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Gedichte über Anerkennung - Seite 64


Nachtbus ohne Ziel

Markus ist wieder unterwegs,
die Nacht ist groß, der Rucksack schwer.
Die Mails vom Amt – er öffnet keine,
sie drücken nur, sie helfen nicht mehr.

Er will nicht bitten, nicht betrügen,
kein Antrag, der ihn bindet hier.
Lieber gehen mit leeren Taschen
als ein Leben ohne Tür.

Der letzte Job – ein Rad, ein Auftrag,
ein müder Bildschirm, müder Blick.
Ein „Danke“ noch, das nichts bedeutet,
ein Schritt nach vorn, zwei Schritt zurück.

Doch einen Satz trägt er noch bei sich,
als wär er Pflicht, nicht nur Gefühl:
„Wenn du Iris triffst, sag ihr bitte,
sie soll Nachsicht haben – mehr verlang ich nicht.“

Iris und er – sie blieben stehen
an einer Brücke, S-Bahn-Gleis.
Sie dachten, Wege könnten sich ändern,
wenn man nur weit genug verreist.

Gedanken wurden irgendwann zu Schritten,
nur Freiheit stand nie mit am Rand.
Man geht, um nicht mehr dort zu bleiben –
und lässt sich selbst zurück im Land.

Er sagt die Sätze längst gelernt,
kein Zittern mehr, kein Übermaß.
Im Kopf schon dort, wo keiner fragt,
wo niemand nach dem Gestern fasst.

„Wenn du Iris triffst“, sagt er leise,
sag ihr dies – mehr habe ich nicht:
Ich trage nur, was ich noch habe.
Der Rest gehört mir längst schon nicht.“

Die Stadt ist laut, sie frisst die Nächte,
Nachtbus, Zimmer, Zwischenzeit.
Matratzen, die nach Fremden riechen,
Fenster voller Einsamkeit.

Ein Aufkleber am Laternenmast,
sein Name, halb schon abgekratzt.
Was bleibt, sind Wege ohne Richtung,
und keiner, der dich wirklich fasst.

Mach die Tür zu. Licht aus. Schluss.
Markus kommt heut Nacht nicht heim.
Du kannst warten, bis es hell wird –
doch er passt nicht mehr hinein.

Du kannst warten, bis du sicher weißt,
dass Warten keinen Sinn mehr gibt:
Markus ist nicht fortgegangen.
Er ist nur nicht mehr darin.
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Kunst muß können

Ich ruf’s aus mit tiefem Grollen:
Kunst muß können, nicht nur wollen!
Wär’ allein der Wille Kunst,
hieße sie stattdessen „Wunst“.
Ja, ich weiß, der Gag ist alt,
stimmt jedoch im Wortgehalt.

„Jeder Mensch ist auch ein Künstler“,
sagte Beuys und meinte „Wünstler“.
Deshalb kritzelt jeder Wicht,
malt, als litte er an Gicht,
bildhauert und knetet,
singt, daß man ums Ende betet.

Oder tanzt sich gar den Wolf,
heißt nun „Flor“, hieß früher Rolf.
Denn der Künstlername gilt
selbst, wo Schmiere ziert das Bild.
Ebenso ist dies beim „Dance“:
Jeder Plattfuß hat auch Fans.

Singen, Tanzen oder Schmieren –
freies Recht auf Dilettieren!
Solch eine Demokratie
gab’s bei Rubens aber nie,
nicht zu Zeiten von Bellini,
Mozart, Händel und Rossini.

Damals mußte man viel können,
wollte Künstler man sich nennen,
mußte streng im Versmaß reimen,
nicht nur Worte ‘runterschleimen.
Malerei, Musik und Schreiben
kann man nur mit Fleiß betreiben!

Worte, Bilder und auch Noten
reisen durch die Zeit als Boten.
Twain, Fontane, Wilde und Mann
schrieben diese Welt in Bann.
Cranach, Raffael und Dürer
sind bis heute Faszinierer.

Und Dalí, ganz surreal,
war verrückt zwar, doch genial.
Statuen von E. Degas
sind auch heute noch Eins A.
Die Musik von Johann Strauss
garantiert stets viel Applaus.

Doch bei neuen „Performäncen“,
stößt das Können oft an Grenzen.
Denn zur „Kunst“ erklärt wird laut
jeder Bockmist, den wer baut.
So wird mancher Depp zum Star,
nur weil er ist sonderbar!

Dem ist Ruhm oft garantiert,
der sich weder schämt noch ziert.
Steht ein Scharlatan am Pult,
wird selbst Müll zu Kunst und Kult.
Gottlob sehen’s nicht nur Neider,
daß der Kaiser ohne Kleider.

© Micha Schneider
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