Tina und der Weg zur Weisheit

Ein Gedicht von jogdragoon
*
Heftige Winde blasen
Wolkenberge über den Himmel rasen.
Immer und immer wieder
fallen Wassermassen nieder.
Doch langsam tritt dort Ruhe ein
der Himmel will nicht traurig sein !

So reisst er Wolkenmassen auseinander
und wie durch ein Wunder
zeigt sich der Himmel oben blau.
Doch weiter hinten bleibt er grau
und zeigt davor jetzt ungelogen
einen wunderschönen Regenbogen.

Ursprung ist das weiße Licht
dass sich in Regentropfen bricht.
Die Lichtstrahlen, die nun gespalten
den grauen Grund nun Bunt gestalten.

Die Gesamtheit aller Farben im Gleichgewicht ist weiß !
Wer es bricht, zahlt einen Preis !
Denn mit der Farbe verliert sich die Kraft
die nährt und neues Leben schafft !

Wer Spaltung über Einheit stellt
und sich dann noch für besser hält
der wählte einen Lebenspfad
mit wenig Erkenntnis, Reifegrad !

*

Tina streckte müde ihre Arme aus.
Sie war schon vor einer halben Stunde erwacht,
blieb jedoch liegen und folgte mit den Gedanken ihrer heutigen Inspiration.
"Meine Schulzeit, meine Jugend, meine Freunde, meine Lehrer!
Was habe ich erlebt, gelernt und war der Weg gut für mich ?"
Sie stellte sich dieser Herausforderung und begann in sich hineinzufühlen.
Es fühlte sich zumindest einigermaßen gut an.
Es kamen auch negative Erinnerungen in ihr hoch.
Wenn sie recht bedachte,
dann war der Frontalunterricht in einer mit ungefähr 30 Kindern besetzten Klasse teilweise langweilig
und doch auch voller kleiner Abenteuer gewesen.
Um dieses Thema zu vertiefen und neue Erkenntnisse zu gewinnen, fasste sie für heute einen Plan.
Sie machte sich fertig, schmierte sich ihre Frühstücksbrote und machte sich einen heissen Caro Kaffee mit Kokosmilch und Honig, den sie in eine Thermoskanne füllte.
Nachdem sie alles in ihrem Rucksack verstaut und ihren Hund gefüttert hatte, zog sie sich ihre Jacke und Wanderstiefel an, setzte ihren Schlapphut auf und ging mit ihrem Hund den Berg hinab ins Dorf.
Morgendliche Aufbruchstimmung der Natur erfüllte ihre Wahrnehmung.
Die Vögel zirpten laut und ihr Hund lief agil hin und her, schnüffelte hier und dort, wie er es immer tat.
Im Dorf angekommen, bemerkte sie die menschenleere Stille. Die Kinder waren schon in der Schule und die Menschen bereiteten sich auf ihren Arbeitsalltag vor.
So ging sie dann weiter zur Schule und setzte sich, unweit des Schulhofs, auf eine Bank.
Sie nahm ihr Frühstück aus dem Rucksack,
goss sich den heissen Caro Kaffee in einen Becher und genoss die frische Morgenluft.
Verloren geglaubte Erinnerungen kamen in ihr hoch, die Namen von Lehrern, ihren Schulfreunden und deren individuelle Eigenheiten.
Bilder aus der Vergangenheit und besondere Begebenheiten erfüllten sie mit Freude.
So dachte sie jetzt intensiv an ihre damalige beste Freundin, mit der sie viel gekichert, gelacht und unternommen hatte.
An zerrissene Kleider, nasse Füsse, harmlose Streiche und an ihre lebhafte Jugend.
"Ja", dachte sie. "Das Leben haftete an uns jungen Kindern.
Es haftet noch immer an mir, jedoch nicht mehr ganz so kindlich verspielt, wie damals."
Selten hatte sie noch Kontakt zu ihrer Freundin.
Sie beschritt einen anderen Lebensweg und leider hatten sich ihre Lichtgrade weit voneinander entfernt.
'Lichtgrad', was für ein Wort! .. Früher nannte sie es Reifegrad.
Doch schon vor einiger Zeit bemerkte sie, dass das negativ verstanden wurde, weil viele meinten,
dass sie sich selbst damit überhöhen würde.
Dabei ist die Vielfalt des Lebens ein Qualitätsmerkmal des Universums und unterschiedliche Reifegrade,
in den unterschiedlichsten Disziplinen, sind essenziell.
"Das Universum liebt die Abwechslung, ansonsten wären nicht alle Sandkörner im Universum unterschiedlich!"
sagte sie wieder einmal, zu sich selbst.
Dann überlegte sie sich ein passenderes Wort:
'Lichtgrade', der Grad an lichtvollem Sein, in einem bewussten Lebewesen, gemessen von dunkel bis grell. Zwischen Dunkelheit und Überlicht.
Auch hier liegt die Stabilität in der Mitte.

Plötzlich durchbrach ein lautes 'Ding-Ding-Dong' ihre Gedanken.
"Pause" dachte sie und erinnerte sich an laut schreiende Kinder, die auf den Schulhof stürmten.
Sie war damals eines von ihnen.
Doch so war es nicht mehr!
Langsam gingen Kinder auf den Schulhof, ihr Handy in der Hand.
Nur wenige unterhielten sich miteinander.
Ein paar Kinder fielen ihr auf. Sie erinnerten sie an früher.
Lebendig, beweglich, miteinander redend und auch etwas lauter als all die anderen.
Unter ihnen waren auch Esselia und Ron.
Sie erinnerte sich an ihr letztes Gespräch mit den Beiden.
Als sie Tina auf der Bank sahen, sah Tina, wie sich ein ehrliches Lächeln um ihre Münder und in ihre lebendigen Augen legte.
Tina dachte sich: "Oh, ein gutes Zeichen!
.. Ich hatte schon befürchtet, dass sie mit ihrem neuen Wissen bei Lehrern und Schülern anecken könnten."
Esselia und Ron überlegten nicht lange und gingen direkt zu Tina.
Sie begrüßten sich freundlich und Esselia fragte sofort unerwartet direkt:
"Du, Tina ... Ron und ich haben uns gefragt, was Weisheit ist ?
Kannst Du uns das sagen ?"
Tina lächelte etwas intensiver und antwortete:
"Ich freue mich darüber, dass ihr mir Eure wertvollen Fragen anvertraut.
Gerne helfe ich Euch dabei, dass herauszufinden.
Was meint ihr denn, was Weisheit ist ?"
Ron schaute Esselia auffordernd an und diese sagte:
"Meine Mutter hat mir erklärt, dass sie gehört hat,
dass Weisheit 'gelebtes Wissen' ist.
Ist das so ?"
Tina erklärte: "Im Ansatz ist das richtig, trifft meiner Meinung nach jedoch den Kern der Sache nicht genau.
Weisheit hat eher etwas mit Weiß zu tun, als mit Wissen."
"Wieso Weiß ?" fragte Ron überrascht.
Tina fuhr fort:
"Weiß ist die Summe aller Farben, die in ihr zu gleichen Teilen vorhanden sind
und stellt damit ein Symbol für die Einheit im Gleichgewicht dar.
Gespaltenes weißes Licht ergibt die einzelnen Farben.
Doch sie sind gespalten, aus der Einheit gerissen und häufig unterschiedlich intensiv.
Des weiteren ist Weiß lichtvoll, auch wenn es als Farbe das gesamte Licht reflektiert
und deshalb auch das darunter liegende Objekt kühl hält.
Dementsprechend ist die tiefere Erkenntnis von Weiß eine Grundlage von Weisheit."
Tina machte eine Pause um Esselia und Ron die Möglichkeit zu geben, diesen Gedanken aufzunehmen und zu vertiefen.
Ron sagte "So habe ich das noch gar nicht gesehen!
Dann ist Weisheit gelebtes Wissen, dass auf tieferen Erkenntnissen beruht ?"
Esselia blickte überrascht auf: "Mensch Ron, das hast Du ja richtig gut gesagt!"
Tina antwortete: "So sehe ich das auch.
Ihr Beide seid schon sehr erfahren, wenn ihr das so schnell verstehen könnt.
Ergänzen möchte ich noch, dass Wissen sehr oft fehlinterpretiert wird."
Sie schauten alle Drei zum Hund, der sich über den Mülleimer gebeugt hatte und hinein sah.
Dann ließ er davon ab und schlendete ein wenig umher.
Ron schaute wieder Tina an und fragte "Was meinst Du damit ?"
Tina blickte auf und fuhr fort:
"Wissen ist die Vermutung, dass Gelerntes, Erkenntnisse, Erfahrungen und daraus sich ergebende Glaubenssätze vollständig wahr sind.
Leider ist das fast immer ein Irrtum.
Jeder Glaubenssatz, von dem man glaubt, dass er Wissen ist, enthält einen Fehleranteil."
"Was sind denn solche Fehler ?" fragte Esselia.
Tina überlegte kurz und antwortete:
"Denkt an Eure Pause! .. Sie ist bestimmt bald vorbei.
Ich werde dass hier nur ganz kurz zu erklären versuchen.
Fehler im Wissen beziehen sich zumeist auf den Kontext.
Der Kontext ist das Umfeld, in dem ein Glaubenssatz Gültigkeit hat.
Die häufigsten Fehler sind, dass der Zeitraum und der Bereich nicht definiert sind.
So ist die Behauptung "1 + 1 ‎ = 2" ein mathematisches Gerüst, ohne konkreten Inhalt.
Wird die Realität darauf abgebildet,
so werden häufig Kategorie, Objektbeeinflussendes, Zeit und Bereich nicht mit definiert.
So ist ein Apfel und ein Apfel nur unter mindestens folgenden Bedingungen gleich zwei Äpfel:
Mit der Definition eines Apfels über Apfelkategorie einer Apfelsorte mit einem Gewicht von bis.
Das ganze befindet sich an einer kugelförmigen Örtlichkeit im Umfang von so lang
und in einem Zeitraum von jetzt bis gleich,
unter Frequenzeinfluss apfelerhaltender Strahlungen
und einer Umgebungstemperatur sowie einem Luftdruck von bis."
Tina wartete wieder auf eine Reaktion.
Esselia sagte: "Wenn man es so genau nimmt, dann hast Du recht.
Es gibt immer irgendetwas, das nicht bedacht wurde und damit ist Wissen dann tatsächlich nur ein Glauben,
der in den meisten Fällen stimmig sein sollte."
Sie wandte sich Ron zu: "Was 'stimmig' ist, hat mir meine Mutter erklärt.
Das ist, wenn man in sich hinein fühlt und etwas sich richtig anfühlt."
Ron sagte: "Ach so! .. Das ist also mit dem eigenen Fühlen prüfen, ob eine Aussage so für mich wahr ist,
oder so wie Tina gerade gesagt hat, größtenteils wahr ist."

Ein Ding-Ding-Dong ertönte und die Pause war zu Ende.

Esselia und Ron verabschiedeten sich noch schnell von Tina und als sie zurück zur Schule gingen,
hörte Tina Esselia noch zu Ron sagen: "
Ich glaube, wir haben jetzt mehr in der Pause gelernt, als wir heute sonst lernen werden !"
Ron schüttelte bejahend den Kopf und dann liefen sie schnellen Schrittes zur Schultür.
Tina rief ihren Hund, erhob sich, packte ihre Sachen ein und machte sich auf den Heimweg.
Gerne dachte sie an das soeben erlebte, wandte sich ihrem Hund zu und sprach:
"Energie folgt der fokussierten Aufmerksamkeit !
Ich wünschte, alle Kinder wären so interessiert wie Esselia und Ron.
Sie sind noch sehr jung und haben schon einen höheren Lichtgrad erreicht, als so mancher Erwachsener ! .. schön und schade !"

© jogdragoon
Bibat ex me qui potest

Informationen zum Gedicht: Tina und der Weg zur Weisheit

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05.04.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (jogdragoon) für private und kommerzielle Zwecke frei verwendet werden.