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Gedichte über das Leben - Seite 1284


Ein Reiter in den Zwölften

Die Müllerin, sie sah gut aus,
doch ihren Nachbarn war's ein Graus
Als Hex' war sie im Dorf verschrien,
 war viel zu frei, wie's ihnen schien

Hing Wäsche in den Zwölften auf,
der ruhigen Zeit im Jahreslauf
Der Jäger holt dich, warnte man
Sie lachte nur und sprach: na dann!

Am Abend die Geschicht' begann
Es hob ein starkes Wehen an
Ihr war's, als ob man sie berühr'
Da trat ein Reiter in die Tür,

ganz rüstig und mit weißem Bart
'Willst mitreiten?' hat er gefragt
Der Müllerin war angst und bang,
zum Glück, sie zauderte nicht lang,

sprach klare Worte, holt' ihr Kleid
Der Jäger war schon marschbereit
Da riss der Sturm ihr 's aus der Hand
Und weht' das trockene Gewand

dem Reiter grade vor die Füss',
was nichts Gutes ihr verhieß
'So willst du mitreiten', fragte er
Sie drang in ihn und flehte sehr:

'Hab Haus und Hof und Mann und Knecht,
es geht uns gut, wir sind nicht schlecht'
Der Fremde hob die Hand nach ihr
'Oh nein', schrie sie, 'lass mich doch hier,

ich trag ein Kind in meinem Bauch!'
Denn auch bei IHM ist es so Brauch,
Rücksicht zu nehmen auf die Frau,
und sei das Leben noch so rau

Im Kind fängt es von vorne an
Da hält man inne, selbst als Mann
So sank die Hand langsam herab,
berührte ihre Brust ganz knapp

Der Reiter ging, ihr wurde weh
Das blieb ihr lange Zeit, oh je
Doch auch im neuen Jahreslauf
hing sie stets Wäsche draußen auf!


Die 12 Tage zwischen dem Sonnen- und dem Mondjahr, die sog. 'Rauhnächte', galten früher als heilige Ruhezeit. Da war Odin, der 'wilde Jäger', mit seinem Heer verstorbener Seelen in den Naturgewalten unterwegs. Wer z.B. in dieser Zeit draußen Wäsche aufhing, gab, so glaubte man, dem Gott des Totenreiches auch Macht über sich.
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Lykantrophie

Der Spur von Tod, von Raub und Mord,
Ich folgte ihr zum Waldesrand,
kein Lebenszeichen fand ich dort,
der Sog hinein war fulminant

Die Neugier zwang mich in den Tann,
der Mond goss fahl sein Licht hinzu,
dann, eine Lichtung irgendwann,
und trügerische Ruh'

Ich schauderte, als das Geäst,
sich plötzlich auseinanderbog,
ein Untier, Hand ans Schwert gepresst,
im Fleischrausch mir entgegenzog

Ich rannte wohl nicht schnell genug,
verlor den Halt an Baumes Stumpf,
dies Vieh war echt, nicht Lug und Trug
mit Klauen, die der Jagd ein Trumpf

Sein Pelz begrub mich ganz und gar
als dunkle Wolke unter sich,
zu jung ich doch zum Sterben war,
mein Bangen greller Panik wich

Im Unterholz ich eisern rang,
die Stämme drehten sich um mich
und Blut und Stamm mich schwindeln zwang,
die Röte meiner Wangen blich

Mein Saft zerrüttete die Sicht,
der Armstumpf spritzte dazu bei,
ein Knacken, als wenn Knochen bricht,
erwirkte grausig Schrei um Schrei

Als mein Skelett zerschlagen schien,
besah das Vieh sein Meisterstück,
ein Knurren warf es mir noch hin,
dann döste es im Beuteglück

Aus Mörderlungen drang sein Hauch,
die Lefzen wogten fett im Blut,
es hob und senkte sich sein Bauch,
da keimte in mir Wut

Noch war ein Teil ich dieser Welt,
auch wenn mein Saft mich treulos floh,
das Vieh hat mir den Tag vergällt,
ich starb so oder so

Die Hand, die sich noch lenken ließ
verschaffte ein paar Meter mir,
obgleich ich Blut statt Atem bließ,
erreichte ich das Tier

So fest ich konnte stach ich zu,
vor Schmerz verzerrt, die Augen aus,
wie blind dann weiter, und im nu,
verklang das Brüllen, aus die Maus

Fontänen schossen aus dem Kopf,
ein roter Regen niederging,
ich stand im Blut vom Fuß zum Schopf,
mein Fleisch die Tropfen fing

Allmählich schob das Morgenrot
sich ungeduldig in das Bild,
erst mit der Sonne war ich tot,
zu gehen auch gewillt

Ein Jägersmann fand später dann
vor Ort das blutgetränkte Paar,
so pries er Gott und hob mich an,
der Tag war hell und klar

(C) Lars Abel
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