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Gedichte über das Leben - Seite 875


Yggdrasil

Da war einmal ein alter Traum
Die Welt, sie wäre wie ein Baum
Ein Adler, der sitzt im Geäst
In seinem Aug ein Habicht fest
Die Ziege Heidrun, die dort frisst
Die Toten nährt, wie ihr wohl wisst

Der Drache unten ist gefährlich
Er nagt am Wurzelwerk begehrlich
Das Eichhörnchen möchte vermitteln
Und hat den schwier‘gen Part des Dritten
Denn nur gehässig sind die Worte
Am hohen und am tiefen Orte

Die Krone ist das Himmelreich
Sie ist dem Geist, den Göttern gleich
Da grünt‘s und blüht‘s, da trägt es Früchte
Man ist im Glanz, im vollen Lichte
Hier möchte jeder gerne leben
In stetem Glück und Freude schweben

Doch unten ist der Grund des Lebens
Der Halt, die Basis allen Strebens
Wo Wurzeln vielfach sich verzweigen
Mit Kraft durchs Erdreich wachsen, treiben
Zum Wasser und nach Nahrung streben
Da ist ein stilles, dunkles Leben

Dazwischen ist die Mittelwelt
Wo alles wichtig ist und zählt
Wo Hirsche knabbern an den Trieben
Wo Menschen wohnen, schaffen, lieben
Groß ist die Lust - und groß die Not
Und Fäulnis an dem Stamme droht

Den g a n z e n Baum, den darf man ehren
Verstehen, achten, hüten, nähren
Ein Reich alleine ist verloren
Denn alles ist so tief verschworen
Wir alle dürfen uns entwickeln
Und manchmal muss man auch vermitteln


Anm.: Der alte Mythos vom Weltenbaum, der Weltenesche Yggdrasil, war unseren germanischen Vorfahren ein Sinnbild der Weltordnung. Im Bild des Baumes verstanden sie, dass die Welt eins ist und ihre Bereiche hat, die von Wesen bewohnt sind. Es ist der alte Schamanenbaum, gegliedert in die 3 Bereiche Oberwelt, Unterwelt und Mittelwelt. Bei den Germanen war es das Midgard der Menschen rings um den Stamm des Baumes, das Asgard der Asen über der Krone des Stammes und das Hel der Toten unter den Wurzeln des Weltenbaumes.

Ratatöskr ist das Eichhörnchen in der Edda, das zwischen oben und unten vermitteln will. Da aber die Wesen und Welten so unterschiedlich sind, kommt es nur zu Gehässigkeiten zwischen Adler und Drache.

Ein kleines eigenes Video zum Weltenbaum: https://youtu.be/uCjzYXP_WGU
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Lebenszeit

ein längst vergangenes Leben
heute nur noch Buchstaben und Zahlen auf einem Stein.
auch dieses Leben hatte seine Zeit
hatte seine Tage, Stunden, Minuten des Hoffens, des Glücks und des Leids
lebte jede Sekunde
musste jede Sekunde leben, hoffen, leiden
so wie wir jede Sekunde, jede Stunde, jeden Tag leben müssen,
ob wir wollen oder nicht
uns kommt das Leben so lang vor
meist unvorstellbar das es endet
wie qualvoll lang erscheint uns manche Sekunde
wenn wir warten müssen, Schmerzen haben, Angst ertragen müssen
und dann steht man vor einem Grab
liest den Tag der Geburt
und Sekundenbruchteile den Tag des Todes
man rechnet die Lebensjahre
vergleicht sie mit den Seinen
überlegt wie alt man ist
und wie viele Jahre man noch bis zu dem endgültigen Alter des Toten hat
oder um wie viele man diesen schon überlebt hat
dann überlegt man wie lange dieses Leben doch eigentlich dauerte
wieviel dieser Mensch erlebt hat, erlebt haben könnte
welche Ereignisse in seiner Lebenszeit so stattgefunden haben
und wie er sie wohl empfunden hat
wie er dazu stand
auch überlegt man wieviel Zeit seit dessen Tod vergannen ist
wie schnell sie doch, gefühlt, bis zum jetzigen Tag vergangen ist
wieviel Leben doch tatsächlich in der ganzen Zeit passierte
wie viele Leben geboren wurden und endeten
wie lange uns doch das Jetzt vorkommt und wie kurz die Vergangenheit
und doch war, ist jeder Moment gleich lang
und wir merken wie kurz doch unsere Zeit ist
wie schnell, spätere Generationen, unsere Lebenszeit erfassen können
vom Tag der Geburt bis zum Tag des Todes sind es nur Sekundenbruchteile

02.01.2019
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