Unter den kahlen Weiden
Ein Gedicht von
Lewin Dunkel
Unter den kahlen Weiden
(Wo der Wind die Zweige zählt)
Unter den kahlen Weiden verlief ein schmaler Weg am Rand eines grabenartigen Bachs. Das Wasser war dunkel und träge. Es zog zwischen den Ufern dahin, lautlos und unbeirrt, als hätte es alle Jahreszeiten gesehen und keine von ihnen behalten.
Die Weiden standen dicht beieinander. Ihre Äste waren längst kahl geworden und zeichneten feine Linien gegen den blassen Himmel. Wenn der Wind kam, bewegten sie sich langsam und schienen miteinander zu sprechen. Ihre Stimmen bestanden aus nichts als einem leisen Rascheln, das über das Wasser glitt und im offenen Land verlorenging.
Der Weg war schmal und unauffällig. Zwischen feuchter Erde und trockenem Gras führte er am Bach entlang. Niemand schien ihn zu benutzen. Keine frischen Spuren waren zu sehen, keine Schritte, keine Reifenabdrücke. Nur die Natur begleitete seinen Verlauf.
Ich ging langsam unter den Weiden hindurch. Das Licht des Nachmittags fiel schräg durch die Zweige und legte helle Muster auf den Boden. Manchmal spiegelten sich die Äste im Wasser, als stünde unter der Erde eine zweite, stille Welt.
Je weiter ich ging, desto mehr schien sich die Zeit zu verlangsamen. Das Fließen des Wassers, das Schwanken der Zweige und das Schweigen der Landschaft gehörten einem Rhythmus an, der älter war als jede Erinnerung. Als ich schließlich stehen blieb, hatte ich das Gefühl, dass dieser Ort nichts von den Menschen erwartete. Er genügte sich selbst, unter den kahlen Weiden und dem offenen Himmel.
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