehabt,
alles schon erlebt.
Ich habe es überlebt,
habe meinen Vater überlebt!
Ich glaube, ein zweites Mal
würde ich es nicht überleben.
In meinen Angstphantasien sterbe ich dann jedes Mal.
Ich kann es mir nicht vorstellen,
so etwas ein weiteres Mal zu überleben.
Ich möchte mich so gerne fallen lassen
und hingeben können,
bei der Liebe,
beim Sex,
einfach loslassen und davon fließen,
aber noch kann ich es nicht.
Möchte mich fesseln und unterwerfen lassen,
dominiert und bestimmt werden,
möchte den Mut zur Demut haben,
denn Demut ist etwas anderes als Demütigung,
aber noch ist die Angst zu groß.
Das sagt mir mein Körper, mein Kopf,
das sagen mir meine Kopfschmerzen.
Noch ist die Ambivalenz da.
Und vielleicht ist das gerade hier spürbar,
wo ich Wiebke und Vimala begegne,
wo die Leidenschaft noch Leiden schafft,
wo meine Gefühle für SM
so intensiv, so zwiespältig sind,
wo ich aber auch die Chance habe,
mir über Vieles klar zu werden,
mit Leuten zu reden,
mich zu entspannen
und mir viel Gutes zu tun.
So sehr ich meine Kopfschmerzen verfluche,
so sehr weiß ich aber auch
um ihre Alarmfunktion.
Daher habe ich großen Respekt
vor meinem Körper,
denn niemand schützt mich so gut wie er.
Und das fühlt sich
zur Abwechselung mal gut an.


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Was sie sagt

Was sie sagt, klingt traurig,
resigniert und fast schon verzweifelt,
als habe sie sich bereits aufgegeben.
Hey, Du darfst Dich nicht aufgeben,
denke ich. Ich spüre meine eigene
Traurigkeit in mir aufsteigen,
weiß nicht recht, was ich sagen soll.
Fühle mich hilflos, auch eine Art
Verzweiflung, ich möchte ihr helfen,
aber wie, am Telefon...
Ich denke schwere Gedanken.
Tod, Krebs, Aids, irgendetwas sehr
Bedrückendes, etwas, das mir Angst
macht. Oder ist es die Vergangenheit,
die sie aufwühlt? Viel Trauriges, was
sich wieder in ihr Leben drängt?
Ich habe Angst, dass ich es ausgelöst
habe. Es tut mir weh, sie so zu spüren,
mich zu spüren als Auslöser, und
trotzdem..., es hilft nichts, sie muss
da durch und ich auch...
Ich muss tief Luft holen... und
noch einmal, – und wieder schießt
mir diese blöde Frage in den Kopf:
Warum muss immer alles so schwer
sein? Warum dürfen sie und ich
es nicht auch mal einfach
haben? Warum? Warum nicht?
Ein Wort drängt sich in meinen Kopf:
Ungerecht, das ist alles ungerecht,
doch, es ist so, und ich spüre, dass
ich das denke, um mit meiner
Hilflosigkeit zurechtzukommen,
mich besser zu fühlen, obwohl es
nicht so ist..., und ich denke wieder
an sie, wie ihr es jetzt geht,
was ich ihr sagen möchte, sie
festhalten und umarmen möchte,
ich habe sie sehr lieb, sie ist eine
tolle Frau, die auch so wunderbar
kämpfen kann, wie ich auch,
und dennoch wünsche ich
mir manchmal, nicht immer
kämpfen zu müssen...
...auch für sie...



Für Marie, der ich verdanke, diese Zeilen
habe schreiben zu können


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Meine Tränen

Ich höre Dir zu, lange,
und bin erschüttert,
was Du erzählst, macht mich traurig,
und ich frage mich:
Wo sind Deine Tränen?
Kann es nicht fassen,
was passiert ist, ist schlimm
Weiß nicht, woher Du die Kraft nimmst,
das alles zu bewältigen
Kann ich das überhaupt so nennen?
Habe eher das Gefühl, Du versuchst,
in einem reißenden Strudel Deinen
Kopf über Wasser zu halten, nicht zu
ertrinken, zwischen salzigen Tropfen,
und ich frage mich wieder:
Wo sind Deine Tränen?
Fühle mich hilflos und das macht
mir Angst,
fühle Phantasien in mir aufsteigen,
von denen ich nicht weiß, wie ich ihnen
begegnen soll, meine Zukunft ängstigt mich,
und Deine erst recht!
Mein Kind schreit nach Hilfe!
Wo seid ihr? Wo sind sie?
Wo sind Deine Tränen?
Sarkasmus hält fest, was er verspricht:
Gefühle, die wehtun
Wogen des Schmerzes klatschen über
mir zusammen, ich muss schlucken
und immer wieder tief durchatmen
Erstickungsgefühle verraten mir,
wie nahe ich mir bin,
und ich frage mich:
Wo sind Deine Tränen?
Ich höre Dir zu und höre mich
nicht mehr
Zeit vergeht – langsam –
verstehe ich, dass Du mich
zu mir geführt hast:
Bin nah bei Dir und nah bei mir
Schmerzensschreie klingen wieder nach
oben, Zeugen vergangener Zeiten
werden wach und machen bewusst,
was gut vergraben liegt:
Mein Kind schreit laut in die Welt
hinaus: Wo seid ihr? Wo sind sie?
Und ich frage mich:
Wo sind meine Tränen?
Im Glanze meines Inneren werden erst
sie eines Tages strahlen und ich dann
vielleicht auch…


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deine stärke und was die leute sehen (wollen)

Liebe Gisella (wie kommt es eigentlich zu dem zweiten "l" in deinem Vornamen?),


Deine Nachricht neulich hat mich sehr berührt, glücklich und traurig zugleich gemacht, wie das oft so ist im Leben: das eine ist nicht ohne das andere zu haben (und vielleicht ist das auch gut so, wer weiß?)

Glücklich war ich, weil du mir so liebe Sachen gesagt hast und ich lesen durfte, dass dich mein Text so berührt hat. Auch ich habe das Gefühl, in dir eine Seelenverwandte zu treffen. Das habe ich nicht so oft, und es tut mir immer wieder gut, mich mit solchen Menschen zu verbinden.

Traurig war ich, weil auch so viel Bedrückendes, Trauriges und vielleicht auch ein bisschen Verzweiflung in den Zeilen lag, die du mir geschrieben hast. Es muss sehr schwer sein, eine Krebserkrankung zu überleben, um dann anschließend immer mit der Angst vor neuen Metastasen leben zu müssen. Du hast nie Gewissheit, ob der Krebs wirklich ganz raus ist aus deinem Körper. Ich muss zugeben: Ich kann nicht wirklich völlig nachempfinden, was das bedeutet. Ich stelle es mir beängstigend und zermürbend zugleich vor, etwas, dass dich nie wirklich ruhig schlafen lässt.

Auf meiner Homepage hast du sicher davon gelesen, dass ich etwas anderes überleben musste: Meinen Vater. Vielleicht auch schlimm, aber ganz anders schlimm, denn: Ich kann mich seit seinem Tod wirklich auf meine Heilung konzentrieren, es gibt keine aktuelle Bedrohung mehr, die mit damals vergleichbar wäre (abgesehen von heutigen materiellen Existenzängsten).

Aber du fühlst dich immer noch bedroht und bist es auch. Ich kann gut verstehen, dass du keine Vorsorgeuntersuchungen mehr machst. Ich wüsste auch nicht, wie ich mit solch einer Nachricht umgehen sollte.

Was deine Stärken angeht: Ich glaube schon, dass du eine sehr tapfere und sehr starke Frau bist (und eine sehr attraktive dazu), aber du bist eben nicht immer und nicht nur stark, genauso hast du Einbrüche von stärke und schwache Seiten. Ich empfinde es (auch für mich selbst, aber auch bei anderen Menschen) immer als eine enorme Stärke, wenn Menschen schwache Seiten an sich zulassen und zeigen können. Ich empfinde das für mich immer als total befreiend und auch prinzipiell einfach als sehr natürlich, wenn Menschen ihre schwachen Seiten eben auch zeigen können.

Niemand ist nur stark! Nur: Die meisten Leute wollen keine schwachen Seiten sehen, weil sie Angst haben, mit ihren eigenen schwachen Seiten konfrontiert zu werden, deshalb sagen sie dann auch lieber: Die Gisella ist stark, die schafft das alles! In dem Moment, wo sie das sagen, brauchen sie sich weder ihre eigenen, noch deine Schwächen anzusehen, und die allgegenwärtig spürbare Verletzlichkeit des lebens kann besser ausgeblendet und verdrängt werden. Das ist ja im grunde auch das Prinzip der Diskriminierung behinderter Menschen: Wenn ich selber noch mal drauf schlage, brauche ich mir die "schwachen" Seiten des anderen nicht anzusehen, und muss mich damit auch nicht mit meiner eigenen Verletzbarkeit auseinandersetzen.

Auch wenn du äußerlich nicht behindert wirkst, spürst du dieses Prinzip natürlich auch bei deiner Krebserkrankung. Und natürlich tut das manchmal einfach nur furchtbar weh. Diesen Schmerz kenne ich eben auch aus meiner Sozialisation als Mensch mit Tourette. Das ist etwas, was ich gut nachempfinden kann und wo ich mich dir auch einfach sehr nahe fühle.

Am liebsten würde ich dich jetzt mal gerne in die Arme nehmen, aber ich weiß nicht, ob das geht. Weiß nicht mal, ob du eine Lebensgefährtin oder einen Lebensgefährten hast, der dir manchmal den Rücken stärkt – ich wünsche es dir.

Gisella, wenn du magst, dann melde dich einfach wieder bei mir und wer weiß? Vielleicht können wir uns irgendwann mal gegenseitig stärken oder gucken, wie es ist, wenn die oder der andere gerade mal schwach ist...

... vielleicht passiert nichts, außer dass wir uns gegenseitig auffangen können. Das wäre doch schön, oder? In diesem Sinne wünsche ich dir noch einen schönen Urlaub mit deinen Kindern.

Alles Liebe sendet dir

Lothar


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