Sortieren nach:

Gedichte über das Gedicht - Seite 621


Der Weg im Abendnebel

Der Weg im Abendnebel
(Wo die Welt im Grau verschwindet)

Der Weg begann noch deutlich zwischen den Feldern. Die Fahrspuren zeichneten helle Linien in die dunkle Erde, und die kahlen Weiden am Rand standen reglos im sinkenden Licht des Abends. Doch weiter hinten lag bereits der Nebel. Er wartete in den Senken und breitete sich langsam über die Landschaft aus.

Mit jedem Schritt wurde die Ferne kleiner. Die Baumreihen am Horizont verloren ihre Schärfe, die Wiesen wurden zu blassen Flächen, und selbst die Krähen am Himmel erschienen nur noch als dunkle Punkte im Grau. Der Weg führte weiter, doch sein Ziel war nicht mehr zu erkennen.

Der Nebel kam lautlos. Er verhüllte nichts plötzlich, sondern nahm die Welt Stück für Stück an sich. Erst verschwanden die Farben, dann die Formen, zuletzt die Entfernungen. Was nahe war, blieb sichtbar. Alles andere löste sich in Schweigen auf.

Ich ging weiter und hörte nur das Rascheln des trockenen Grases. Das Dorf lag längst hinter mir. Kein Licht war mehr zu sehen, kein Geräusch drang über die Felder. Der Weg schien durch einen Raum zu führen, der weder ganz zur Erde noch ganz zum Himmel gehörte.

Manchmal tauchte aus dem Nebel eine Weide auf, ein Zaunpfahl oder ein einzelner Strauch. Für einen Augenblick standen sie klar vor mir, dann wurden auch sie wieder vom Grau verschluckt. Es war, als würde die Landschaft atmen, als würde sie erscheinen und verschwinden nach einem eigenen, langsamen Rhythmus.

Schließlich war nur noch der schmale Streifen des Weges unter meinen Füßen sichtbar. Alles andere hatte sich aufgelöst. Die Felder, die Bäume und die Ferne waren verschwunden. Übrig blieben die nächsten Schritte und die Stille des Abends.

Als ich stehen blieb, schien der Nebel die ganze Welt zu tragen. Der Weg verlor sich vor mir in einem grenzenlosen Weißgrau. Und für einen Augenblick war es, als müsste nicht jeder Weg zu einem Ziel führen. Manche Wege genügen sich selbst, solange jemand bereit ist, ihnen durch das Schweigen zu folgen.


Wo einst Wagen fuhren

Wo einst Wagen fuhren
(Von den Spuren vergangener Tage)

Der Weg zog sich zwischen den Feldern hindurch, ruhig und unscheinbar. Wer heute hier vorbeikam, sah kaum mehr als zwei flache Spuren im Gras und einen schmalen Streifen Erde dazwischen. Doch lange bevor die Stille dieses Land erreichte, waren hier Wagen unterwegs gewesen. Schwer beladen hatten sie das Dorf mit den Feldern verbunden, Sommer für Sommer, Herbst für Herbst.

Die Räder hatten sich tief in den Boden gedrückt. Pferde hatten ihre Hufe in den Staub gesetzt, und die Menschen waren neben den Wagen gegangen, begleitet vom Knarren des Holzes und dem langsamen Takt ihrer Arbeit. Der Weg war damals kein Ort der Einsamkeit gewesen. Er gehörte zum Alltag, zu den Mühen und Hoffnungen derer, die von diesem Land lebten.

Nun standen die Felder still im Licht des Nachmittags. Der Wind strich über die Stoppeln der abgeernteten Äcker und bewegte die trockenen Halme am Wegrand. Nichts erinnerte auf den ersten Blick an die Menschen von damals. Und doch schien die Landschaft ihre Gegenwart nicht ganz vergessen zu haben.

Manche Wege bewahren mehr als ihre Richtung. Sie tragen die Last vergangener Schritte, vergangener Stimmen und vergangener Jahre. Zwar verweht der Wind die Spuren, und der Regen glättet die Erde, doch etwas bleibt zurück. Nicht sichtbar, nicht greifbar, aber vorhanden wie ein Echo, das lange nach dem letzten Klang in der Luft verweilt.

Ich blieb stehen und blickte über die weiten Felder. Die Sonne senkte sich langsam dem Horizont entgegen. Für einen Augenblick war es leicht, sich die alten Wagen vorzustellen, die aus der Ferne auftauchten und gemächlich näher kamen. Männer und Frauen, die ihre Arbeit verrichteten, ohne zu ahnen, dass eines Tages kaum noch jemand ihren Weg kennen würde.

Als das Abendlicht über die Erde fiel, schien der alte Fahrweg noch einmal seine Geschichte zu erzählen. Lautlos erzählte er von Ernten und Mühen, von Ankunft und Aufbruch, von einem Leben, das vergangen war und dennoch Spuren hinterlassen hatte. Zwischen den Feldern ruhte diese Erinnerung weiter, unscheinbar und beständig, wie der Weg selbst.




Unter den kahlen Weiden

Unter den kahlen Weiden
(Wo der Wind die Zweige zählt)

Unter den kahlen Weiden verlief ein schmaler Weg am Rand eines grabenartigen Bachs. Das Wasser war dunkel und träge. Es zog zwischen den Ufern dahin, lautlos und unbeirrt, als hätte es alle Jahreszeiten gesehen und keine von ihnen behalten.

Die Weiden standen dicht beieinander. Ihre Äste waren längst kahl geworden und zeichneten feine Linien gegen den blassen Himmel. Wenn der Wind kam, bewegten sie sich langsam und schienen miteinander zu sprechen. Ihre Stimmen bestanden aus nichts als einem leisen Rascheln, das über das Wasser glitt und im offenen Land verlorenging.

Der Weg war schmal und unauffällig. Zwischen feuchter Erde und trockenem Gras führte er am Bach entlang. Niemand schien ihn zu benutzen. Keine frischen Spuren waren zu sehen, keine Schritte, keine Reifenabdrücke. Nur die Natur begleitete seinen Verlauf.

Ich ging langsam unter den Weiden hindurch. Das Licht des Nachmittags fiel schräg durch die Zweige und legte helle Muster auf den Boden. Manchmal spiegelten sich die Äste im Wasser, als stünde unter der Erde eine zweite, stille Welt.

Je weiter ich ging, desto mehr schien sich die Zeit zu verlangsamen. Das Fließen des Wassers, das Schwanken der Zweige und das Schweigen der Landschaft gehörten einem Rhythmus an, der älter war als jede Erinnerung. Als ich schließlich stehen blieb, hatte ich das Gefühl, dass dieser Ort nichts von den Menschen erwartete. Er genügte sich selbst, unter den kahlen Weiden und dem offenen Himmel.


Nach dem Regen

Nach dem Regen
(Von Wolken in den Pfützen)

Der Regen war vorüber, doch seine Spuren lagen noch über den Feldern verteilt. Auf dem alten Weg hatten sich Pfützen gesammelt, groß und klein, rund oder langgezogen. In ihnen ruhte der Himmel.

Zwischen den Fahrspuren spiegelten sich Wolken, die langsam über das Land zogen. Das Blau des Himmels lag im Wasser ebenso klar wie über den Feldern. Für einen Augenblick schien die Welt doppelt vorhanden zu sein, einmal über der Erde und einmal auf ihr.

Der Weg war feucht und dunkel geworden. Das Gras am Rand trug schwere Tropfen, die in der Nachmittagssonne schimmerten. Aus den Gräben stieg der Geruch nasser Erde auf. Alles wirkte gereinigt, als hätte der Regen Staub und Unruhe mit sich genommen.

Ich blieb an einer großen Pfütze stehen. Eine Wolke zog durch ihr Spiegelbild, langsam und lautlos. Als ein Windstoß über die Wasserfläche strich, zerfiel das Bild in tausend kleine Wellen. Himmel und Erde lösten sich voneinander und fanden wieder zusammen.

Auf dem weiteren Weg begegnete ich keiner Menschenseele. Nur Lerchen stiegen über den Feldern auf, und ihr Gesang verlor sich in der Weite. Die Pfützen begleiteten mich wie kleine Fenster, in denen die Wolken ihre Reise fortsetzten.

Als die Sonne tiefer sank, wurden die Spiegel dunkler. Doch selbst im Abendlicht hielten sie noch etwas vom Himmel fest. Und es schien, als hätte der Regen der Landschaft für kurze Zeit die Fähigkeit geschenkt, über sich selbst hinauszublicken.


Der Winterweg

Der Winterweg
(Wo der Schnee die Schritte bewahrt)

Der Winter hatte das Land mit einer stillen Hand berührt. Schnee lag auf den Feldern, auf den Gräben und auf den Weiden am Wegesrand. Alles war heller geworden, zugleich aber auch schweigsamer.

Der Weg zog sich als schmale Linie durch die weiße Landschaft. Wo einst Erde und Gras sichtbar gewesen waren, lag nun eine geschlossene Decke aus Schnee. Nur wenige Spuren führten über sie hinweg.

Einzelne Fußabdrücke zeichneten sich deutlich ab. Sie kamen aus der Ferne, kreuzten den Weg und verschwanden wieder zwischen den Feldern. Niemand war zu sehen. Die Schritte gehörten einem Menschen, der längst weitergezogen war, und doch schien seine Anwesenheit noch in der winterlichen Stille zu verweilen.

Die Luft war kalt und klar. Jeder Atemzug stieg als blasser Nebel auf. Selbst der Wind bewegte sich vorsichtig über das offene Land. Es war, als wolle er die Spuren nicht verwischen.

Ich folgte dem Weg durch die verschneite Weite. Das Knirschen des Schnees unter meinen Schuhen war das einzige Geräusch. Die Welt schien kleiner geworden zu sein, reduziert auf Weiß, Grau und die dunklen Linien der Bäume am Horizont.

Als der Nachmittag in den Abend überging, färbte sich der Schnee leicht blau. Die alten Spuren lagen noch immer vor mir. Sie erinnerten daran, dass jeder Weg von Menschen lebt, selbst wenn sie längst verschwunden sind. Der Winter bewahrte diese Erinnerung für eine kurze Zeit und legte sie sichtbar auf die Erde.