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Gedichte über Emotionen - Seite 453


Der Jüngste

Der Jüngste
Ich bin der Jüngste von sechs Kindern,
ein Herz, geboren in eine Welt,
in der Liebe und Schmerz
von der ersten Sekunde an miteinander kämpften.

Als ich zum ersten Mal die Augen öffnete,
sah ich nicht den Hass,
nicht die Ablehnung,
nicht die Kälte.

Ich sah nur euch.

Ich liebte euch,
noch bevor ich wusste,
dass ihr mich eines Tages
von euch stoßen würdet.

Mein Herz kannte keine Wut.
Es kannte nur Familie.

Dann hörte ich eine Stimme,
sanft wie das Flüstern des Himmels,
warm wie die ersten Sonnenstrahlen
nach einer langen Nacht.

Es war die Stimme meiner Mutter.

Susi.

Sie nahm mich in ihre Arme,
schenkte mir Wärme,
Geborgenheit,
Hoffnung,
und einen Namen,
den ich bis heute mit Stolz trage.

Marvin.

Diesen Namen trage ich
wie einen Orden auf meiner Seele,
weil sie ihn mir schenkte –
die Frau,
die mich niemals zweifeln ließ,
dass ich willkommen bin.

Mein Vater...

Ernst.

Das Schicksal nahm ihn mir
für viele Jahre.
Mauern aus Stein
trennten Vater und Sohn.

Wir hatten nur wenig gemeinsame Zeit,
und doch bewahre ich jede gute Erinnerung
wie einen kostbaren Schatz,
denn auch sie gehört
zu meinem Herzen.

Meine Brüder...

Rouven.

Benjamin.

René.

Manoel.

Und meine Schwester...

Larissa.

Ob Halbbrüder oder nicht –
für mein Herz
gab es dieses Wort nie.

Blut entsteht nicht nur in den Adern.

Es entsteht dort,
wo Liebe entscheidet.

Ihr wart,
ihr seid
und ihr werdet immer
meine Familie bleiben.

Auch wenn ich oft das Gefühl bekam,
nicht dazuzugehören.

Auch wenn ich eure Liebe
nie so spüren durfte,
wie ich sie euch schenkte.

Ich trug niemals Hass in mir.

Nur Liebe.

Eine Liebe,
die selbst Ablehnung
nicht töten konnte.

Doch dann kam der Tag,
an dem der Tod
zwei Stücke meines Herzens
für immer mitnahm.

Benjamin.

Manoel.

Seit diesem Tag
trägt meine Seele Narben,
die niemand sehen kann.

Ich konnte euch nicht beschützen.

Und dieser Gedanke
wird mich begleiten,
bis mein eigenes Herz
eines Tages aufhört zu schlagen.

Vielleicht deshalb
versuche ich heute,
den Rest meiner Familie
mit allem zu beschützen,
was ich noch bin.

Mein eigenes Leben
war für mich nie das Wertvollste.

Ihr wart es.

Ich würde ohne Zögern
mein Leben geben,
wenn dadurch auch nur einer von euch
weiterleben dürfte.

Ich würde mich
vor jede Klinge stellen.

Vor jede Kugel.

Vor jedes Unheil.

Denn Liebe fragt nicht,
ob sie überlebt.

Liebe schützt.

Und genau das
ist alles,
was ich jemals wollte.

Ich bin erschöpft.

Zerbrochen.

Von den Stürmen des Lebens
tausendmal zu Boden geworfen.

Doch jedes Mal
stand ich wieder auf.

Nicht für mich.

Für euch.

Tief in meinem Herzen
lebt bis heute
eine kleine Hoffnung.

Vielleicht...

Vielleicht wird eines Tages
einer meiner Geschwister
auf mich zukommen,
mich in den Arm nehmen
und mit ehrlichem Herzen sagen:

"Ich hab dich lieb, kleiner Bruder."

Für manche
ist das nur ein Satz.

Für mich
wäre es eine ganze Welt.

Und über allem,
über jedem Schmerz,
über jeder Erinnerung,
über jedem Menschen
steht sie.

Meine Mutter.

Susi.

Sie war mein Zuhause,
lange bevor ich wusste,
was dieses Wort bedeutet.

Sie schenkte mir Liebe,
als ich sie am meisten brauchte.

Sie schenkte mir Wärme,
wenn die Welt kalt war.

Sie gab mir Halt,
als alles andere fiel.

Sie machte aus einem kleinen Jungen
einen Menschen,
der trotz allem
noch lieben kann.

Und deshalb
ist sie das Heiligste,
was mein Herz kennt.

Sollte jemals jemand wagen,
ihr Herz zu brechen
oder ihr Leid anzutun,
würde in mir
eine Wut erwachen,
wie ich sie niemandem wünsche.

Nicht aus Hass.

Sondern aus der tiefen Liebe
zu der Frau,
die mir das Leben schenkte
und mich lehrte,
was Liebe überhaupt bedeutet.

Doch solange dieser Tag niemals kommt,
liebe ich euch alle.

Mit allem,
was von meinem Herzen
noch übrig ist.

Und falls ich eines Tages
nicht mehr unter euch bin,
dann wünsche ich mir nur eines:

Vergesst niemals,
wie unendlich sehr
euch der Jüngste liebte.

Vergesst niemals,
dass jeder Herzschlag,
jede Träne,
jede Hoffnung
für euch bestimmt war.

Ich war nie perfekt.

Ich war nur ein kleiner Bruder,
der sich nichts sehnlicher wünschte,
als seine Familie zusammenzuhalten.

Und vielleicht...

Vielleicht wird meine Hoffnung
eines Tages wahr.

Vielleicht werde ich doch noch hören:

"Wir haben dich lieb, kleiner Bruder."

Bis dahin
trage ich eure Namen
für immer
eingraviert
auf meinem Herzen.

Susi.

Ernst.

Rouven.

Benjamin.

René.

Manoel.

Larissa.

Und ich...

Marvin.

Der Jüngste.

Der euch nie aufhörte zu lieben.

Egal,
was das Leben
mit seinem Herzen gemacht hat.
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