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Gedichte über das Gedicht - Seite 622


Die letzte Spur

Die letzte Spur
(Was bleibt, wenn alles weiterzieht)

Es gibt Orte, die langsam verschwinden. Nicht mit einem einzigen Augenblick, sondern Jahr für Jahr, beinahe unbemerkt. Ein Weg wird schmaler, ein Zaun fällt um, ein Graben füllt sich mit Gras. Schließlich bleibt nur noch eine Spur.

Eine solche Spur führte durch die Felder. Sie war kaum sichtbar und doch noch vorhanden. Wer sie suchte, konnte ihr folgen. Wer sie übersah, hielt sie für einen gewöhnlichen Streifen zwischen den Wiesen.

Der Wind strich über das Land, als hätte er die Aufgabe übernommen, die letzten Erinnerungen zu bewahren. Die Bäume standen dort wie seit Jahrzehnten, doch selbst sie wirkten älter geworden. Ihre Schatten reichten weiter als früher.

Ich ging die verbliebene Spur entlang und dachte an die Menschen, die einst hier unterwegs gewesen sein mochten. An ihre Wege, ihre Arbeit, ihre Hoffnungen. Von all dem war kaum etwas geblieben. Und doch schien nichts vollständig verloren.

Vielleicht hinterlassen Orte etwas von sich selbst. Nicht in Steinen oder Schildern, sondern in der stillen Gegenwart dessen, was einmal war. Wer aufmerksam genug ist, kann es noch spüren.

Als die Sonne hinter den Feldern versank, wurde die Spur immer undeutlicher. Das Licht löschte ihre Konturen nach und nach aus. Schließlich war sie kaum noch zu erkennen.

Doch selbst als sie verschwand, blieb etwas zurück. Eine Richtung. Eine Erinnerung. Der Gedanke, dass jeder Weg irgendwann endet, aber nicht alles vergeht, was ihn einst bedeutend gemacht hat. In der letzten Spur lebte noch ein stilles Echo der Zeit.




Die Wege unter dem Nebel

[b]Die Wege unter dem Nebel[/b]
(Ein Gedicht von den stillen Tagen)

Der Morgen steht schon vor dem Haus,
doch ich komm nur langsam mit.
Ein grauer Himmel schaut hinaus,
der Tag beginnt mit schwerem Schritt.

Der Kaffee dampft auf meinem Tisch,
daneben liegt ein offnes Buch.
Der erste Schluck bleibt bitterfrisch,
im Raum hängt noch der Schlafgeruch.

Vor meinem Fenster liegt das Feld,
so still wie oft im Novembergrau.
Der Wind fährt durch die kahle Welt,
und überm Graben steht der Tau.

Der Weg zum Briefkasten ist klein,
und doch wirkt er an manchen Tagen weit.
Ich rede mir dann manchmal ein,
es fehlt mir nur ein wenig Zeit.

Das Telefon bleibt stumm und schwer,
obwohl es manchmal leise blinkt.
Ich schieb die Antwort vor mir her,
bis die Erinnerung versinkt.

Dann kommt Odin zu meinem Stuhl
und legt den Kopf an mein Knie.
Kein Wort, kein Trost, kein Lebensziel,
nur Nähe ohne Theorie.

Ich streich durchs Fell. Er bleibt ganz still.
Als hätte er längst verstanden,
dass man nicht immer reden will,
wenn Schatten durch die Gedanken wandern.

Am Abend sitze ich am Glas
und schaue über Feld und Weg.
Der Nebel steigt aus nassem Gras
und legt sich tief über den Steg.

Die Weiden stehen grau am Rand,
fast wie verwischte Linien dort.
Ein Licht erscheint im Nachbarland,
dann trägt die Dämmerung es fort.

So ähnlich sah es oft in mir
an langen Tagen ohne Klang.
Kein deutliches Dort, kein richtiges Hier,
nur Müdigkeit und Stillstand lang.

Die Depression kam selten laut.
Sie trat nicht polternd durch die Tür.
Sie hat sich einfach aufgebaut
und setzte sich ganz nah zu mir.

Doch manchmal reicht ein kleiner Schein.
Ein Vogelruf im kahlen Baum.
Ein Streifen Sonne auf altem Holz.
Ein Bild, ein Satz, ein stiller Traum.

Der Geruch von Regen auf dem Feld.
Ein ferner Traktor auf der Au.
Ein Stück vertraute Alltagswelt.
Ein kurzer Fleck von Himmelblau.

Dann spüre ich, fast unbemerkt,
wie etwas leise weitergeht.
Nicht viel, doch etwas in mir merkt,
dass nicht die ganze Welt stillsteht.

Der Winter bleibt, doch nicht für immer.
Das hab ich oft genug gesehen.
Er nimmt dem Land für eine Weile Schimmer,
doch irgendwann beginnt das Grün zu stehen.

Zuerst wird nur der Abend hell.
Dann klingt ein Vogel durch den Wind.
Dann wächst am Wegrand, unscheinbar und schnell,
die erste Spur vom Neubeginn.

Und heute, wenn der Nebel fällt,
denk ich nicht mehr nur an Verlust.
Ich weiß, verborgen in der Welt
liegt mehr als Angst und Überdruss.

Die Wege bleiben, wo sie waren,
auch wenn man sie im Grau nicht sieht.
Und manchmal trägt nach dunklen Jahren
ein kleiner Hoffnungsschimmer das Gemüt.

So geh ich weiter, Schritt für Schritt,
mit Odin oft ein Stück voraus.
Noch ist nicht alles Licht in Sicht,
doch immer öfter find ich's raus.

Und hinter Feldern, Wind und Zeit,
hinter dem langen Winterlicht,
wartet kein Wunder, weit und breit -

doch vielleicht ein Morgen, der sein Versprechen hält.
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